Zeitung Heute : Das Leben danach

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Von Lutz Haverkamp

In die tiefe Trauer mischen sich Fragen. Fragen nach dem Warum. Fragen nach dem Wie. Und viele Menschen fragen sich, wie auf den Mord an 16 Menschen durch einen 19-Jährigen zu reagieren ist. Das bundesdeutsche Waffengesetz ist gerade verschärft worden, am selben Tag. Reicht das? „Von dem Extremfall auf den gesellschaftlichen Standard zu schließen, ist ein typisch deutsches Phänomen“, sagt Hermann Lutz, ehemaliger Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP) dem Tagesspiegel. Aber er rät dringend davon ab, diesem Verlangen sofort und bedingungslos nachzugeben. „Ich halte nichts davon, jetzt reflexartig eine weitere Verschärfung der Waffengesetze und anderes mehr zu fordern, ohne über die Hintergründe der schrecklichen Tat in Erfurt Bescheid zu wissen.“

„Auffällig unauffällig“

Am Tag danach ist vieles von der Tat selbst noch ungeklärt. Der Täter sei „auffällig unauffällig gewesen“, sagt der thüringische Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) am Samstag auf einer Pressekonferenz. Bei der Durchsuchung der Wohnung des Amokläufers, die er mit seiner Mutter bewohnt habe, sei außer einer ungewöhnlichen Menge von Munition nichts auffälliges gefunden worden. Kein Abschiedsbrief, keine Gewaltvideos, keine einschlägigen Computerspiele. Selbst die eigene Mutter habe ausgesagt, dass sie an ihrem Sohn nichts außergewöhnliches festgestellt habe. Keine Vorstrafen, eine reguläre Waffenbesitzkarte, Mitgliedschaft in zwei Schützenvereinen. Zwei so genannte Profiler machen sich nun ans Werk, um den Attentäter besser zu verstehen. Oder die Attentäter? „In mein Hirn will nicht hinein, dass ein Täter allein eine solche kriminelle Energie entwickeln kann“, sagt Ministerpräsident Vogel. Und das, obwohl „man dazu neige“, von einem Amokläufer auszugehen.

Ob der 19-Jährige Robert Steinhäuser von einem Lehrer in einem leeren Raum eingeschlossen wurde und sich dort selbst erschoss, konnte der thüringische Innenstaatssekretär Manfred Scheer auf der selben Pressekonferenz nicht bestätigen. Die Erfurter Polizei schon. „Das ist so gewesen“, sagt eine Mitarbeiterin. Aber andere Fragen kann sie nicht beantworten – oder will es nicht: Trug der Polizist, der als erster am Gutenberg-Gymnasium ankam, eine schusssichere Weste? Hat es den Versuch einer Kontaktaufnahme mit dem Täter gegeben? Wie sind die Beamten innerhalb des Gebäudes vorgegangen? Wurden gar Fehler gemacht?

„Die Frage, ob die Polizei bei solchen Einsätzen etwas falsch macht, ist so alt wie die Polizei selbst“, sagt Lutz. Doch die Ursache liegt woanders: „Diese Gesellschaft lebt mit immer mehr Gewalt“, erklärt der Ex-GdPChef und verweist auf die Statistik. Und wie sich davor schützen? Hat es Erfahrungen nach dem Attentat an der amerikanischen High-School in Littleton gegeben, die hier in Deutschland umgesetzt wurden? „Nein“, sagt der gebürtige Erfurter Lutz. „Und Metalldetektoren an Schuleingängen und Polizisten, die im Streifendienst und bei banalen Einsätzen bis an die Zähne bewaffnet sind, wären auch wohl nicht mehrheitsfähig.“ Zum deutschen Alltag gehöre es, dass der Polizist eine halbwegs zivile Erscheinung abgebe und nicht aussehe wie ein Marsianer. „Das ist ein Vertrauensvorschuss an die Bürger nach dem Motto ,Es wird schon gut gehen’.“ Diesmal ging es nicht gut. Der 42-jährige Polizist, der als erster am Tatort ankam, war sofort tot.

„Wir wissen es nicht“

Über 40 Schüsse hat Robert S. abgefeuert, alle aus der Pistole – und meistens in den Kopf seiner Opfer. Die Pumpgun hat er nicht benutzt. 500 Schuss hatte er noch innerhalb der Schule deponiert. Hatte er vor, noch mehr Menschen zu töten? „Wir wissen es nicht“, sagt Ministerpräsident Vogel mehrmals am diesem Samstag Nachmittag. „Für eine Bewertung ist es noch viel zu früh.“ Und die, die es wissen könnten, seien tot.

Das Leben müsse weitergehen. Auch das sagt Vogel auf der Pressekonferenz mehrmals. Thüringen befinde sich jetzt in tiefer Trauer und ganz Deutschland und Europa trauere mit. Und Vogel sagt noch etwas mehrmals: Trauer sei etwas anderes als lähmendes Entsetzen. Denn das dürfe Trauer nicht sein.

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