Zeitung Heute : Das macht sie arbeitslos

Carsten Brönstrup

Experten rechnen für 2005 mit einem Anstieg der Arbeitslosenzahl auf mehr als fünf Millionen. Wie kommt es dazu?

Im Winter wird es noch einmal bitter für die Bundesregierung. Im Januar, vielleicht auch erst im Februar dürfte die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland auf fünf Millionen steigen. Fünf Millionen – das gab es noch nie seit dem Krieg. Bei Pessimisten weckt das Überschreiten dieser Marke Gedanken an die Weimarer Republik, an soziale Unruhen und an wirtschaftlichen Abstieg breiter Massen.

Doch so weit wird es nicht kommen – das sagen selbst die notorisch skeptischen fünf Wirtschaftsweisen in ihrem neuen Jahresgutachten voraus. Der Anstieg auf fünf Millionen Arbeitslose sei „ein rein statistischer Effekt“, beruhigt Wolfgang Wiegard, der Vorsitzende des Gremiums. Deshalb bestehe kein Anlass zur Hysterie. Auch das Bundeswirtschaftsministerium und die Bundesagentur für Arbeit sehen es so. Der bisherige traurige Rekord liegt bei 4,823 Millionen im Januar 1998.

Ist die Rekordarbeitslosigkeit also völlig normal? Zunächst einmal nimmt die Zahl der Beschäftigungslosen in jedem Winter zu. Je nachdem, wie kalt es zwischen Dezember und Ende Februar wird, verlieren mehr als 500000 Menschen ihre Stelle. Weil sie zuvor nur befristet beschäftigt waren – etwa als Bauarbeiter, Erntehelfer, Serviererin im Restaurant oder als Landschaftsgärtner. Läuft die Konjunktur schlecht, kommen noch einmal einige Zehntausend hinzu.

Wie kalt der Winter 2004/2005 wird, weiß zwar noch niemand. Klar ist aber, dass die Arbeitsmarktreform Hartz IV zum Jahreswechsel in Kraft tritt. Ihr Kernstück ist die Zusammenlegung der Systeme für Arbeitslosen- und für Sozialhilfe, der umfangreichste Umbau des Wohlfahrtsstaates in der Geschichte der Republik. Wer bisher Sozialhilfe bezog und arbeitsfähig ist, rutscht in die neue Statistik hinein. Nach Schätzungen der Bundesagentur für Arbeit sind davon 300000 bis 400000 Bürger betroffen. Sie sind bereits jetzt ohne Stelle, werden aber noch nicht als arbeitslos gezählt. Sondern erst ab Januar.

Zu den 4,206 Millionen, die im Oktober arbeitslos waren, kommen insgesamt also 900000 Menschen hinzu – dann läge die Arbeitslosigkeit maximal bei 5,1 Millionen.

Bei diesem markanten Stand soll es aber nur kurze Zeit bleiben, hoffen die Wirtschaftsforscher. Die neuen Ein-Euro-Jobs für Langzeitarbeitslose werden die Statistik rasch wieder entlasten. Wie stark, ist noch unklar – denn noch kann niemand genau sagen, wie viele dieser neuen Beschäftigungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen werden.

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