Zeitung Heute : Das letzte Gefecht des Generals 14 Jahre nach dem Fall: Jaruzelski ist wieder da

Thomas Roser[Warschau]

Der General seufzt. Seinen „heiligen Frieden“ möchte er haben „nach einem schweren Leben“. 81 Jahre ist er jetzt, und auf einmal steht Wojciech Jaruzelski wieder im Rampenlicht. Im Vorzimmer seines Büros montiert ein Radioreporter sein Mikrofon, Kameraleute hasten durchs Treppenhaus. Ob der Herr General auch noch mit dem staatlichen Fernsehen und der „Gazeta“ sprechen könne, fragt ihn die Sekretärin.

Vor mehr als 14 Jahren trat der Mann, der über ein Jahrzehnt die Geschicke Polens bestimmte, von der politischen Bühne ab. Doch aus der Öffentlichkeit ist Jaruzelski nie ganz verschwunden. Im Gegenteil: Seit Monaten füllen die Debatten um ihn wieder die Schlagzeilen der Zeitungen. Ob Jaruzelski zur nationalen Versöhnung auffordert, mit dem Ex-Solidarnosc-Chef Lech Walesa im Fernsehen diskutiert, als vermeintlicher Spitzel enttarnt wird oder sich von Russlands Präsident Wladimir Putin in Moskau dekorieren lässt: Noch immer beschäftigt der Mann, der im Dezember 1981 das Kriegsrecht verhängte und Polen 1989 in die Demokratie entließ, die Menschen.

Nicht nur die dunkle Hornbrille, die seine lichtempfindlichen Augen schützt, scheint seit jenen Tagen dieselbe geblieben. Aufrecht in seinem Sessel sitzend verteidigt er mit fester Stimme die Entscheidung für den Ausnahmezustand: „Ich hatte keine Wahl.“ Der Einmarsch von Sowjettruppen und ein drohendes Blutvergießen hätten verhindert werden müssen – damit rechtfertigt er sein Militärregime, die Massenverhaftungen von Aktivisten der Solidarnosc, die blutige Niederschlagung des Bergarbeiterstreiks bei Kattowitz und den Exodus Hundertausender Polen, die damals desillusioniert ihre Heimat verließen.

Doch es ist nicht nur seine bekannte Rechtfertigung des Ausnahmezustandes, die den General erneut ins Rampenlicht befördert hat. In Polen herrscht Wahlkampf. Und der wird in dem geschichtsbewussten Land nie ohne historische Munition ausgefochten.

Angeheizt von nationalkonservativen Eiferern und der Boulevardpresse, unterzieht sich Polen derzeit einer ebenso verbissenen wie ungesteuerten Selbstinquisition. Seit Monaten werden immer mehr Enthüllungen über die angebliche oder tatsächliche Geheimdienst-Mitarbeit von Würdenträgern zu Zeiten der Volksrepublik an die Öffentlichkeit befördert. Meist treffen die Vorwürfe frühere Solidarnosc-Ikonen. Selbst Lech Walesa sieht sich Anschuldigungen ausgesetzt. In seiner Verzweiflung wandte er sich bei einer TV-Debatte gar an Jaruzelski mit der Bitte um Klärung. Am liebsten hätte er sich „vor Scham verbrannt“, bekannte danach der frühere Solidarnosc-Aktivist Wladyslaw Frasyniuk: „Eine Legende wie Walesa bittet in einer erniedrigenden Weise den General um die Bestätigung, dass er in Ordnung war.“

Doch die Enthüllungen treffen auch Jaruzelski. Nach einem nun aufgetauchten Dokument soll er nach dem Krieg als Mitarbeiter des militärischen Geheimdienstes Kameraden bespitzelt und so die eigene Karriere beschleunigt haben. „Sie jagen mich wieder“, sagt der General verbittert. „Dumm“ und „ahistorisch“ sei es, an diesen Akten zu kleben.

Der „Landesverräter“ müsse degradiert, ihm die Präsidentschaftspension aberkannt werden, wettert Warschaus Bürgermeister Lech Kaczynski, nachdem sich Jaruzelski im Mai als Veteran der Roten Armee von Putin dekorieren ließ. Gerade der Vorwurf des Landesverrates schmerze ihn, sagt Jaruzelski. Verbissen kämpft er um seine Version der Geschichte. „Ob wir das wollen oder nicht, Jaruzelskis Porträt hat einen Platz in der Galerie der Polen“, schreibt das Wochenblatt „Polytika“ über die „letzte Schlacht des Generals“.

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