Zeitung Heute : Das Leben ist eine Currywurst

Denny Reinhardt duftet zum Anbeißen: Er verkauft Würste – ein schöner Beruf, da ist er mit Minister Clement einig

Christine-Felice Röhrs

Der Verkauf einer Currywurst, könnte man sagen, hat etwas Therapeutisches: hungerschwachen Menschen beizubringen, sechs Entscheidungen zu fällen, um satt zu werden (Zwei! Currys! mit Darm! und Pommes! rot-weiß! plus ’nen Spritzer Worcestersauce!). Aber ob sich Psychoanalytiker deshalb hinter der Theke von Fastfood-Buden auch wohl fühlen?

Solche Currywurstakademikervisionen wabern seit kurzem durch die Politik. Superminister Clement und SPD-Generalsekretär Scholz sind große Freunde der Idee, arbeitslosen Akademikern schon bald jede „zumutbare“ Aufgabe aufzuzwingen (Clement: Ich habe als Student sogar mal 1000 Würstchen am Tag verkauft. Ein ehrenhafter Beruf). Die SPD-Abgeordnete Sigrid Skarpelis-Sperk hingegen findet sie unerhört. Ehrenhaft oder unzumutbar? Und was sagt der, der es freiwillig macht? Ganz unakademisch und jeden Tag? Denny Reinhardt zum Beispiel, 39, Verkäufer bei „Curry 36“ am Mehringdamm.

Immer montags bis freitags von 15 bis 22Uhr steht Denny hinter der Theke – seit 14 Jahren schon und bestimmt noch lange, denn: Currywürste sind krisensicher. „Je schlechter es den Leuten geht, desto besser laufen unsere Geschäfte“, sagt Dennys Chef, Lutz Michael Stenschke. Seit einem Jahr sind seine Mitarbeiter pro Schicht sogar zu dritt: zwei, die verkaufen, und einer, der den Rücken freihält, der Ketchup in die Pumpflasche füllt und rechtzeitig Würstchen nachlegt, von links oben auf der Bratplatte nach unten, in drei Reihen nebeneinander. Dass Würste je nach Andrang zur rechten Zeit gar werden, das erfordert logistisches Denken, sagt Denny. Ist gar nicht so einfach.

Dennys Leben ist eine Kreuzberger Erfolgsgeschichte. Nicht von Anfang an zwar, aber später doch, als die Currywürste ins Spiel kommen. Die Geschichte beginnt gleich um die Ecke, in der Obentrautstraße. Denny wächst auf in der Kneipe der Mutter, als vorletzter von sechs Jungs. Er lernt auf dem Bau, aber weil er die Berufsschule nicht mag, schmeißt er die Lehre. Dann jobbt er als Zapfer im „Vogt’s Bier-Express“ am Mehringdamm, gleich neben dem „Curry 36“. Da ist er den Würsten schon ganz nah, aber das Schicksal hat noch einen Schlenker vor. Es führt Denny ins Landessozialgericht, wo er als Bote arbeitet – nur wird es ihm da bald sehr langweilig. Eines abends in der Kneipe also, da ist er schon ein bisschen „anjedattelt“, fragt er den Chef vom „Curry 36“ nach Arbeit. Sagt der Chef: „Quatsch nicht so ville, morgen fängste an.“

Sogar der Kanzler stellt sich hier an

Wer Denny bei der Arbeit beobachtet, der ahnt nicht, dass es schwer sein kann, sie zu lernen. Ist durchaus nicht jeder geeignet dafür, sagt Denny. Nicht, dass er was gegen arbeitslose Akademiker hätte, wenn sie in die Branche drängten. Denny hat keine Vorurteile. Die verschwinden schnell an einer Wurstbude. Schlipsträger sind selten die Schnösel, für die die Kumpel sie halten, sagt Denny, hier stellt sich ja sogar der Kanzler persönlich an. Aber das motorische Feingefühl zum Beispiel… heikel. Es hat Wochen gedauert, bis Denny kapiert hat, wie er mit der einen Hand die Wurstklammer halten muss, um mit der anderen richtig schnell zu schneiden. Und dann waren seine Scheiben anfangs so zierlich. „He, püriert will ich die Wurst aber nicht“, haben die Leute geschimpft.

Jetzt, nach 14 Jahren, sind die Handgriffe wie abgezirkelt: Pappe packen, Wurst klammern, Wurst hacken, Currystreuer hochwerfen, umgekehrt auffangen, ordentlich drauf, Gabel in Wurst, Serviette unter Pappe, auf die Theke damit. Schnelligkeit ist Umsatz. Und immer gucken, ob sich draußen nicht einer mit Ketchup bekleckert, dann wär’s perfekt, mit der Serviette schon zu winken, bevor der Gast auch nur hochguckt.

Und dann kommt es ja auch noch auf sprachliche Präzision an. Maulfaul darfste nicht sein am Kunden, denn der bestellt nie korrekt: zwei Currypommes, bitte, wat soll denn det heißen? Also schnell fragen, schnell reagieren: mit Darm oder ohne, geschnitten oder ganz, ein Brötchen oder keins, aha, schärfer, na, dann Chilikörner, oder Extrapulver, die Zwiebeln roh, scharf, gedünstet, und was auf die Fritten?

Bei Denny stehen oft die meisten Kunden an, er kann mit Leuten, und das ist das Wichtigste am Job: der Event zur Wurst. Denny singt und lacht, schmeißt die Ketchupflasche wie Barkeeper ihren Shaker und blödelt mit den Gästen. Früher, sagt er, war er ja nicht so. Früher war er sehr ruhig, einer, der in der Kneipe nicht angequatscht werden wollte. Aber die kleine Wurstbühne hat ihn Selbstbewusstsein gelehrt und auch ein bisschen Selbstzufriedenheit, die kann er aus den Mundwinkeln nicht verbannen. Er hat eben auch Macht hier. Hunger stillen. Gerüchte kennen. Die Gerichte der Stammkunden schon fertig haben, bevor sie die Theke erreichen. Und alle grüßen sie ihn, sogar in Lankwitz oder am Ku’damm, einmal auch auf Mallorca, auf der Promenade in Cala Ratjada, da dachte er, er sei auf dem Mehringdamm.

Wer beweisen will, dass im Arbeitsleben ein netter Chef viel erfolgreicher ist als ein strenger, der muss sich nur bei „Curry 36“ umgucken. Nicht nur Denny ist schon lange da. Peggy ist auch schon neun Jahre dabei und Tinchen zehn Jahre. Tinchen kennt der Chef schon von klein auf, sie ist in der „36“ aufgewachsen. Sogar Dennys Mutter hat der Chef noch untergebracht. Sie, die nachts nicht mehr schlafen kann, weil sie so lange in ihrem Leben bis früh gearbeitet hat, hilft jetzt nach Ende der Spätschicht sauber machen.

Dass sich Denny auf Arbeit zu Hause fühlen würde – so viel hat er nie erwartet. Er darf er selbst sein und auch noch ein Teil der Straße. Er schlichtet Streit, hilft den Menschen auf die richtigen Busse, und der Wolfgang, der Chef vom Spätkauf in der U-Bahn, winkt ihm immer zu. Aus Dennys Sicht ist der sechsspurige Mehringdamm ein Mikrokosmos, der sich um die Wurst dreht. „Currywürste sind mein Leben“, sagt Denny. Aber woanders würd’ er den Job nicht machen wollen.

Wohnung mit Blick ins Grüne

Denny mag es nicht, wenn der Curry zwischen den Fingern klebt. Aber sonst hat er keine Klagen. Nicht einmal der Fettgeruch macht ihm was. Zieht er sich halt um, nach der Arbeit, „bis runter auf Strümpfe und Schlüpper“. Und wenn wirklich einer sagt „du stinkst“, dann erwidert Denny: „Ich stinke nicht, ich dufte, deshalb finden mich alle zum Anbeißen.“ Wie viel er verdient, sagt er nicht. Aber vor zwei Jahren konnte er Kreuzberg, das ihm zu laut wurde, verlassen und eine schöne Wohnung in Buckow mieten, im dritten Stock mit grünem Blick raus nach Großziethen. Eine Verbesserung, die er den Currywürsten verdankt. Doch, sagt Denny, für den richtigen Mann ist das der richtige Beruf.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben