Zeitung Heute : Das Mädchen behielt die Nerven

Der Tagesspiegel

Von Kerstin Gehrke

Die 16-jährige Schülerin hatte das Gesicht des Mannes mit der Pistole nicht gesehen. Sie wollte es auch nicht. Der Sex-Gangster sollte sicher sein, dass sie nicht weiß, wie er aussieht. „Ich hatte Angst, er würde mich sonst umbringen", sagte die Gymnasiastin vor dem Berliner Landgericht. Dort muss sich seit gestern der 38-jährige Thomas G. wegen Vergewaltigung verantworten. Nur seine Turnschuhe hatte die Schülerin gesehen. Sie führten zu seiner Festnahme.

Jana (Name geändert) kam am 3. Oktober vergangenen Jahres aus dem Kino. Mit Freunden war sie in der Spätvorstellung. Den Heimweg trat sie allein an. Als sie in Marzahn aus der Straßenbahn stieg, lag noch ein Fußweg von zehn Minuten vor ihr. „Nach einer Weile habe ich gemerkt, dass ich verfolgt werde“, sagte die Zeugin. Als sie die Haustür aufschließen wollte, griff der Mann von hinten an. Er hielt ihr Mund und Nase zu und drückte eine Waffe an ihre Schläfe. Danach zwang er die Jugendliche in den Keller und verging sich an ihr.

Die Schülerin stand mit dem Gesicht zur Wand. Sie sah nur die schwarz-weißen Turnschuhe. Und sie versuchte trotz ihrer Angst, mit ihm zu verhandeln. Als er Oralverkehr verlangte, wollte sie ihn mit Geld stoppen. Er stimmte zu und nahm ihre 30 Mark. Als er trotzdem nicht von ihr ablassen wollte, sagte die Gymnasiastin, die in die 11. Klasse geht, zitternd, aber nervenstark zu ihm: „Ich bin doch erst 14 Jahre alt und habe keinerlei Erfahrung.“

Tatsächlich konnte sie weitere Misshandlungen verhindern. Aber die Angst ist geblieben. „Auch am hellichten Tag drehe ich mich vor der Haustür dreimal um.“ Ihre Eltern hatten damals sofort die Polizei alarmiert. Noch in derselben Nacht nahmen Beamte in der Nähe des Tatortes einen verdächtigen Mann mit schwarz-weißen Turnschuhen fest. Spermaspuren und ein Fingerabdruck von Jana auf einem 20-Mark-Schein überführten den Hellersdorfer Betonbauer Thomas G.

Der Angeklagte aber berief sich auf Erinnerungslücken. Er habe an dem Abend einem Freund seine neuesten Karaoke-Aufnahmen vorgespielt und in einem Café viel getrunken. „Ich bin kein Mensch, der brutal zuschlägt, ich kann mir das nicht vorstellen“, sagte G. Von fehlender Erinnerung sprach er allerdings schon in zwei anderen Prozessen. 1992 und 1996 wurde er verurteilt, weil er Frauen überfallen hatte. Die Staatsanwaltschaft strebt nun Sicherungsverwahrung für G. an, weil sie ihn für einen gefährlichen Hangtäter hält. Der Prozess wird fortgesetzt.

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