Zeitung Heute : Das Maß ist voll

Roland Knauer

Am Unterlauf der Elbe ist das Hochwasser über die Rekordmarken von 2002 gestiegen. Trotz der Frühwarnsysteme hatte niemand damit gerechnet. Warum war diese Entwicklung nicht vorhersehbar?


Diesmal ist an der Elbe alles anders als bei der großen Sommerflut vom August 2002. Damals schwappte das Wasser zwar bis weit in die Stadt Dresden hinein – als aber der Rekordpegel von 9 Metern 40 erreicht war, flossen die braunen Fluten auch relativ schnell wieder ab. In diesem Jahr wurde mit 7 Metern 49 zwar ein niedrigerer Höchstpegel gemessen, doch das Wasser floss auch deutlich langsamer wieder ab. Während einer Woche lag der Pegel in Dresden bei über sieben Metern und damit über der höchsten Meldestufe vier. Insgesamt transportiert das Frühjahrshochwasser 2006 also mehr Wasser als die Sommerflut 2002. Genau das lässt jetzt weiter unten am Fluss die Wasserstände auf Rekordmarken klettern.

2002 regnete es im Einzugsgebiet der Elbe zwei oder drei Tage lang wie aus Eimern. Das führte zu einer so genannten Zweihundertjahresflut. 2006 dagegen sorgte ein relativ kalter Winter in den Mittelgebirgen für eine teilweise über zwei Meter hohe Schneedecke. Als Ende März die Temperaturen deutlich stiegen, schmolz nicht nur zwei Wochen lang der Schnee rasch, gleichzeitig lieferten auch kräftige Regenfälle weitere Wassermengen und verstärkten das Tauwetter.

Im Sommer 2002 brachen im Oberlauf der Elbe auch einige Deiche, und die Elbe überflutete weite Landstriche dahinter. Diese Katastrophe für die Anwohner in Sachsen und Sachsen-Anhalt rettete gleichzeitig die Menschen flussabwärts. Diesmal dagegen blieben die Pegel niedriger, und fast alle Deiche hielten. Außerdem hat allein Sachsen-Anhalt inzwischen 440 seiner insgesamt 1340 Deichkilometer auf neuesten Stand gebracht. „So haben wir große Überflutungen bei uns verhindert, dadurch aber mehr Wasser flussabwärts strömen lassen“, sagt der Leiter des Landesbetriebes für Hochwasserschutz (LHW) von Sachsen-Anhalt, Burkhard Henning.

An der Mündung der Havel in die Elbe hatte die DDR in den 50er Jahren große Überschwemmungsflächen geschaffen, die bis zum Jahr 2002 normal bewirtschaftet wurden. Im August öffneten die Behörden dort erstmals nach einem halben Jahrhundert die Wehre, fluteten diese Polder und leiteten so enorme Wassermengen aus der Elbe ab. Diesmal aber konnten die Polder kein Wasser aus der Elbe aufnehmen, weil die Havel selbst Hochwasser führt.

Die Fluten aus der Havel verstärken das Elbehochwasser sogar noch. Die Auswirkungen sind bereits spürbar. Die Polizeidirektion im niedersächsischen Lüneburg musste vom Umweltministerium bereits 800 000 Sandsäcke nachbestellen. Und in Hitzacker erreicht die Elbe höhere Wasserstände als 2002.

Polder helfen gegen anhaltende Hochwasserwellen ohnehin nur begrenzt: Sie können nicht genügend Wasser aufnehmen. Man müsste also erheblich mehr Polder bauen. Das aber ist nicht einfach, weil viele Anlieger nicht verstehen, weshalb ihre Grundstücke plötzlich in Überschwemmungsflächen verwandelt werden sollen, die alle paar Jahre einige Wochen unter Wasser stehen. Zu diesen Poldern sollten noch möglichst viele natürliche Überflutungsflächen kommen, fordert daher der Elbehochwasser-Experte Georg Rast von der Naturschutzorganisation WWF.

Würden auf großer Fläche wieder Auenwälder entlang der Elbe entstehen, dann könnten sich die Fluten zusätzlich auf dieses Gebiet verteilen. Der Nachteil dieser Methode ist der Gleiche wie bei herkömmlichen Poldern: Es werden dafür bisher landwirtschaftlich genutzte Äcker und Wiesen am Fluss benötigt.

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