Zeitung Heute : Das lohnt sich

Alfons Frese

Die Debatte um Mehrarbeit wird weitergeführt. Was muss geschehen, damit Arbeitszeit optimal genutzt wird?

Arbeitszeit ist dann optimal genutzt, wenn die Arbeitskraft maximale Produktivität bringt. Nicht die Dauer der Arbeit ist entscheidend, sondern das Ergebnis. Wenn vor zehn Jahren für die Produktion eines Autos 30 Stunden erforderlich waren, braucht es heute die Hälfte. Demnach könnte sich die Arbeitszeit eines Autobauers also halbieren. Wenn aber die Arbeitszeit unverändert bleibt, kann der Autobauer mehr Geld bekommen, weil er ja in derselben Zeit mehr Autos baut.

Von diesem Produktivitätsfortschritt profitierten die Arbeitnehmer in den vergangenen Jahrzehnten durch mehr Geld oder Freizeit. Urlaubsdauer und wöchentliche Arbeitszeit haben sich so entwickeln können, weil die Wirtschaft immer produktiver wurde. Daran hat sich auch nichts geändert. Doch leider sind andere Volkswirtschaften auch immer produktiver geworden und rücken deshalb immer näher an „unsere“ Firmen heran.

Manche Unternehmen wollen deshalb hier zu Lande länger arbeiten lassen, um die Kosten zu senken. Denn wenn länger gearbeitet wird, können die teuren Maschinen und Anlagen länger genutzt werden, das senkt die Kapitalkosten. Oder die Arbeitnehmer arbeiten für den gewohnten Lohn länger, das senkt die Arbeitskosten. Unterm Strich bekommen die Firmen einen andere Kalkulationsgrundlage, können also im Preiswettbewerb besser mithalten. Deshalb, so die Quintessenz mancher Unternehmer, schafft längere Arbeit auch mehr Arbeit, weil die Firmen mehr Aufträge bekommen und dann für die Abarbeitung derselben mehr Arbeitskräfte brauchen. Für die Gewerkschaften ist das eine Milchbubenrechnung. Ihrer Ansicht nach hat eine Arbeitszeitverlängerung nur dann Sinn, wenn die Kapazitäten ausgeschöpft sind und es einen Arbeitskräftemangel gibt. Davon kann in Deutschland keine Rede sein. Alles in allem differenziert sich vielmehr zusehends das Bild: Gearbeitet wird dann, wenn Arbeit da ist.

Inzwischen gibt es in Deutschland mehr als acht Millionen der so genannten 400-Euro-Jobs. Diese Miniverdiener sind aus Sicht des Arbeitgebers ideale Arbeitnehmer. Weil sie billig sind und fast allzeit bereit, gewissermaßen auf Abruf, wenn sie gebraucht werden. Spannt man einen ganz weiten Bogen, dann sind diese Arbeitsverhältnisse im Kleinen vergleichbar mit der Fabrik im Großen. Bei Volkswagen gibt es Arbeitszeitkonten mit einer Schwankungsbreite von 800 Stunden; das Ideal der „atmenden Fabrik“, deren Auslastung sich beinahe täglich nach den vorliegenden Bestellungen respektive Aufträgen steuern lässt, ist bald erreicht. Weil der Kunde das will und nicht zu Gunsten einer starren Arbeitszeit bei seinem Lieferanten lange Wartezeiten akzeptiert. Das betrifft zumindest die Branchen, die im globalen Wettbewerb stehen und um Kunden kämpfen. Vermutlich erführe aber auch die gesamte Volkswirtschaft einen Effizienzgewinn, wenn sich der öffentliche Dienst am Kunden orientierte.

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