Zeitung Heute : Das Löwenmaul

Erst wenn es richtig warm ist, blüht es auf

Ursula Friedrich

Kinder und Hummeln wissen, wie man dieser Blüte das fest verschlossene Maul öffnet: Man greift von hinten an die Blüte und drückt. Schon klappt der Schlund auf. Und zu. Und auf. Und zu. Kinder können nicht genug von diesem Spiel bekommen. Hummeln wählen den direkten Weg – sie wühlen sich von vorn mit ihren dicken Pelzbäuchen in einen schmalen Spalt, bis sie ganz verschwunden sind. Dann tauchen sie wieder auf, goldbestäubt. Noch ist keine in dem rosigen Maul erstickt. Auch keine Biene. Wespen kommen nicht. Vielleicht haben sie Angst vor dem drohenden Maul. Pflaumenkuchen erscheint ihnen weit weniger gefährlich.

Ohne Löwenmäulchen kann ich mir keinen Sommergarten vorstellen. Wann beginnt der Sommer? Eisheilige und Schafskälte müssen erst überwunden werden. Irgendwann blühen die Löwenmäulchen im Beet, und dann, schreibt der Gartenschriftsteller Johannes Roth, dann ist er endgültig da, der Sommer. Ohne Löwenmäulchen ist auf ihn kein Verlass. Sie duften ganz sanft, leuchten in den schönsten Farben, sind wundervoll unempfindlich gegen Gewitterregen, sie zwinkern dir zu, weil du sie von Kindesbeinen an kennst, jedes Jahr wieder. Es kann sein, dass sie manchmal bei großer Trockenheit ein bisschen Mehltau kriegen, aber im Allgemeinen sind sie resistent gegen Pilzkrankheiten.

Sein botanischer Name erinnert an Schnupfen. Antirrhinum, so tauften die Griechen das Löwenmaul seiner Ähnlichkeit mit einer Nase und einem Maul mitten im Gesicht wegen. Die Wissenschaft unterscheidet mindestens 40 Arten Löwenmäulchen, die alle aus den wärmeren Gegenden des Mittelmeeres stammen. Es gibt genügsame darunter, die mit Bergschotter und magerer Erde vorlieb nehmen, dafür dann aber auch magere Blüten, meist gelbe, bekommen. In unseren Garten setzen wir lieber Antirrhinum majus, weil es groß und kräftig wird, auch mal einen Winter überlebt und im nächsten Sommer wieder blüht. Allerdings spärlicher. Ich habe ein Exemplar dieser Sorte gehegt und ihm sehr viel Kompost gegeben. Aber es lohnt sich nicht recht. Am besten sind sie jedes Jahr wieder neu, überschwänglich im Blüheifer, mit dem einzigen Wunsch, dass Verblühtes abgezwickt wird. Das spornt sie so richtig an.

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