Zeitung Heute : Das Leiden der anderen

Die Palästinenser müssen den Holocaust begreifen, die Israelis den Horror der Besatzung. Wie Lehrer aus zwei Ländern versuchen, ein Geschichtsbuch zu schreiben, das den Kindern von beiden Seiten erzählt

Michaela Ludwig[Braunschweig]

Schweigend sitzen sie auf ihren Hockern, Männer wie Frauen. Vor ihnen stehen Schaukästen, darin braune, ausgetretene Schuhe. Es sind die Schuhe von Toten. Daneben hängen Fotos von Menschen, die vor über 60 Jahren hier ermordet worden sind. Dies ist das Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg.

„Als ich im Gefängnis saß, hatten wir auch keine Namen, wir waren auch nur Nummern. Wir mussten mehrmals täglich zum Appell antreten und wurden zur Arbeit gezwungen“, platzt einer der Männer heraus. „Es ist kein großer Unterschied.“ Einige andere aus der Gruppe nicken. Es fällt ihnen sichtlich schwer, die Führung zu ertragen.

Der junge Mann ist einer von 16 Geschichtslehrern aus dem Westjordanland, die an diesem Tag da sind. Er und auch einige andere seiner palästinensischen Kollegen waren wegen Widerstands gegen die israelische Besatzung schon in Haft – heute gehören sie mit 16 israelischen Lehrern und internationalen Wissenschaftlern zu einer Arbeitsgruppe, die ein gemeinsames Geschichtsbuch für israelische und palästinensische Schulkinder erarbeitet. Es wird ein Buch, das die wichtigen Ereignisse der gemeinsamen Geschichte von 1918 bis zum Jahr 2000 aus zwei Perspektiven schildert: der israelischen und palästinensischen. Es soll ein Projekt sein, das dem Friedensprozess hilft, auf ganz persönliche Weise. Aber es ist hart. Welten trennen sie.

Für den israelischen Psychologen Dan Bar-On und den palästinensischen Erziehungswissenschaftler Sami Adwan führt die Kluft zwischen den Welten zur „Dämonisierung“ des jeweils anderen, und sie wollen ihr etwas entgegensetzen. Es wäre ein kleiner Schritt nach vorne, sagen sie, wenn schon die Kinder die Geschichtserzählung der anderen Seite kennenlernen und respektieren lernen könnten, ohne ihre eigene aufzugeben. Und deshalb haben sie 2002 das Schulbuchprojekt „Learning each other’s historical narrative“ initiiert: „Die Geschichte des anderen kennenlernen“, unter dem Dach des von ihnen gegründeten „Peace Research Institute in the Middle East“, kurz Prime. Unterstützt wird es vom deutschen Auswärtigen Amt, amerikanischen Stiftungen und der EU .

Im ehemaligen KZ Neuengamme wird der unterschiedliche Blick auf den Holocaust nur allzu deutlich. „Man hat seinen Glauben und seine Überzeugungen“, sagt ein Palästinenser, Khalil, 44, es klingt skeptisch, so, als wolle er nicht glauben, in welchem Ausmaß die Juden Opfer waren – für ihn sind sie Täter. Khalil ärgert, dass der Holocaust für die Israelis „ein heiliges Thema“ sei. Und dass nicht gesehen werde, wie es heute den Palästinensern ergeht. „Wir leiden!“, sagt er, er muss es noch einmal bekräftigen. Sie sind Akademiker, gebildet, offen für neue Sichtweisen – doch die eigenen kommen noch immer tief aus dem Bauch.

Dan Bar-On versucht, die Diskussion auf eine professionelle Ebene zu lenken. „Es geht hier doch um die Frage, wie Menschen, die Opfer waren, in einem anderen Kontext Täter werden können. Aber darauf haben wir keine Antwort.“

Da die Palästinenser in der gemischten Lehrergruppe die besetzten Gebiete immer nur unter großen Schwierigkeiten verlassen können, hat das Braunschweiger Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung nun einen neutralen Ort geboten, wo sich alle gemeinsam für eine Woche zurückziehen können. Das Material wird ein letztes Mal überarbeitet, und ein Lehrerhandbuch wird es auch geben.

Mit dem Besuch der KZ-Gedenkstätte sollen die Lehrer nun auch etwas über die deutsche Geschichte lernen. „Unsere Geschichte ist eng mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt verflochten“, sagt Falk Pingel, der Gastgeber und Leiter des Instituts. „Dieser Teil spielt auch in den Lehrmaterialien eine Rolle. Aber noch wichtiger: Der Holocaust steht auch zwischen den Gruppen.“

Die Spannung im Ausstellungsraum, der von den Biografien einzelner Häftlinge erzählt, steigt. Sami Adwan wischt sich mit einem Taschentuch über die Augen. Auch ihn erinnert das, was er sieht, an die eigene Zeit im Gefängnis. „Solange die Palästinenser den Horror des Holocaust nicht verstehen und die Israelis nicht das Leiden der Palästinenser“, sagt er, „wird es keine Versöhnung geben.“

Dan Bar-On ist besorgt: „An diesem Ort wird Geschichte sehr persönlich spürbar. Das reißt die Teilnehmer auseinander, das macht sie verwundbar.“ Man müsse vorsichtig sein. „Die politische Lage ist im Moment sehr angespannt. Das überträgt sich auf die Gruppe.“ Er geht zu Sami Adwan hinüber und streicht ihm über die Schulter.

Bar-On und Adwan wissen, wie die aktuelle Politik die Arbeit und selbst die Freundschaft stören kann. An manchen Tagen war Sami Adwan so wütend, dass er Bar-On bei der Begrüßung nicht umarmen konnte. Andersherum klang für Bar-On eine Rede, die Adwan bei einer Prime-Vorstellung hielt, wie Palästinenserpropaganda. Aber beide wollen sie immer noch „Inseln der Vernunft“ schaffen, Orte, an denen Israelis und Palästinenser miteinander reden. Gerade jetzt.

Sie sind stolz auf ihre Gruppe – oder besser: auf die, die noch dabei sind. Einige palästinensische Lehrer sind schon abgesprungen, gerade sind sieben neue Palästinenser hinzugekommen. Für manche waren die Widerstände im eigenen Land zu stark. „Wir Israelis haben eher die Möglichkeit, mit Palästinensern zu arbeiten. Aber in der palästinensischen Gesellschaft, die ja für ihre Unabhängigkeit kämpft, ist die Zusammenarbeit mit Israelis sehr negativ angesehen. Sie müssen viel Mut beweisen“, sagt Dan Bar-On. In manchen palästinensischen Schulen wird das Buchmaterial schon ausprobiert. Einige Schüler wollten mehr erfahren, aber die meisten waren entsetzt, erzählen die Lehrer.

Bei den Schulbuchtreffen tauschen sie sich mit den Kollegen über die Unterrichtserfahrungen aus. Sie lernen, mit Fragen und Vorwürfen umzugehen und neue Methoden der Vermittlung zu entwickeln. Auch sie glauben die Geschichtsbuchversion der anderen nicht immer – immer noch nicht –, aber sie haben während der Diskussionen in der Gruppe gelernt, sie zu respektieren. Das wollen sie an ihre Schüler weitergeben.

Bis vor wenigen Wochen haben die Lehrer noch gehofft, dass das israelische Bildungsministerium das fertige Geschichtsbuch in den Lehrplan aufnimmt. Doch mit der Eskalation in Gaza und im Libanon ist dieser Traum in weite Ferne gerückt. Aufgeben wollen sie trotzdem nicht. „Wir werden zeigen, dass es Wege gibt, wie Israelis und Palästinenser miteinander leben können“, sagt Dan Bar-On. Eine israelische Lehrerin pflichtet ihm bei, sie sagt es so: „Ich bin hier, um unsere Kinder zu schützen.“

Für viele ist die Gruppe eine Art Zuhause geworden, ein Ort, an dem ein neuer Umgang mit den alten Konflikten geübt wird. Man schätzt sich, und zu manchem Kollegen, der mal Feind war – „nicht zu allen!“, beeilt sich Khalil hinzuzufügen –, haben sich Freundschaften entwickelt.

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