Zeitung Heute : „Das leistungsabhängige Gehalt ist eine Fata Morgana“

Expertin Osterloh über Manager, Durchschnittsverdiener und ihr Gehalt

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Was ist eine angemessene Bezahlung?

Dafür gibt keine absoluten Maßstäbe. Was die Leute aufregt, ist die Relation zwischen Spitzeneinkommen und dem Lohn des Durchschnittsverdieners. Lange lag diese Relation in Deutschland bei 1:10 bis 1:20. Dieses Verhältnis ist in den letzten Jahren explodiert, vor allem in den USA, aber in einigen krassen Fällen auch bei uns. In den USA beträgt das Verhältnis mittlerweile bei großen Unternehmen 1:400, vor allem verursacht durch Aktienoptionen.

Manager argumentieren, ihr Job sei heute bedeutend schwieriger als noch vor zehn bis 15 Jahren. Rechtfertigt das die hohen Einkommenszuwächse?

Nein. Für die Entwicklung eines Unternehmens gibt es messbare Kriterien, wie der Gewinn oder der Aktienkurs. Doch zahlreiche Untersuchungen der letzten zehn Jahre zeigen, dass es – im Durchschnitt gesehen – keine Korrelation gibt zwischen dem steilen Anstieg der Managementgehälter und den Leistungsdaten ihrer Firmen.

Also fallen Leistung und Bezahlung immer stärker auseinander?

Genauso ist es. Das hat die Forscher angeregt zu schauen, welche Faktoren die Höhe von Managergehältern bestimmen.

Und die wären?

Die wichtigsten Faktoren sind die Größe des Unternehmens und die Verfilzung der Aufsichtsräte mit und zwischen den Unternehmen. Die Einkommen der Top-Manager wachsen zum Beispiel eindeutig mit der Größe des Unternehmens. Das verführt Manager dazu, ihre Unternehmen immer weiter auszudehnen. Nur ist Größe als solche kein Leistungsmaß. Aber sie ist leichter zu bewerkstelligen als Leistung.

Wie geschieht das?

Vorzugsweise durch Unternehmensfusion, viele davon von zweifelhafter Qualität. Auffällig ist, dass ungefähr zwei Drittel aller Fusionen der letzten Jahre gescheitert sind. Die Rendite der aufnehmenden Firma ist in diesen Fällen zurückgegangen.

Heute angesichts der Wirtschaftsflaute konzentrieren sich viele Unternehmen wieder auf ihr Kerngeschäft, trennen sich also von Beteiligungen. Dann müssten die Gehälter eigentlich sinken?

Das tun sie aber nicht. Das gilt genauso für Manager, die so genannte flexible Gehaltsbestandteile haben in Form von Aktienoptionen am eigenen Unternehmen. Wenn die Aktien steigen, steigen die Einkommen, wenn die Aktien sinken, bleiben die Einkommen auf konstantem Niveau.

Wie geht denn das?

Aktienoptionen sind in ihrem Verlustrisiko beschränkt. Fallen die Aktienkurse unter den Ausübungswert der Option, dann gibt es einfach kein variables Zusatzeinkommen mehr. Die Beschränkung des Verlustrisikos unterscheidet Inhaber von Aktienoptionen von Aktionären. Die verlieren ihr gesamtes eingesetztes Geld, wenn die Börse in den Keller geht, Manager mit Aktienoptionen nicht. Das leistungsabhängige, flexible Gehalt ist deshalb oft eine Fata Morgana.

Dass der Chef der Deutschen Bank mehr als zehn Millionen Euro im Jahr verdient, ist Ihrer Meinung nach nicht zu rechtfertigen?

Ich möchte hier nicht beurteilen, ob ein Gehalt im Einzelfall gerechtfertigt ist oder nicht. Tatsache ist, dass sich die Schere zwischen Managergehältern und Durchschnittseinkommen immer stärker öffnet. Und das geschieht, weil Manager offensichtlich das Spiel der Marktkräfte massiv zu ihren Gunsten beeinflussen können.

Das Gespräch führte Martin Gehlen.

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