Zeitung Heute : Das Loch in der Zeit

Kommt die Normalität je zurück? Und wenn ja, welche? Die Welt am 10. September 2001 und ein Rundgang um Ground Zero heute

Malte Lehming[New York]

Wo sie einmal standen, ist nicht mehr zu erkennen. Die beiden Türme sind endgültig weg. Keine Reste, kein Grundriss, keine Ahnung. Das Neue bahnt sich seinen Weg. Ground Zero hat kaum noch etwas von einem Trümmerfeld. Es ist eine riesige, rundum abgesperrte, fast quadratische Baustelle. Gitter versperren die Sicht. In den Fenstergläsern des renovierten World Financial Centers nebenan spiegeln sich die Kräne. Laster donnern die Rampe rauf und runter. Presslufthämmer rattern. Schwere Plastikplanen klatschen laut im Wind. Es ist kein Ort, der Besinnung erlaubt.

An der Ostseite, entlang der Church Street, ziehen die Touristenströme vorbei. Flugblätter oder Broschüren auf dem breiten Bürgersteig zu verteilen, ist offiziell verboten, auf den Metallzaun zu steigen, auch. Geahndet werden die Vergehen selten. Eine Nonne sammelt an diesem Nachmittag Spenden für ihre Kirche. Einige Mitglieder der Falun-Gong-Sekte sitzen an der Seite und protestieren gegen China. Straßenhändler laufen mit Fotoalben herum, die das World Trade Center vor und nach seiner Zerstörung zeigen.

Das Motiv, das auf keinem Film fehlen darf, ist das Kreuz. Es besteht aus zwei Eisenträgern. Über einem Arm hängt festgeschweißt ein dickes Stück Silbermetall. Bauarbeiter hatten es in den Tagen danach im Schutt entdeckt. Das Kreuz ist zum Wahrzeichen von Ground Zero geworden. Erst ragte es aus den Trümmern, wie ein Symbol trotziger Hoffnung. Jetzt steht es auf einem Betonpodest. Es wirkt gestellt, zu absichtlich platziert.

Auf der anderen Seite der Church Street steht das Hotel Millenium Hilton – ein schwarzer, riesiger Klotz. Die Übernachtungspreise liegen bei 300 Dollar. Meist ist es ausgebucht. Der Swimmingpool befindet sich an der Seite des Gebäudes. Durch große Fenster schweift der Blick. Von hier aus lässt sich Ground Zero am angenehmsten überblicken. Am Mittwochabend war New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg im Millenium Hilton. Es war die erste, recht kleine Zeremonie aus Anlass des dritten Jahrestages von „Nine-Eleven“. Organisiert worden war sie von einem Ehepaar, das am 11. September 2001 geheiratet hatte.

Das Leben kehrt zurück. Die Straßen und Geschäfte rund um Ground Zero sind voll. Am 4. Juli war der Grundstein für den Freedom- Tower-Komplex gelegt worden, den Daniel Libeskind entworfen hat. Der U-Bahnhof ist wieder betriebsfertig. Die Station heißt „World Trade Center“. Unter der geschwungenen, metallenen Eingangshalle wird Obst und Gemüse verkauft. Der kleine Markt steht direkt am Absperrgitter zu Ground Zero.

Ein Gedanke schießt durch den Kopf: Dort, wo heute Tomaten gewogen werden, prallte vor drei Jahren vielleicht ein Mensch aufs Pflaster, der sich verzweifelt aus dem brennenden World Trade Center stürzte. Wie viele der 2749 Opfer auf diese Weise ums Leben kamen, ist bis heute unklar. Einige Schätzungen gehen von mehr als 200 aus, andere liegen bei der Hälfte. Die meisten sprangen aus dem Nordturm.

In der U-Bahnstation blitzt alles. Über drei lange Treppen führt der Weg hinab. Hier unten sind die Bagger und Laster zum Greifen nahe. Ein Netz erlaubt den Blick nach draußen, verhindert aber, dass die Passagiere von oben aus gesehen werden können. Im Drei-Minuten-Takt laufen die Züge ein. Ground Zero ist wieder ein Verkehrsknotenpunkt.

Kann man ins Land der Trauer auf Urlaub gehen? Zum dritten Jahrestag sind alle Opfer- und Tätergeschichten erzählt. Der Tag selbst ist so gut dokumentiert wie kein anderer in der Geschichte. Die amerikanischen Medien absolvieren ein Erinnerungs-Pflichtprogramm, mehr nicht. Keines der großen Printmagazine hat sich in dieser Woche mit „Nine-Eleven“ befasst. Wahlkampf und Irakkrieg: Das sind die beherrschenden Themen. Allein in New York selbst ist das Interesse etwas größer.

Dringt in die Welt danach wieder jene Normalität, die mit der Welt davor verbunden war? Wie sah sie aus, diese Welt davor? Am 10. September 2001 wird der damalige Bundespräsident Johannes Rau im Tagesspiegel mit dem Satz zitiert: „Wir müssen die Erinnerung an diese Katastrophe wach halten.“ Das war auf den Holocaust gemünzt. Einen Tag zuvor war in Berlin das Jüdische Museum eingeweiht worden. Unter den Gästen waren auch Amerikaner. Die meisten dürften sich am 10. September auf dem Heimflug befunden haben, die anderen blieben unfreiwillig länger als geplant von zu Hause weg.

Was waren die anderen Themen? In Mazedonien beteiligen sich 100 Bundeswehrsoldaten an der Entwaffnung albanischer Rebellen. Ach ja, der Balkan. Der Stuhl von Verteidigungsminister Rudolf Scharping wackelt. Ach ja, der Scharping. Tief „Valentin“ bringt ungewöhnlich schlechtes Wetter. In der ersten Septemberwoche wird ein Kälterekord gemeldet. Ansonsten wird über die Vor- und Nachteile der embryonalen Stammzellforschung gestritten.

Die beschäftigt zur gleichen Zeit auch die Amerikaner. Die Tageszeitung „USA Today“ berichtet am 10. September 2001 über eine Studie, in der Präsident George W. Bush für seine Entscheidung kritisiert wird, die Unterstützung der Stammzellforschung streng zu limitieren. „Washington Post“ und „New York Times“ befassen sich mit Haushaltsfragen. Das Magazin „Time“ veröffentlicht eine Titelgeschichte über Außenminister Colin Powell („Where have you gone, Colin Powell?“). Bushs Umfragewerte dümpeln bei 51 Prozent. Bob Dylan bringt sein Album „Love and Theft“ heraus. Das beherrschende Thema ist, wie seit Wochen, die verschwundene Praktikantin Chandra Levy, die ein Verhältnis mit dem kalifornischen Kongressabgeordneten Gary Condit hatte.

Doch es passieren an diesem Tag auch Dinge, die nicht in der Zeitung stehen. Mohammed Atta und Abdulasis al Omari, zwei der 19 Flugzeugentführer, fahren nach Portland im US-Bundesstaat Maine. Dort mieten sie sich um 17 Uhr 43 im Comfort-Inn-Motel ein Doppelzimmer für 149 Dollar. Kurz nach 20 Uhr essen sie bei Pizza Hut an der Main Mall Road 415. Um 20 Uhr 31 fotografiert sie eine Überwachungskamera am Fast-Green-Geldautomaten auf dem Parkplatz von Uno’s Chicago Bar & Grill. Zwischen 21 Uhr 22 und 21 Uhr 39 kaufen sie bei WalMart, etwas südlich von Portland, mehrere Teppichmesser.

Ebenfalls am 10. September 2001 steht in den Zeitungen, dass Ahmed Schah Massud ermordet wurde, der Chef der Nordallianz in Afghanistan. Er leitete den Widerstand gegen das Taliban-Regime. Bush wird an diesem Morgen, wie immer, vom US-Auslandsgeheimdienst CIA gebrieft. Der Name Osama bin Laden fällt. Der Chef der Al Qaida wird für das Attentat verantwortlich gemacht. Zum ersten Mal seit ihrem Dienstantritt befasst sich die Bush-Regierung ernsthaft mit dem Problem bin Laden. An diesem 10. September beschließen sie eine dreistufige Strategie: Als Erstes soll ein Gesandter zu den Taliban geschickt werden, damit diese bin Laden des Landes verweisen. Falls das nichts nützt, soll diplomatischer Druck ausgeübt werden. Falls auch das nichts nützt, wird für eine „direkte Aktion“ plädiert, die zum Sturz des Taliban-Regimes führen soll. Als Zeitrahmen werden drei Jahre veranschlagt.

Das ist nun drei Jahre her. Sieben U-Bahnstationen von Ground Zero entfernt, im Stadtteil Greenwich Village, ist in diesen Tagen eine kleine Ausstellung eröffnet worden. Gezeigt werden Bilder von Kindern, die am 11. September 2001 Vater oder Mutter verloren haben. Das Malen sollte ihnen helfen, ihre Gefühle auszudrücken. In den ersten Monaten dominierten grelle Farben und düstere Visionen – die einstürzenden Türme, die Feuerwehrmänner, das Chaos. Doch dann setzte Trauer über den Verlust ein. Auf einigen Bildern sieht man nun jene Leerstelle, die das Kind spürt. „Meine Mutter, ich, mein Bruder“, steht über drei Figuren, die ein Mädchen gemalt hat. Der Raum dazwischen ist weiß geblieben, für den fehlenden Vater.

Rund um die Wall Street, drei Blöcke vom World Trade Center entfernt, herrscht immer noch die höchste Sicherheitsstufe. Die New Yorker Börse ist abgeriegelt. Polizisten mit Maschinengewehren stehen an Absperrungen. Autos dürfen hier nicht fahren.

Etwas weiter südlich, am Battery Park, wo die Fähren zur Freiheitsstatue fahren, hat die bronzene Kugel von Bildhauer Fritz Koenig ihren neuen Platz gefunden. Sie stand, als Symbol des Weltfriedens, drei Jahrzehnte lang auf der Plaza des World Trade Centers. Die Trümmer haben sie ramponiert, aber nicht zerstört. Nun ist „The Sphere“ das vorläufige Denkmal zu „Nine-Eleven“. Ein paar verwelkte Blumen liegen davor. An der Seite wehen drei kleine, kümmerliche US-Fahnen. Davor brennt die „ewige Flamme“.

Wer sich von dort, von Süden her, Ground Zero nähert, kommt an einer Feuerwache vorbei. Am Frontfenster des Einsatzwagens steht „We support our troops“. Hinter der Wache befindet sich ein Hochhaus. Auf dessen obersten Fenstern steht „No War“. Die Lehren aus den Anschlägen gehen weit auseinander. Sechs Männer hat die Feuerwehreinheit am 11. September 2001 verloren. Ein Metallschild mit ihren Profilen erinnert daran. „All gave some, some gave all“, steht darauf.

In den Souvenirläden sind die Feuerwehrleute in jeder Variante zu haben. Und immer wieder Ansichten der Twin Towers. Die Türme selbst mögen verschwunden sein, als Ikonen leben sie fort. Das beginnt mit den vielen Straßenschildern rund ums World Trade Center. Sie alle zeigen auch die beiden Türme. Zunächst war überlegt worden, die Schilder zu ersetzen. Doch dann beschloss man, sie zu lassen. Das gilt auch für den Vorspann von „Friends“, einer der beliebtesten US-Serien, von der laufend Wiederholungen ausgestrahlt werden. Und es gilt für Hunderte anderer New-York-Filme, für Bücher, Bilder und selbst für bestimmte Einkaufstüten. Die Vergangenheit wegretuschieren? Das will man nicht.

Was sind die Themen zu diesem Jahrestag? Das Geld zum Beispiel. Einige Angehörige von Opfern sind Millionäre geworden. Die Spendentöpfe liefen über. Die Witwen der getöteten Feuerwehrmänner haben im Schnitt zwischen 800000 und 1,5 Millionen Dollar erhalten. Nicht alle haben den plötzlichen Reichtum verkraftet. Außerdem wird, wo viel Geld im Spiel ist, gerne vor Gericht gegangen. Die Firma Cantor Fitzgerald etwa, die 658 Angestellte verlor, hat in der vergangenen Woche eine milliardenschwere Klage gegen Saudi-Arabien eingereicht. Das Königreich wird beschuldigt, Al Qaida finanziert zu haben. Ein anderes Verfahren läuft gegen Motorola. Deren Funkgeräte benutzt die New Yorker Feuerwehr. Einige dieser Geräte sollen am 11. September 2001 versagt haben. Und schließlich klagt Margaret Cruz gegen James McAneney. Cruz ist die langjährige lesbische Lebensgefährtin von Patricia McAneney, die bei den Anschlägen getötet wurde. Die Entschädigung indes, mehr als eine halbe Million Dollar, erhielt Bruder James. Das findet Cruz ungerecht. Die Hälfte stehe ihr zu, meint sie.

Gar keine Entschädigung erhalten haben bis heute jene, die auf Ground Zero krank wurden. In den Tagen nach den Anschlägen waren viele giftige Substanzen in der Luft. In der Folge häuften sich Atemwegserkrankungen. Hunderte Feuerwehrmänner mussten ihren Dienst vorzeitig quittieren. Betroffen sind auch Tausende von Bauarbeitern.

Auch an der Church Street, neben dem Millenium Hilton, liegt die bescheidene St. Paul’s Chapel. Sie blieb unversehrt. Sie wird in der Nacht von Freitag auf diesen Samstag, bis um 8 Uhr heute früh, geöffnet sein. Um 8 Uhr 46 soll die „Glocke der Hoffnung“, die vor dem Südeingang steht, klingen. Die Kirche selbst ist zur spirituellen Pilgerstätte geworden. Von den Emporen hängen selbst gebastelte Fahnen. An der Seite steht eine Pritsche. Sie erinnert an die ersten Tage nach den Anschlägen, als hier Hunderte von Helfern ein paar Stunden ausruhten. Auch auf den Holzbänken schliefen sie, manchmal in voller Montur. Die Kratzer sind noch zu sehen.

Wer St. Paul’s betritt, taucht in eine andere Welt ab. Keine Presslufthämmer, keine Straßenhändler, kein Big Business, kein rauschender Verkehr. Die Kirche ist alt, 1766 erbaut. George Washington hat hier, nach seiner Inauguration als erster US-Präsident, gebetet. Hier wird nur geflüstert. Und geweint. An den Säulen der Ein- und Ausgänge sind dezent Papiertaschentücher deponiert worden. In einer Ecke sitzt eine Frau, die kleine, silberne Kreuze verkauft. Sie ist täglich in der Kirche. „Ich bin immer wieder überrascht, wie oft wir die Taschentücher ersetzen müssen“, sagt sie.

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