Zeitung Heute : Das Licht im Dunkeln

Sie klettert auf Berge, sie treibt Skilanglauf, sie hat zwei kleine Kinder. Gesehen hat sie die allerdings nie. Manuela Schemm ist blind. Aber wenn jemand meint, sie müsse deshalb unglücklich sein, dann wird sie wütend: „Ich kann nun mal nicht sehen. Und?“

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Von Monika Goetsch

Hier muss es sein, hier links. Die Hofeinfahrt mit dem Pfeiler in der Mitte? Genau die. Ronja ist schon voraus geradelt. Lara zuckelt hintendrein. Eine große gelbe Plastikente voller Förmchen und Schaufeln zieht sie scheppernd über den Asphalt. Die Schnur hat sich verheddert. Lara nestelt herum.

„Nicht stehen bleiben, Lara“, ruft Manuela Schemm in die Stille. Dann sucht ihr Stock den Pfeiler. Tastet sich durch die Einfahrt in den Hof. Ein kleiner Sandkasten, eine Schaukel, Wipptiere, nichts Besonderes, sagt Manuela, aber immerhin.

Sie setzt sich an den Rand der Sandkiste, dorthin, wo am späteren Nachmittag noch etwas Sonne fällt. In dem hübschen Gesicht der 33-Jährigen gibt es ein großes, helles, weit geöffnetes Auge und ein dunkleres, ruhendes. Das dunklere hat noch nie eine Farbe gesehen oder eine Form. Das helle ersetzt ein anderes Auge. Eines, das ein paar Jahre lang gar nicht so schlecht funktioniert hat.

„15 Prozent Sehleistung. Das klingt wenig. Ist aber ganz schön viel.“ Manuela konnte Fahrrad fahren und mit der Lupe lesen, lernte Farben und Entfernungen und Perspektiven kennen wie jedes andere Kind, und eine Vorstellung von Schönheit gewann sie auch.

Darum ist sie sich ganz sicher, dass ihre Kinder zwei schöne, kleine Mädchen sind. Sie kann sich die knopfbraunen Augen von Lara, der Zweijährigen, vorstellen und das Gesicht von Ronja, der Großen, die mir ihren sechs Jahren jetzt in die Schule kommt.

Eine Operation mit 13 Jahren

Gesehen hat sie ihre Töchter noch nie. Denn als sie 13 war, bekam sie grauen Star, dann grünen, wurde an der Linse operiert, wachte auf im Krankenhaus, und seither sieht sie gar nichts mehr, nur ein wenig Licht und Schatten. Ihr Zwillingsbruder, eine Frühgeburt mit 1200 Gramm wie sie, hat das Sauerstoffzelt nicht überlebt. Manuela raubte erst der Druck im Zelt, dann der Star das Augenlicht.

Wie war das, als alles dunkel wurde? Eine Katastrophe? „Ach wo.“ Die beste Freundin war sowieso blind. Spiele wussten die beiden genug, auch für die Dunkelheit. Schlimmer sei so etwas immer für die anderen, für Eltern, für Freunde. „Sie mussten zusehen, ich konnte handeln“, sagt Manuela Schemm. „Ich habe einfach damit gelebt.“

„Mama, schaukeln!“ verlangt Lara, Manuela Schemm nimmt den Stock in die eine, Lara an die andere Hand, geht zur Schaukel, lehnt den Stock an das Gerüst, setzt Lara auf den roten Plastiksitz, die Kleine schaukelt hin und her, vor und zurück, und manchmal klingelt das Glöckchen, das Manuela ihr an den Schuh gebunden hat, damit sie immer weiß, wo die Zweijährige steckt.

Beigebracht hat ihr solche Tricks niemand. Fragen konnte sie auch keinen.

Weil kaum eine blinde Frau wagt, ein Kind in die Welt zu setzen. Schon gar nicht zwei. Manuela Schemm dagegen würde sich auch über ein drittes Kind freuen. Ihr Mann hegt sogar starke Zweifel, ob Manuela mit drei Kindern wirklich genug hätte.

Vielleicht hat er Recht. Wenn Manuela eine Freundin ihrer Tochter besonders gut gefällt, sagt sie: Die würde ich glattweg adoptieren! Als wäre das alles ganz leicht: zwei oder noch mehr Kinder haben; einen Mann, der in der Internetbranche arbeitet und abends oft spät nach Hause kommt; blind sein. Ohne Haushälterin, Putzfrau, ohne feste Hilfe.

„Kinder sind mein Ding.“ Das weiß sie schon, seit ihr kleiner Bruder auf der Welt ist. Elf Jahre war sie alt, als der geboren wurde. Sie durfte ihn wickeln, anziehen, baden. So hat sie gelernt, sich Kinder zuzutrauen – und darüber hinaus Dinge, die nur wenige wagen: Ronja wurde noch im Krankenhaus geboren, Lara dann mit einer Hebamme zu Hause, im Wohnzimmer, erster Stock im Mehrfamilienhaus in Großhadern, Münchner Stadtrand. Weil dort, zwischen dem weißen Klavier und den Bücherschränken, alles intimer, vertrauter für sie war. „Ich fand’s wunderschön.“

Das erste Lächeln ihres kleinen Mädchens ein paar Wochen später konnte sie zwar nicht sehen. „Aber meistens geben sie einen Ton von sich, wenn sie lächeln, ein Quietschen. Das reicht mir." So hat sie Kinder bekommen, die sein sollen wie alle anderen Kinder auch. Sorglos, vergnügt, selbstständig, geborgen. Sie geht mit ihnen zum Turnen, ins Kindertheater, zum afrikanischen Kindertanz. Im vergangenen Sommer war die ganze Familie campen, mit einem Transporter am Gardasee, an Wochenenden radeln alle vier auf dem Tridem über Land. Einmal wöchentlich trifft sich Manuela Schemm mit anderen Müttern, gekocht wird reihum für neun Kinder und vier Erwachsene, an Karneval organisierte sie ein großes Fest, und zum Kindergeburtstag sind so viele Kinder eingeladen, dass andere Mütter das schiere Grausen packt. Mag sein, dass die Wohnung dann im Chaos versinkt.

Hübsch sollen ihre beiden Mädchen angezogen sein, Pullover aus weichen Stoffen tragen, aus Nicki zum Beispiel, weil sich das gut anfühlt. Plastikzeug dagegen findet sie furchtbar, braune Stoffe auch, denn braun ist in ihrer Erinnerung der Gipfel aller Scheußlichkeiten.

Manuela Schemm will genau wissen, ob das neue Kleidchen Punkte oder Streifen hat, „sonst könnte mir ja auch egal sein, ob Flecken drauf sind“, sagt sie, und Flecken kann sie nicht leiden. Darum muss auch die Wohnung supersauber sein, und wenn sie putzt, kriegt Lara einen Lappen in die Hand und putzt mit. Das dauert etwas länger, wie alles in ihrem Leben, „aber Zeit habe ich ja“. Zeit zum Kartoffelbrotbacken, zum Blättern in Bilderbüchern, in die sie kleine Aufkleber mit Blindenschrift geklebt hat, auf denen dann „Baum“ steht oder „Pferd“ oder „Zaun“. Zeit, zwei Mal wöchentlich ins Fitnessstudio zu gehen und hin und wieder, wenn die Patentante da ist, auch Zeit, mit ihrem Mann allein wegzufahren und wieder Kräfte aufzutanken, die über all die Anstrengungen des Alltags verloren gegangen sind.

Wenn’s doch mal schnell gehen muss, bindet sie Lara im Tragetuch auf den Rücken und tastet sich mit dem Blindenstock voran, zur U-Bahn zum Beispiel, da ist das Tragetuch einfach bequemer als der Kinderwagen. Zielstrebig sieht das aus, auch ein bisschen eigenartig, diese kleine Frau mit den langen, braunen Haaren, den in sich versunkenen Augen, dem hohen Stock und dem Kind auf dem Rücken. So richtig schnell geht das allerdings nicht. Einkäufe erledigt darum ihr Mann, die Großhaderner Geschäfte sind einfach zu weit weg.

Früher haben sie näher an der Innenstadt gewohnt, und manchmal packt Manuela Schemm noch die Sehnsucht danach: Es war so viel los dort. Hier im Vorort, einem größeren Wiesen- und Waldstück gegenüber, kennt sie jeden Pflasterbuckel, jede Hofeinfahrt, und wenn sich mal ein ortsfremder Begleiter, mit dem sie eingehängt geht, verläuft, ist es sie, die merkt, dass sie auf den falschen Weg geraten sind.

„Ich bin ein Kämpfertyp“

Autos, Fahrräder, die Gefahren des Stadtverkehrs seien für sie noch lange kein Grund, zu Hause zu bleiben, sagt Manuela Schemm, „im Gegenteil. Ich geh’ immer häufiger raus, damit die Kinder lernen, mit Gefahren umzugehen.“ Als junges Mädchen ist sie einmal zwischen die Waggons einer U-Bahn gefallen. Ihre Mutter wollte sie danach in Watte packen. Aber Manuela widersetzte sich, sie wusste, dass einem so etwas nur einmal im Leben passiert. „Ich lasse mich nicht einschüchtern!“ Die Mutter verstand. Sie ließ Manuela machen. Sie hat sie von nun an immer machen lassen. Und Manuela machte: Sie ging zur Leichtathletik, sang im Chor, reiste, arbeitete, mäßig interessiert, als Telefonistin und als Sekretärin. Sie holte das Abitur nach, heiratete, kletterte auf Berge, betrieb Skilanglauf und Inline-Skating, bekam Kinder und antwortete auf erstaunte Fragen stereotyp: „Dieses Kind ist gewollt, und es gibt einen Mann dazu!“ Sie lernte, Sätze zu sagen wie: „Mit einem Luftballon um den Hals wäre ich auch auffällig.“

Jederzeit sucht sie zu beweisen, dass etwas geht, wenn man es wirklich will. „Ich bin ein Kämpfertyp.“ Manchmal, wenn ihr mal wieder einer gar nichts zutraut, bebt sie vor Zorn. Natürlich kann sie helfen bei den Vorbereitungen zum Kindergartenfest. Karotten schneiden. Geschirr spülen. Stattdessen muss sie manchmal stundenlang in der Ecke hocken und Däumchen drehen, weil keiner wagt, ihr ein Messer in die Hand zu drücken. „Was glauben die denn, wie ich meine Kinder ernähre?“

Die Leute sollen fragen, findet sie. Dann kann sie auch erklären. Erklären, dass es einfacher für sie ist, Getränke auszuschenken, als Hot Dogs mit Ketchup zu füllen. Dass sie lieber Gemüse schnippelt, als den Boden eines unbekannten Raums zu fegen. Und dass, bitteschön, nicht ihre Tochter sie nach Hause bringt. Sondern sie ihre Tochter. „Das wäre ja noch schöner. Meine Kinder sind doch keine Blindenhunde!“

Am ärgerlichsten aber ist es, wenn einer voraussetzt, sie müsse unglücklich sein. Weil ihr etwas fehle. Weil etwas nicht richtig sei in ihrem Leben. „Ich kann nun mal nicht sehen. Und?“ Innere Bilder mache sie sich stattdessen. Lasse sich erzählen, was andere wahrnehmen und teile dann die Freude mit ihnen. Sehe vieles, auch ohne zu sehen. Weil für sie das Dunkel normal ist, das andere ängstigt.

Sicher: Traurig war sie schon für ihre beiden Töchter, als sich mal eine Kindergartenfreundin nicht zu Schemms nach Hause traute. Weil die Mama von Lara und Ronja doch blind sei. Aber verstehen kann sie diese Angst auch. „Ich wäre als Kind genauso gewesen. Was fremd ist, macht halt Angst.“ Niederdrücken lässt sie sich davon aber nicht, sondern sucht und findet das Positive: „Ich sage Hut ab vor all den Müttern, die mir ihre Kinder anvertrauen.“

Manuela Schemm hat eine ganz eigene Wahrnehmung der Welt erworben. Hofeinfahrten zum Beispiel, aus denen vielleicht gleich ein Auto hervorschnellt, „kann man hören“. Man hört auch, ob ein Kind gerade Papier zerrupft, ein Fläschchen auf die Rutsche stellt, wo es nicht stehen soll, oder den Schnuller im Mund hat beim Schreien. „Da habe ich einen Vorteil. Wenn andere Mütter ihr Kind nicht sehen, können sie es auch nicht kontrollieren.“ Fühlt sich Laras Po picklig an und heiß, ist sie wund. Welches Fenster zu Hause offensteht, muss Manuela Schemm nicht sehen. Sie kann sich merken, welches sie aufgemacht hat. Und sie merkt sich auch die Glockenschläge ihrer Wanduhr zu Hause, damit sie immer weiß, wie spät es ist.

Sie horcht, horcht, horcht. Wer auf den Spielplatz kommt, wer wieder geht, welches Kind wem Sand über den Kopf kippt, ob Lara und Ronja fröhlich oder unzufrieden sind. Auf dem Spielplatz hat Manuela Bekannte, die auch mal ein Auge auf ihre Kinder werfen. Aber Mütter, sagt sie, seien grundsätzlich parteiisch. Also erfährt sie nie so richtig, wer wem zuerst das Förmchen weggenommen hat. Sie muss eben selbst hinhören und sich auf die eigenen Kinder verlassen.

Der Schatz im Rucksack

Ronja, die Große, hat längst einen Blick für Gefahren entwickelt. Sie sieht, wenn Lara eine Vogelbeere verspeist. Und führt die Mama, „Vooorsicht!“, auch schon mal um ein Loch im Boden herum. Verantwortungsvoll ist Ronja früh geworden, selbstständiger als andere vielleicht, weil sie auf ihre Spielsachen immer selbst achten musste und oft sie es war, die ihrer Mutter Bilderbücher vorgelesen hat, nicht umgekehrt. Ganz früh hat sie Schreiben gelernt, hat Buchstaben um Buchstaben mit dem Finger auf den Rücken ihrer Mutter gemalt und sich sagen lassen, ob es ein „B“ war oder ein „S“. Wenn sie in die Schule kommt, werden die Lehrer vielleicht etwas besser auf ihre Schrift achten müssen als auf die der anderen Kinder, denn da kann Manuela Schemm ihrer Tochter nicht helfen. Die Lesebücher aber will sie sich in Blindenschrift übertragen lassen, zum Mitmachen. „Und vielleicht einen Schüler bezahlen, der Ronja bei den Hausaufgaben hilft.“

Später Nachmittag, Manuela Schemm muss los, Lara ist wund, ein Kinderarzt soll sich die Sache ansehen. Ronja bleibt im Hof, bei den anderen Kindern und Müttern. Bevor Manuela Schemm mit ihrem Stock, mit Lara und der Plastikente voller Förmchen aufbricht, packt Ronja einen ihrer Schätze aus dem Rucksack. „Guck mal.“ Sie hält einen Briefumschlag in der Hand. Darin steckt ein Bild. Selbstgemalt. Bunte Muster. Und nun zeigt sich, wie sehr Ronja die Tochter ihrer Mutter ist: „Fühl mal, die Ecken“, sagt Ronja. Ganz dick mit Wachsmalstift ausgemalt sind die. „Richtig schön glatt!“

Ob die Kleine einmal Blindenschrift lernen wird? „Ach, nein“, sagt Manuela, „wozu?“ Nachrichten könne sie der Tochter doch in Normalschrift aufschreiben. Oder auf den Anrufbeantworter sprechen.

Doch dann zögert Manuela Schemm: „Aber vielleicht wäre es doch schön. Als Geheimschrift.“

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