Zeitung Heute : Das Mädchen in der Buddelkiste

ICH SEHE WAS, WAS DU NICHT SIEHST

Benjamin Lebert

In einer Woche erlebt jeder von uns schätzungsweise 10 000 Momente. Einen davon hält Benjamin Lebert fest.

Als ich vier Jahre alt war, habe ich geheiratet – ein Mädchen, das eine hellblau geränderte Brille trug, hellblaue Augen hatte und Inka hieß. Das war im Kindergarten, einem Kindergarten für behinderte und nichtbehinderte Kinder, und Inka war ein bisschen geistig behindert. Sie war unglaublich süß und lustig mit zwei geflochtenen, blonden Zöpfen rechts und links, und sie hat viel mehr gelacht als ich. Es gibt ein Foto von unserer Hochzeit, wo wir beide in einem kleinen Leiterwagen saßen, den die anderen Kinder mit Blumen geschmückt hatten. Ich machte ein sehr würdevolles Gesicht. Inka strahlte wie immer, sie hatte einen Schleier auf dem Kopf. Wenn ich mich recht erinnere, nahm ich die Zeremonie ganz ernst. Danach gab es Kuchen und Gratulationen und meine Eltern machten sich darüber lustig, was ich nicht recht verstehen konnte. Ich dachte, ich habe jetzt eine Frau. Für immer.

Später habe ich nicht mehr an Inka gedacht. Sie fiel mir erst neulich wieder ein, als ich wegen der unglaublichen Hitze an einem Nachmittag mein Buch nahm und mich an einen schattigen Kinderspielplatz auf eine Bank hockte. Ich musste alles über die soziale Marktwirtschaft und Jugendliche im Arbeitsprozess lernen. Ich war früher nie auf Kinderspielplätzen, weil ich mich vor den Kindern gefürchtet habe und vor den Geräten. In der Mitte war ein großer Sandplatz. Daneben standen drei blaue Klettergerüste und eine rote Rutschbahn, die man über eine kleine Leiter bestieg und dann in den Sandkasten hinunter rutschen konnte. Es gab auch eine Wippe und ein Karussell, in das sich gerade ein kleiner Junge die Finger einzwickte. Das Geschrei war so schlimm, dass ich mich fragte, ob dies der richtige Ort sei, um Jugendliche im Arbeitsprozess zu erforschen. Sieben Bänke standen im Kreis um das Geschehen, jede Bank mit einem großen Papierkorb an der Seite, aus dem irgendwelche Insekten schwirrten. Auf diesen Bänken saßen die Mütter. Und als Ausnahme auch ein Vater. Jeder Erwachsene hatte eine Tasche neben sich, in der sich Schäufelchen, Eimerchen, Butterbrezeln, Limonadendosen und Papiertaschentücher befanden. Manche hatten auch ein Buch dabei, aber sie lasen nicht darin, sie schauten immer, was ihre Kinder machten.

Mir ging es genauso. Irgendwie war das sehr spannend, was hier passierte. Einer haute dem anderen sein Schäufelchen auf den Hinterkopf, Sand flog in die Augen, Tränen flossen. Ein friedlicher Platz war es nicht gerade. Es ließ sich ganz gut das soziale Verhalten von Kindern, die sich noch nicht im Arbeitsprozess befinden, beobachten. Ganz in meiner Nähe spielte sich etwas ab, das die ganzen traurigen Erfahrungen eines Menschen in seinem Leben vorzeichnete. Ein winziges Mädchen in einer blauen Latzhose und mit dünnen, braunen Löckchen stapfte bis zu der Rutsche. Setzte mit aller Anstrengung seine Füße auf die unterste Sprosse der Leiter. An der nächsten Sprosse hielt es sich mit seinen kleinen Händen fest, aber es schaffte den Aufstieg nicht. Da kam ein etwa vierjähriger Junge und stieg einfach über sie hinweg die Leiter hinauf. Das Mädchen sah bewundernd zu ihm hoch. Es legte den Kopf in den Nacken und rief leise: „Hallo…“ Und immer wieder "Hallo..." mit seiner zarten Stimme, auf die niemand achtete. Der Junge blieb völlig ungerührt über ihr stehen. Dann stieg er ganz hoch und rutschte hinunter. Einfach so. Dieses Hallo, diese leise, kaum wahrnehmbare Hallo, zu jemanden, der es nicht hört. Wie viele leise ausgesprochene Hallos gibt es wohl auf der Welt, bis endlich eines dort ankommt, wo es gehört wird? Hallo, Inka?

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