Zeitung Heute : Das Loch im Wyhler Wald

Als die Winzer und Bauern vom Kaiserstuhl einen AKW-Bauplatz besetzten: Vor 30 Jahren begann in Südbaden der Atomausstieg

Wolfgang Prosinger[Wyhl]

Der Winterwald steht farblos am Rheinufer. Nur hie und da ein paar Brauntöne, manchmal fährt eine garstige Windböe zwischen die Bäume. Eine eiskalte Ungemütlichkeit ist das an diesem Februarmittag, man muss den Mantelkragen hochstellen und den Schal fester um den Hals wickeln. Dem älteren Herren mit den weißen Haaren und der hellgrauen Steppjacke scheint das alles wenig auszumachen. Er stapft sichtlich vergnügt durch diesen Wald, über die verwinkelten Wege zwischen den Altrheinarmen, jeder Schritt eine Selbstverständlichkeit: Hier kenne ich jeden Zentimeter. Und dann hält Walter Mossmann, unser Führer in diesem Wald, plötzlich an: „Hier ist es.“

Hier ist das Loch im Wyhler Wald. Schwer zu erkennen, denn das ist jetzt schließlich 30 Jahre her, als dieses Loch gehauen wurde, ein Geviert im Wald, 200 Meter breit etwa, 200 Meter lang. Hoch in den Himmel sind sie jetzt wieder gewachsen, die Birken und Buchen, die Erlen und Eschen, stattliche Bäume, und nur wer ganz genau hinsieht, kann erkennen, dass der Wald in diesem Rechteck lichter ist als nebenan.

Die Sägen kreischten, die Planierraupen dröhnten, und bald darauf heulten die Sirenen, die Polizeihunde bellten, und es knatterten die Hubschrauber. Da war Krieg am Oberrhein, es war Februar 1975. Der Stuttgarter Ministerpräsident Hans Filbinger hatte beschlossen, hier am Rheinufer, gleich hinter dem südbadischen Dorf Wyhl, ein Atomkraftwerk zu bauen, das größte Europas, weil sonst „in Baden-Württemberg 1980 die Lichter ausgehen“. Der Ministerpräsident hat nicht geahnt, welche Folgen dieser Beschluss haben sollte.

Er konnte es nicht ahnen. Denn was damals in Wyhl geschah, war ohne Beispiel. Ein Bürgerprotest brach los, wie ihn die Republik noch nicht gekannt hatte. Alles, was später, von Brokdorf bis Wackersdorf, zu den geläufigen Formen des Protests gehörte – hier war es neu und unerhört. Platzbesetzung, Bürgerinitiativen, Ökologie – die Menschen mussten neue Wörter lernen. Von hier nahm seinen Anfang, was in den folgenden Jahren die Republik durcheinander bringen sollte. Selbst die Partei der Grünen ist ohne Wyhl eigentlich nicht denkbar. Die Atomausstiegspläne der Regierung Schröder haben ihre Ursprünge im Februar 1975.

Walter Mossmann ist einer von denen, die damals zum innersten Kern des Protests gehörten. Radiojournalist war er im nahen Freiburg, jung, engagiert, große Klappe, und als Liedermacher kein Unbekannter. Aber er konnte noch mehr: Er konnte Dialekt sprechen, Alemannisch. Und das Alemannische spielte beim Kampf um Wyhl eine Hauptrolle. Denn dieser Widerstand war ja keineswegs eine Sache zugereister Extremisten, wie Filbinger ihn zu diffamieren suchte, sondern eine Sache der Leute, die hier lebten: der Winzer vom Kaiserstuhl, der Fischer von den Altrheinauen, der Bauern von den Dörfern ringsum. Hinzu kamen die Studenten aus Freiburg, aber sie waren bei weitem nicht die Mehrheit, und sie hatten – wie einige schmerzhaft lernen mussten – hier nicht im Mindesten das Sagen. Es waren Begegnungen des scheinbar Unvereinbaren, Feministinnen aus der Stadt und Landfrauen, Intellektuelle und Gesundheitsapostel, Anthroposophen und Unverbesserliche vom Kommunistischen Bund Westdeutschland.

Und dann waren da noch ganz andere, die kamen von jenseits des Rheins, aus Frankreich, aus dem Elsass, wo sie gerade gezeigt hatten, wie man mit Platzbesetzung und einer gehörigen Portion Wut ein Bleichemiewerk verhindert. Dass Radioaktivität und Bleistaub sich nicht um nationale Grenzen scheren, war eine der Erkenntnisse dieser Zeit. Die zweite war: dass das die Sprache offenbar auch nicht tut. Man verstand sich, linksrheinisch oder rechtsrheinisch, prächtig im gemeinsamen Dialekt und gemeinsamen Zorn. Und weil ein paar Kilometer weiter südlich auch welche wohnten, die so ähnlich sprachen und überdies ebenfalls in einen Kampf gegen ein Atomkraftwerk verstrickt waren, gemeindete man auch gleich die Nordschweizer ein und fühlte sich wie neugeboren in einer gemeinsamen Region, die den alten Nationalstaaten hohnlachte: von wegen Grenzland zwischen Deutschland, Frankreich und der Schweiz, von wegen Dreiländereck. Es lebe das einige Dreieckland, die neue Nation des Protests. Und weil sie alle der Rhein verbindet, schrieb ihnen Walter Mossmann ein neues gemeinsames Lied: „Die andere Wacht am Rhein.“ Es wurde die Hymne der Bewegung.

„Nai hämmer gsait“, steht heute mit dicken Lettern auf einem Findling im Wyhler Wald. Im Jahr 2000, zum 25. Jubiläum der Besetzung, wurde er in der Nähe des Bauplatzes aufgestellt. Nein haben wir gesagt. Wir: Das waren alle, die diese Sprache verstanden.

„Das ist der schönste Bauplatz der Welt“, sagt Walter Mossmann im Winterwald. Auch 30 Jahre danach steht dem 63-Jährigen immer noch so etwas wie Verwunderung ins Gesicht geschrieben. Keiner hatte damals damit gerechnet, dass funktionieren könnte, was sie so lange in den Hinterzimmern der Dorfwirtschaften, in den Wohnzimmern am Kaiserstuhl und anderswo ausgeheckt hatten. Und es begann ja auch gar nicht gut. Da waren ein paar hundert Leute auf den Platz gelaufen, kaum dass die Waldarbeiter mit dem Abholzen angefangen hatten. Die Polizei hatte leichtes Spiel mit ihnen und riegelte den Platz ab, mit Nato-Stacheldraht.

Dann begann die Belagerung. Tag für Tag kamen sie, immer mehr kamen, kamen immer wieder, blieben da, stellten sich vor den Absperrungen auf, rüttelten daran, und die jungen Polizisten hinter dem Stacheldraht schienen von Tag zu Tag bleicher zu werden. 28000 Demonstranten waren es schließlich am Sonntag, dem 23.Februar. Ein paar von ihnen müssen Drahtscheren mitgebracht haben, jedenfalls war irgendwo plötzlich ein Loch im Zaun und noch eins, und Tausende stürmten den Platz.

Und die Polizei? Stürmte ebenfalls – auf und davon. „Als es so weit war, haben wir die Welt nicht mehr verstanden“, sagt Walter Mossmann.

Es war eiskalt an diesem Sonntag in Wyhl, der Erdboden, auf dem die Besetzergruppen lagerten, war gefroren. Aber dann brannten hundert Feuer, Holzabfälle gab es auf der frisch geschlagenen Lichtung schließlich genug. Und plötzlich gab es auch Brot und Wurst, und manche Bauersfrau steckte den Besetzern eine Flasche mit Hochprozentigem zu. Dann kam die Nacht, und jeder rechnete damit, dass mit ihr auch die Polizisten wiederkämen, in doppelter und dreifacher Stärke, mit Hunden, mit Wasserwerfern. Walter Mossmann erzählt: „Ich hatte wahnsinnig Angst. Vielleicht macht jemand was Blödes, vielleicht gibt es Verletzte, Tote. Ich fühlte mich gedrückt von der Verantwortung.“

Aber es geschah nichts in dieser Nacht. Die Flammen wurden langsam kleiner, die Menschen rückten enger zusammen und wärmten sich.

Und begannen sich am nächsten Tag einzurichten auf dem Platz. Stellten Zelte auf, errichteten ein rundes Holzhaus nach Art der Lappenjurten mit einem Loch in der Mitte für den Rauch, das so genannte „Freundschaftshaus“, wie es später auch auf anderen Protestplätzen stand, etwa in Gorleben. Es wurde zum Ort der Versammlungen auf dem Platz, zum Ort für Streit und Kaffeeklatsch und besonders für die flugs gegründete „Volkshochschule Wyhler Wald“ (die es insgesamt auf 616 Veranstaltungen brachte).

Die Zeit verging, es wurde März, und die Polizei kam einfach nicht wieder. Und das Loch im Wyhler Wald wurde so etwas wie eine Kultstätte. Besucher von nah und fern kamen hierher, ganze Familien erkoren Wyhl am Sonntagnachmittag zum Ausflugsziel, sogar mancher Politiker traute sich her, um zu sehen, welche Dreistigkeit sich hier begab. Bis zum November blieben die Besetzer auf dem Platz, dann räumten sie ihn freiwillig, es begannen Verhandlungen mit der Landesregierung, es folgten schier endlose Gerichtstermine. Acht Jahre vergingen, und 1983 schließlich befand ein Stuttgarter Ministerpräsident, er hieß inzwischen Lothar Späth, dass man sich mit diesen merkwürdigen Hartköpfen vom Kaiserstuhl besser nicht erneut anlegen sollte. Das Atomkraftwerk Wyhl wurde nie gebaut.

Der Mythos vom Wyhler Wald wuchs damit ins Unermessliche. Es war nicht nur der erste Protest gegen einen Atommeiler. Er war auch der einzige in Deutschland, der für die Besetzer zum Erfolg führte.

Was aber war das Geheimnis dieses Erfolgs? Wie konnte so etwas passieren? „Es konnte passieren“, sagt Walter Mossmann, „weil niemand damit gerechnet hatte.“ Das Netzwerk der 21 Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen – das hatte kein Vorbild, das war ein schwer durchschaubares, föderatives System, das nicht einmal einen ordentlichen Vorsitzenden hatte. Eine außerparlamentarische, grenzüberschreitende Bewegung von Menschen grundverschiedener Herkunft – das war nicht berechenbar, das war eine einzige Überraschung.

Aber vielleicht war es noch viel einfacher. Vielleicht lag es einfach daran, dass die Zeiten damals ganz andere Zeiten waren: Wyhl – das war eines der letzten Massenereignisse, das noch kein Medienereignis war. Hätten sich die Jagdszenen im Wyhler Wald im Scheinwerferlicht und vor laufenden Kameras abgespielt, es wäre am Ende vielleicht alles ganz anders gekommen. Flüchtende Polizisten in der Tagesschau – schwer vorstellbar, dass so etwas ohne heftige Gegenreaktionen der Staatsgewalt abgegangen wäre. Aber solche Bilder gab es kaum, höchstens ein paar Privataufnahmen. „Zum Glück haben sie uns nicht ernst genommen“, findet Walter Mossmann: „Für unsere Eitelkeit war das kränkend, aber deshalb haben wir gewonnen.“

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