Zeitung Heute : Das Leiden der Lehrer

Harald Martenstein
Harald Martenstein HP Kontur

Klaus ist Anfang dreißig. Er hat im Leben dieses und jenes ausprobiert, jetzt aber hat er seine erste Stelle angetreten – als Lehrer in Berlin. Berliner Lehrer bekommen neuerdings, als Berufsanfänger, erstes Jahr, rund 3850 Euro brutto. Billy, seine Frau, ist ein paar Jahre älter als er und hat aus einer früheren Beziehung die Tochter Sarah. Billy arbeitet ebenfalls als Pädagogin, allerdings an der Uni, sie bekommt dort nur 2800 brutto.

Morgens liest Klaus meistens die Zeitung (Durchschnittsverdienst der Jungredakteure: 2800), vor der Arbeit geht er noch schnell zu seinem Bankberater (1900), nachmittags hat er einen Termin beim Steuerberater (3300). Mit dem Architekten (3000) telefoniert er kurz über den geplanten Hausumbau. Sein Bruder, der seine Laufbahn als Systemberater (2500) aufgegeben hat und kürzlich Universitätsprofessor geworden ist (3600), kommt zum Kaffee. Sie reden über die Kinder – was die alles brauchen! Sven, der Jüngste, geht neuerdings zum Logopäden (2100), um die pubertierende Sarah kümmern sich, wegen ihres Drogenproblems, ein Sozialpädagoge (2700) und ein Erzieher (1800). Wenigstens geht es den alten Eltern gut, dank des netten Altenpflegers (1600).

Schon lustig, diese Gehaltsunterschiede, sagt Klaus, über die Gründe dafür würde ich gern mal mit einem Soziologen (2400) reden. Sein Bruder lacht, nee, du, da würde ich eher einen Theologen (2900) fragen. Ach, fragt Klaus, was macht ihr eigentlich heute Abend? Tanzkurs, antwortet der Bruder, der Tanzlehrer (1700) ist echt super. Wir gehen in die Oper, sagt Klaus, zu diesem aufregenden neuen Dirigenten (2300). Der Regisseur (2400) soll aber auch ganz gut sein.

Klaus leidet unter dem sozialen Neid, der ihm oft entgegenschlägt. Aber er kann nichts dafür, dass er gut verdient, es ist halt das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Weißt du, sagt Klaus zu seinem Bruder, sozial entspannen kann ich mich eigentlich nur bei dem jungen Urologen (7000), den ich neuerdings brauche. Oder, so verrückt es klingt, im Flugzeug (Piloten: 4750). Man muss, bei allem Neid, berücksichtigen, dass mein Gehalt als Lehrer im Laufe meines Lebens kaum noch steigen wird. Auch hat meine Leistung so gut wie keinen Einfluss auf mein Gehalt. Ich fange finanziell, verglichen mit anderen, wahnsinnig weit oben an, dann aber stagniere ich. Außerdem ist es völlig egal, ob ich gut oder schlecht arbeite. Stagnation wird psychologisch als Niedergang wahrgenommen, verstehst du? Das scheinbar großzügige Berliner System der Lehrerentlohnung ist in Wahrheit eine Autobahn Richtung Depression (Psychotherapeuten: 2800).

Was Berufsanfänger im Durchschnitt verdienen, findet sich im Internet unter: www.jobturbo.de.

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