Zeitung Heute : Das Leben nach dem Tod

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Von Christine-Felice Röhrs

Kabul von oben ist ein seltsamer Anblick. Im Osten noch grün, im Westen immer blasser. Die Stadt scheint zu verschwinden wie auf einem Aquarell aus Ockertönen. Das waren die Raketen. Sie haben die Häuser, die Moscheen, die Tore und Mauern in sich zusammensacken lassen, haben Kilometer von Steinhügeln hinterlassen. Wie Wellen sieht das aus von oben.

Zahra Breshna ist hinaufgeklettert auf einen der Berge, die Kabul umgeben, und da hat sie zum ersten Mal überlegt, ob sie es mit dem Idealismus nicht übertrieben hat. In Berlin war sie ins Flugzeug nach Kabul gestiegen, um zu helfen. Wie baut man eine Stadt nach 21 Jahren Krieg wieder auf? In Berlin hatte Zahra darauf noch viele Antworten.

Zahra hat Architektur studiert wie ihr Vater. Abdullah Breshna war, bevor er vor den Russen floh, der bekannteste Baufachmann des Königreiches. „Ja, ich helfe“, hat der alte Mann gesagt, als ihn gleich nach der Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg Städtebauminister Quadir gebeten hat, als Berater nach Kabul zu kommen. Und Zahra ist mitgegangen. Die Geschichte vom Wiederaufbau Kabuls ist nicht nur eine über Geld, Maschinen und Pläne. Sie ist auch eine über Menschen, die ihre Heimat zurückerobern wollen, nach Flucht und Vertreibung.

„Kabul ist zu 50 Prozent zerstört“, sagt Zahra Breshna. Die 37-Jährige ist wieder in Berlin. In aller Ruhe will sie hier ihre Strategien zum Wiederaufbau der Kabuler Altstadt ausarbeiten. Und sie will wieder etwas Abstand gewinnen zu Afghanistan. Zahra Breshna ist eine schmale Frau mit schönen Händen. Ihre Haare trägt sie kurz und die Jeans eng. Kreuzberg, das ist mehr ihre Welt als Kabul, auch, wenn sie das am Anfang nicht hat glauben wollen.

Sie sitzt am Tisch in ihrer hellen Altbauwohnung, vor sich einen Stadtplan von Kabul, und malt große rote Kreuze aufs Papier. Da und da und da. Alles zerstört. Der ganze Westen ähnelt einer Mondlandschaft. Von 1992 bis 1996 – nach dem Sturz des letzten kommunistischen Präsidenten Nadschibullah – hatten sich hier die Mudschahedin-Gruppen gegenseitig zerfleischt und Kabul in Trümmer gelegt. Von 1996 bis 2001 herrschten dann die Taliban, die fanatischen Kleriker aus den Flüchtlingslagern. „Geblieben ist ein einziger Lehmhaufen“, sagt Zahra Breshna und malt einen blutroten Kringel quer über den Plan. Ein Lehmhaufen, auf dem Hunderttausende versuchen zu überleben.

1980 haben in Kabul noch 1,3 Millionen Menschen gelebt. Heute sollen es mehr als zweieinhalb Millionen sein. Flüchtlinge aus allen Teilen des Landes sind nach Kabul geströhmt, weil es lange Zeit als sicher galt. Das ist das größte Problem, dem sich die Planer eines neuen Kabul gegenüber sehen. Zu viele Menschen für zu wenig Stadt. Deshalb haben Zahras Vater und die Kollegen aus dem Städtebauministerium zusammen überlegt: Es muss ein zweites Kabul her, eine Erweiterung der Stadt, um die alte zu entlasten.

Nur eine Idee

Kabul II soll im Norden entstehen, auf der Poy-Monar-Ebene jenseits des Flughafens und über einen Gebirgszug hinweg. Etwa 25 Quadratkilometer liegen dort brach, sagt Zahra Breshna, genug Platz für eine halbe Million Menschen. Die neue Stadt soll unabhängig sein, mit eigener Verwaltung, selbstständigem Arbeitsmarkt, Geschäften und Parks. Die Grundstücke werden billig verkauft, vor allem an arme Menschen, wenn es denn mal so weit ist. Wer 30 Dollar im Monat verdient, bezahlt dann vielleicht monatlich ein Viertel seines Gehaltes, über einige Zeit. Bauen müssen sie selber, die Siedler. Mit Lehm am besten, findet Zahras Vater, der ist billig und klimagerecht. Straßen, Wasser, Strom, Schulen und Krankenhäuser sollen ihnen geboten werden.

Bisher gibt es nur die Idee, immerhin abgesegnet von Staatschef Hamid Karsai, und ein paar Zeichnungen. Für mehr fehlt das Geld. Einige zehntausend Dollar wären allein für die Voruntersuchungen notwendig, für Luftaufnahmen vom Gelände, Probebohrungen nach Wasser und für die Entwicklung einer Typologie der neuen Stadt. Für europäische Verhältnisse eine Kleinigkeit. Für die Kabuler Städteplaner, die manchmal kein Geld haben, um Benzin für den Dienstwagen zu kaufen, ein Vermögen.

Also haben sie Anträge auf Unterstützung bei der „Afghan Aid Coordination Agency“ gestellt, der Mittlerin zwischen den Wünschen der afghanischen Minister und den Geberländern. „Eigentlich“, sagt Zahra Breshna und man merkt, dass sie dafür kein Verständnis hat, „eigentlich, wollten wir schon vor zwei Monaten anfangen.“ Aber bisher ist kein Geld gekommen. Was ist da los, zehntausende Kilometer entfernt?

Nachfrage bei einem Experten.

Knut Ostby, Projekt-Leiter der UNDP, der Entwicklungshilfe-Abteilung der Vereinten Nationen, ist dieser Tage nur über Handy zu erreichen. Das Telefonnetz in Kabul ist mal wieder zusammengebrochen. Deshalb hört er sich jetzt etwas knistrig an über die labile Leitung. „Geld für langfristige Projekte ist zurzeit nur schwer loszueisen“, erklärt er und lacht, als amüsierte ihn das. Galgenhumor. Im internationalen Hilfsfonds, den die Weltbank verwaltet, dem „Afghanistan Reconstruction Trust Fund“, ist nämlich noch viel zu wenig Geld: Auf der Konferenz der Geberländer in Tokio hatten Weltbank und Vereinte Nationen geschätzt, dass in den kommenden zehn Jahren rund 14,5 Milliarden Dollar gebraucht werden, um Afghanistan wieder aufzubauen. Viereinhalb Milliarden Dollar hatten die Konferenzteilnehmer auch sofort zugesagt. Doch mit der Überweisung lassen sie sich Zeit. Bislang sind es gerade mal 100 Millionen Dollar. Allein 460 Millionen werden gebraucht für die laufenden Kosten der neuen Regierung.

„Die Programme, die schon laufen, sind vor allem Blitzhilfsmaßnahmen“, sagt Knut Ostby. Projekte wie Kabul II würden auf die lange Bank geschoben. Zumindest die Bürokratie funktioniert schon mal in Afghanistan.

Für die großen internationalen Konzerne ist das noch zu wenig, um sich schon für den Markt zu interessieren, der sich im total zerstörten Land erschließt. Über unverbindliche Gespräche traut sich kaum einer bisher hinaus. „Unser Länderbeauftragter reist schon öfter nach Afghanistan, um zu sondieren“, sagt Miriam Steffen, Konzernsprecherin von Siemens. Aber für Zusagen oder sogar Finanzierungspläne sei die Lage zu unruhig, die Infrastruktur zu schlecht. „In Kabul gibt es doch nicht einmal Banken, über die man Geschäfte abwickeln könnte“, sagt Steffen. „Wir sind da noch sehr zurückhaltend.“

Es müssen solche Widrigkeiten gewesen sein – die Zurückhaltung potenzieller Helfer, endlose Gespräche an Konferenztischen, zögerliche Bearbeitung von Anträgen – die Zahra Breshna nach und nach ihren Schwung genommen haben. Und dann die Menschen. Ein Vierteljahrhundert Krieg, radikale Ideologien von Kommunismus bis Islamismus – die Menschen sind verroht, hat Zahra Breshna feststellen müssen. In ihnen ist etwas zerbrochen: die Energie, der Respekt füreinander und das Gefühl von Zusammengehörigkeit. Einzelkämpfer sein – das mag im Krieg funktionieren, wo es gilt, vom Wenigen genug zu erhaschen. „Aber als Grundlage für eine Gesellschaft ist das ganz schlimm“, sagt Zahra Breshna. Was Architektur da noch tun kann?

„Anschlüsse schaffen“, sagt die junge Architektin. „Zumindest Teile der Stadt wieder auferstehen lassen, wie sie einmal waren.“ Kabul brauche ein Spiegelbild seines früheren Ichs. Als Erinnerung. Für die Hoffnung. Wie bei Zahra die Fische im Pool.

Die Fische. Sie gehören zu Zahra Breshnas Kindheit in der Neustadt im Norden von Kabul. Breshna lächelt, als sie sich erinnert: Das Haus, in dem sie großgeworden ist, bestand aus Backsteinen, es hatte hohe Fenster, eine große Eingangshalle und Deckenkassetten aus Holz. Ihre Mutter hat besonders den Garten geliebt. Gegrillt hat die Familie da, es gab einen Fischteich und einen Pavillon, in dem die Urgroßmutter lebte. Natürlich sind Vater und Tochter Breshna gemeinsam noch mal hingefahren. Was wohl aus dem Haus geworden ist nach 21 Jahren Krieg? Sie hätten es sich denken können…

Der Gestank war Zahra schon in die Nase gekrochen, als sie aus dem Auto stieg. In ihr Haus hatten sich acht Familien mit je fünf, sechs, sieben Kindern geflüchtet. Die Hausbesetzer hatten die Toiletten rausgerissen und kochen auf dem Boden. Zahra weiß noch, sie hat auf der Dachterrasse gestanden, und in ihr hat sich kein Heimatgefühl geregt, nur Mitleid und Entsetzen – bis sie auf einmal mit dem Zoom vom Fotoapparat am Boden des Pools ein paar bunte Funken entdeckte: blaue, rote, gelbe Fische, die der Vater einmal da hingemalt hat. Und für Sekunden hat sie geglaubt, dass das hier, eines Tages, doch wieder Heimat werden könnte.

Es ist lange her, aber Kabul hat eine Tradition als weltoffene Stadt. Als Handelszentrum an der Seidenstraße war sie jahrhundertelang Drehscheibe der Kulturen, der russischen, der persischen, der indischen. Paschtunen und Tadschiken lebten hier, Hindus und Sikhs, Hazaras, Juden, Usbeken, Turkmen. In den 60er Jahren wurde Kabul für seine ethnische Vielfalt von Hippies aus aller Welt geliebt. Zu Tausenden lebten sie in Zeltcamps am Stadtrand, kauften billiges Opium und ließen sich durch die Straßen treiben in Minis und Lammfellmänteln.

Reisende erzählen von Pistazienröstern, deren Holzkohlefeuer anstanken gegen den Eselsmist, von Prachtbauten in der Neustadt und von kitschigen Kinopalästen. Unter Zahir Schah war Kabul in den 40er Jahren aufgeblüht. Damals gab es noch eine gesunde Industrie – Leder-, Pelz- und Textilverarbeitung –, ein Fahrradwerk und eine Brotfabrik. Sie hatten ihr Auskommen, die Kabulis.

Von der städtischen Bevölkerung sei jetzt nichts mehr übrig, sagt Zahra Breshna und faltet sorgfältig die Stadtpläne zusammen. Künstler und Intellektuelle wie ihr Vater haben das Land schon vor langer Zeit verlassen. Die Stadt ist verdörflicht, man sieht es an der Kleidung ihrer Bewohner und an den Blicken, die sie Zahra zugeworfen haben, als sie, nur ein Tuch über dem Haar, mit ihren ausgreifenden Schritten durch die Altstadt marschiert ist. Wie ein Mann, mögen die Kabulis missbilligend gedacht haben.

Den meisten ist auch egal, wie ihre Stadt wieder ersteht. Trotzdem gibt es Streit. Und Schuld daran hat der Masterplan.

Diese Generalstudie über die architektonische Zukunft des Ortes hatten russische Experten im Rahmen eines Entwicklungshilfeprojekts 1964 entworfen und 1971 überarbeitet. Der Masterplan war nie verwirklicht worden, aus Geldmangel und weil die Zeiten immer wilder wurden. Aber über die Jahrzehnte hinweg muss er als Sinnbild einer goldenen Zukunft gegolten haben. Kaum waren die Taliban weg, hatte der Bürgermeister ihn wieder herauskramen lassen und dem Städtebauminister auf den Tisch geknallt. Jetzt herrscht zwischen den Ämtern ein Gerangel um Kompetenzen. Wer darf die Stadt wieder aufbauen? Und wie? Den Stadtplanern zumindest behagt die im Masterplan vorgesehene radikale Modernisierung nach sowjetischen Leitbildern überhaupt nicht.

Der alte Masterplan

Und so hatten die russischen Architekten sich das gedacht: Entlang Altstadt und Fluss würden die Kabulis auf einer Schnellstraße dahinrasen. Sie lebten in Hochhäusern – zu 15 Prozent mit neun und mehr Geschossen, obwohl in Kabul nie sehr hoch gebaut wurde, weil die Afghanen ihr Familienleben gerne abgeschlossen führen, in bungaloartigen, ummauerten Häusern mit Innenhof. Da, wo Zahra Breshna großgeworden ist, entstünde ein Freizeitzentrum in sozialistischer Großmannsmanier, achteckig wie das Pentagon. Und die dicht besiedelte Altstadt zwischen Fluss, Stadtmauer und Zitadelle würde entkernt. Für öffentliche Einrichtungen.

Zahra Breshna wird ärgerlich bei diesem Thema und malt wilde rote Krakel. Bis ins 19. Jahrhundert habe Kabul nur aus der Altstadt bestanden, sagt sie. Sie stehe für das friedliche Miteinander aller, sie habe Symbolkraft. Doch in Kabul, das vom Aufschwung träumt, ist die Rückkehr zum Bewährten nur schwer zu vermitteln. Viele wollen keine Stadt mehr aus Lehm, sie wollen eine Stadt aus Glas und Stahl, ein Dubai am Hindukusch. Zahra Breshna sagt: Kabul muss aber beides sein, eine Mischung aus Tradition und Moderne.

Müll gibt es in Kabul und Elend und Trümmer und nun sogar Streit um die Träume von einer schönen Zukunft. Bevor Zahra in Kabul ankam, hatte sie sich ausgemalt, wie es sein würde, zwischen Kabul und Berlin zu pendeln. Hier ein Architekturbüro, dort eines. Jetzt sagt sie: Das hat noch Zeit.

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