Zeitung Heute : Das Märchen von Hermannstadt

Aufbruch und Schlendrian: Seit dem EU-Beitritt driftet Rumänien schneller auseinander denn je. Einige Deutsche gehen dagegen an.

Axel Vornbäumen[Sibiu Hermannstadt]

Was er denn so verdiene, haben sie ihn gefragt, als Paul-Jürgen Porr einmal in den USA war. Da hat Paul-Jürgen Porr, Arzt aus dem rumänischen Sibiu, geantwortet: 500 Dollar.

Wow, haben die amerikanischen Kollegen gesagt, das ist ziemlich viel!

Die dachten, sagt Porr, ich hätte meinen Stundenlohn gemeint.

Er hatte aber von seinem Monatsverdienst gesprochen. Paul-Jürgen Porr, grau meliertes Haar, kariertes Jackett, selbstbewusstes Auftreten, ist trotzdem geblieben im rumänischen Sibiu, das man auch Hermannstadt nennen darf, ohne deswegen in landsmannschaftlichen Revanchismen zu schwelgen. Er ist geblieben in all den düsteren Jahren unter dem tumben, aber doch irgendwie bauernschlauen Diktator Nicolae Ceausescu, der in den 70ern und 80ern bis zu 8000 Mark von der Bundesrepublik für jeden ausreisenden Deutschen kassierte. Er ist geblieben, als der Eiserne Vorhang fiel, die Wende kam und es wirtschaftlich trotzdem erst mal nicht besser wurde, als „die Preise europäisch wurden und die Löhne afrikanisch blieben“, wie Porr sagt. Er ist geblieben, obwohl Hunderttausende das Land verließen, Deutsche, Rumänen – und wahrscheinlich war der Grund eine Mischung aus Heimatverbundenheit und Trotz und irgendwie verletztem Stolz, all das, ein Bauchgefühl. Es sei richtig gewesen zu bleiben, sagt Paul-Jürgen Porr.

Dies ist eine Geschichte über Rumänien, das seit 1. Januar 2007 Mitglied der Europäischen Union ist, knapp neun Monate nun. Wahrscheinlich ist sie längst überfällig, das Land liegt ein bisschen abseits der gewohnten, nachrichtenstarken Schauplätze, elf Prozent der EU-Bevölkerung wissen nicht einmal, dass Rumänien in der EU ist. Geht’s schon einigermaßen, da unten, bei den Neuen, die man nach langem Drängeln eher skeptisch ins europäische Haus gelassen hat? Oder liegt doch noch viel im Argen in dieser Umbruchgesellschaft, die vor anderthalb Jahrzehnten mühsam das Laufen gelernt hat, nicht aber die Richtung?

Die Bevölkerung schrumpft. Die Wirtschaft wächst, im achten Jahr in Folge schon. Doch das heißt nichts. Die neue Freiheit war für viele lediglich die Freiheit zu gehen. Mehr als drei Millionen sind weg, Ärzte, Ingenieure, Lehrer, die als Ärzte und Ingenieure und Lehrer im Ausland arbeiten oder auch als Erdbeerpflücker. Von denen, die geblieben sind, beklagen sich viele, sie spürten nichts vom Wachstum. Fast jeder zweite Rumäne, hat kürzlich eine Umfrage ergeben, ist der Meinung, das Land bewege sich in die falsche Richtung. Viele bleiben auf der Strecke beim Wettlauf zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Bei 300 Euro liegt etwa der Durchschnittslohn, die Einkommensschere klafft weit auseinander – und die Gesellschaft gleich mit.

Also: Geht’s schon einigermaßen, da unten? Man kommt um Leute wie Paul-Jürgen Porr, Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Siebenbürgen, nicht herum, wenn man nach Antworten auf diese Fragen sucht – und um Leute wie Klaus Johannis schon gar nicht.

Johannis ist Bürgermeister von Sibiu beziehungsweise von Hermannstadt, das kommt darauf an, in welcher Sprache er gerade spricht. Beides ist zulässig, seit 1998 gibt es zweisprachige Ortsschilder. Im Jahr 2000 haben sie Klaus Johannis zum ersten Mal ins Amt gewählt, kein Vertrauensvorschuss, nein, eher eine Non-Wahl war das damals, weil die Nachwendevorgänger allesamt mit nachgewiesenem Dilettantismus ihren Kredit verspielt hatten. Ein Deutscher als Rathauschef, ach egal, dachte man, warum nicht. 2004 dann die Wiederwahl mit 64 Prozent, obwohl nur 1,5 Prozent der Hermannstädter Deutsche sind, ein Vertrauensbeweis diesmal, so überbordend, dass sich in Rumänien die Stimmen mehren, die sagen, Johannis hätte auch das Zeug zum Präsidenten. Die Frage danach ist ihm mittlerweile so häufig gestellt worden, dass er sich zwangsläufig hat damit beschäftigen müssen. Klaus Johannis sagt: „Ich halte die Kandidatur nicht für notwendig.“ Dann lächelt er, es ist ein steifes, ein sprödes Lächeln, das irgendwie an den scheuen Rennfahrer Mika Häkkinen erinnert. Dann sagt Johannis: „Ich betrachte diese Antwort nicht als definitiv.“

Sibiu, gut 160 000 Einwohner, praktisch Vollbeschäftigung, Fachkräftemangel, Touristenmagnet, demnächst mit modernisiertem Flughafen. Hermannstadt also, ein mittlerweile ansehnlich herausgeputztes, pittoreskes Zentrum, Fußgängerzone, Stühle draußen, fast mediterranes Flair, steigende Immobilienpreise, für das Jahr 2007 zusammen mit Luxemburg sogar Kulturhauptstadt Europas – dieses Sibiu/Hermannstadt ist doch das, was man gemeinhin „Leuchtturm“ nennt, oder nicht? Und ein Bürgermeister, Deutscher, Physiklehrer, kein Charismatiker, aber korrekt bis auf die Knochen, einer, der Politik als pädagogische Aufgabe betrachtet. Lässt sich also behaupten, dass man es auch bei bescheidener Ausgangslage mit deutschen Sekundärtugenden zu etwas bringen kann, mit Verlässlichkeit beispielsweise?

Klaus Johannis wirkt angespannt. So, als ob er schnellen Schrittes über einen schmalen Grat gehen müsste. Lange noch. „Das Ganze“, sagt Johannis, „ist so fragil, wenn man einmal danebengreift, ist alles kaputt“. Er spürt die Neider, kämpft gegen die Bürokratie, gegen so manch irrationale Entscheidung aus dem fernen Bukarest. Aber das ist es nicht. Der Neid, sagt Johannis, bremse ihn nicht. Es ist nur so, dass im Rumänien des Jahres 2007 immer noch fehlt, was andere Staaten zusammenhält – die Bürgergesellschaft, das Interesse aneinander, das Interesse an der Gemeinschaft. Irgendwie gilt es noch immer gegen das späte Erbe der Ceausescu-Zeit zu kämpfen, jener Zeit, in der die Häuser in vier freudlosen Grautönen gestrichen werden durften und Restaurants von derart abweisendem Charme waren, auf dass der gemeine Rumäne besser zu Hause bleibe, damit er nicht in Gruppen auf umstürzlerische Gedanken komme. So etwas wirkt nach, gerade in Zeiten, in denen jeder selbst sehen muss, wo er bleibt. „Die Zivilgesellschaft“, sagt der Arzt Paul-Jürgen Porr, „ist in Rumänien erst in ihrer pubertären Phase, ein bisschen ist das so wie in Deutschland nach dem Krieg“.

Das sieht in seinem Bukarester Empfangszimmer Premierminister Calin Popescu Tariceanu im Wesentlichen ebenso. An der Stirnseite des Zimmers rahmen zwei rumänische Nationalflaggen die Europafahne ein. Wenn man mitTariceanu spricht, hat man den Eindruck, dass man in Bukarest gerne auf der Überholspur nach Europa unterwegs wäre, es nur nicht ganz klar ist, ob alle in den Wagen passen. Tariceanu liegt zu allem Überfluss mit Rumäniens Präsident Traian Basescu über Kreuz. Vom „Krieg der Paläste“ ist längst die Rede, ein Machtspiel, das sich nun schon über Jahre hinzieht. Die politische Klasse, so wirkt es auf viele, beschäftigt sich mehr mit sich selbst als mit dem Land. Premier Tariceanu macht kein Hehl daraus, dass er ganze Bevölkerungsgruppen für ungeeignet oder unwillig hält, am Aufbau der neuen Gesellschaft mitzuarbeiten. Es sind die alten Seilschaften, die der Neoliberale beklagt, Leute, die sich in jener Mentalität von gestern eingerichtet hätten, die laute: „Wir tun so, als ob wir arbeiten, und sie tun so, als ob sie uns dafür bezahlen.“ Rentner. Bauern. Dörfler. Unflexible. Alle verloren für die neuen Zeiten dieses Rumäniens auf kollektiver Wanderschaft? Gegenfrage vom Premier: „Was wollen Sie machen mit den vielen Familien auf dem Land, die nur einen halben Hektar bewirtschaften?“ Es sind die Wendeverlierer, die paradoxerweise vorher schon nicht viel hatten. Rumäniens Regierung sei derzeit nicht in der Lage, ihre Situation nachhaltig zu verbessern. Zu groß sei die Aufgabe. Zwischen rumänischen Dörfern und Dörfern in Deutschland, sagen Experten, klaffe ein Entwicklungsrückstand von 100 Jahren. Die Regierung kann da nicht viel tun, will aber auch nicht. „Ein paar Programme aufstellen“, sagt Tariceanu. Mehr ist nicht vorgesehen.

Wird so irgendwann zusammenwachsen, was gerade schwungvoll auseinanderdriftet? In Hermannstadt hat Bürgermeister Johannis mal eben zwischendurch den Patriarchen von Konstantinopel empfangen, Floskelaustausch. Von „friedlicher Koexistenz“ ist die Rede, vom Dialog, ohne den Frieden und gegenseitiges Verständnis nicht möglich seien. Der Patriarch redet von Kirchenangelegenheiten, Johannis aber hat bei diesen Vokabeln seine Kommune im Auge, die Gesellschaft. Dafür greift er nach allem, was sich anbietet. Der Bürgermeister ist kein Fußballfan. Aber er war der Ansicht, dass eine Stadt wie Sibiu einen ordentlichen Klub brauche, ein Identifikationsobjekt. Er soll Gemeinschaftsgefühl herstellen, vielleicht sogar Identität.

Nun, so richtig geklappt hat das nicht. Der Fußball ist vielleicht auch hier ein Beispiel für altes Wirken in neuer Zeit. Jedenfalls sieht das Werner Keul so, Bauunternehmer und Präsident des FC Sibiu, seit fünf Jahren aus Deutschland in seine Heimat zurückgekehrter Siebenbürgener. Keul hat gut verdient in den vergangenen Jahren. Er wollte was zurückgeben, „Brot und Spiele“ nennt er es. Es ließ sich auch gut an. Die Stimmung war fantastisch im kleinen Stadion, die Mannschaft hatte Ambitionen auf den Aufstieg in die erste Liga.

Einmal, erinnert sich Keul, sei eine Frau zu ihm gekommen und habe eine Dauerkarte für ihren Mann haben wollen, weil der durch den Besuch beim Fußball daheim nun weit weniger aggressiv sei als sonst. Wie ein Bürgergesellschaftsmärchen klingt das – nur dass das Happy End vorerst verschoben werden musste. Denn die Spieler des souverän die Tabelle anführenden FC verkauften drei Spiele in Folge, der Präsident feuerte die Mannschaft, mittlerweile dümpelt der Club in der dritten Liga rum und Keul überlegt, den Kram hinzuschmeißen, weil rumänischer Fußball gemeinhin als große Geldwaschmaschine gilt. Einen schlechten Ruf aber will er sich nicht leisten.

Ein bisschen, sagt Keul, fühle er sich wie einer, der emsig versucht, „aus zwei Welten eine zu machen“. Doch manchmal geht das nur, indem man eine kaputt schlägt, buchstäblich. Werner Keul, der Bauunternehmer, fährt hin und wieder nach Deutschland, „um das Auge zu schulen“, wie er sagt. Er schaut sich dann Baustellen an, prüft die Qualität. Als er kürzlich zurück auf eine seiner Baustellen in Rumänien kam, hat er ein ganzes Stockwerk wieder abreißen lassen – mangelhaftes Handwerk. Zwei Welten. Perfektion und Schlendrian. Er kämpft und leidet.

Im Haus des Demokratischen Forums in Sibiu lässt Paul-Jürgen Porr die neue Zeit nach der Wende in Rumänien noch einmal im Schnelldurchlauf vorüberziehen. Viele derer, die ausgewandert sind, sind nicht mehr zurückgekommen. Auf 60 000 beläuft sich die Zahl der in Rumänien lebenden Deutschen nur noch, eine „doppelte Brückenfunktion“ nähmen sie nun ein, jetzt, da Europa gewissermaßen die gemeinsame Heimat aller sei. Nur die Sache mit der gemeinsamen Identität, das wird wohl noch dauern. Paul-Jürgen Porr hat mal eine Zeit lang mit einem Stipendium versehen in Erlangen am Krankenhaus gearbeitet. „Da“, sagt Porr, „war ich immer nur der Rumäne.“

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