Zeitung Heute : „Das Matterhorn ist mir zu spitz“

Was Regula Stämpfli an der Schweiz noch bemängelt: Schokolade, Kuhglocken, fehlende Ironie, Skipisten... Gut sind: ein Segelschiff, Milch und der Feminismus.

Interview: Norbert Thomma Christian Tretbar

Frau Stämpfli, kennen Sie einen Witz zum Thema Österreich und Schweiz?

Wenn’s denn sein muss: Ein Österreicher betritt eine Bank in Zürich, er trägt ein Köfferchen. Ein Bankbeamter fragt, was er wolle, und der Österreicher flüstert: „Ich habe drei Millionen Euro in bar dabei.“ Der Banker sagt freundlich: „Sie können ruhig laut reden, bei uns ist Armut keine Schande.“

Es wird viele Bosheiten über die Nachbarn geben.

Klar. Beide Alpenvölker bezichtigen sich ja gern gegenseitig der Einfalt. Zudem trennt die gemeinsame Sprache. Einzig darin, dass die beiden die Deutschen nicht leiden können, gleichen sie sich.

Wir haben lange nachgedacht, Frau Stämpfli, welche lebenden Schweizer in Deutschland bekannt sind. Roger Federer, DJ Bobo, Michelle Hunziker …

Na bitte! Das sagt doch schon viel aus über die Kultur der Schweiz und ihre Politik. Unsere Politik ist durch und durch pragmatisch und damit auf Mittelmaß ausgerichtet. Und es ist sehr unschweizerisch, berühmt zu sein.

Der Eidgenosse verlangt Bescheidenheit …

… und Harmonie! Sie müssen außerdem begreifen, dass unser System auf Machbarkeit und nicht auf Wünschbarkeit ausgerichtet ist. Bringen Sie mal vier Sprachen …

… deutsch, französisch, rätoromanisch, italienisch …

… und mindestens ebenso viele verschiedene Kulturen und Regionen zusammen! Da lohnt es sich, pragmatisch zu sein. Schweizer definieren sich nicht über klassische Nationalmerkmale wie gemeinsame Musik, Sprache, Literatur, sondern eher über die Schönheit des Landes und die direkte Demokratie. Auch die Ausländer freuen sich ja in erster Linie über die Berge.

Ihr Lieblingsberg ist …

… die Jungfrau.

Dabei ist das Matterhorn bekannter. Man sieht es wie ein Symbol überall abgebildet.

Das Matterhorn ist mir zu streng, zu grad, zu spitz, zu männlich. Die Jungfrau ist zwar groß, hat aber gleichzeitig was sehr Zartes. Während meiner Schulzeit lief ich jeden Tag über die Kirchenfeldbrücke in Bern, von wo aus man den Blick auf die unendliche Pracht, diese Weite des Himmels und den Dreier Eiger, Mönch und Jungfrau hat. Die Jungfrau ist poetisch, sie ist sprichwörtlich der „Busen der Natur“, ein unüblich „weiblicher Berg“.

Für den Publizisten Roger de Weck, der mal Chefredakteur der „Zeit“ war, ist die Schweiz das egalitärste Land der Welt.

Nivellierend wäre das bessere Wort. Egalitär ist die Schweiz nämlich nicht, sonst hätten wir nicht eine sehr schlechte soziale Mobilität! Ein Akademikersohn hat in der Schweiz auch heute noch fast achtmal bessere Chancen, selber Akademiker zu werden, als eine Arbeitertochter.

Was könnte de Weck gemeint haben?

Die Absenz von Fürsten, Komtessen und Ähnlichem. Diesen durch und durch republikanischen Geist. Titel sind hier unwichtig. Entscheidend ist nicht, was jemand ist, sondern was er tut. Da ist die Schweiz ein bisschen amerikanisch.

Urdemokratisch.

Ja. Vergessen Sie nicht, dass die Schweiz nicht durch eine Revolution, sondern aus Tradition demokratisch ist. Seit Jahrhunderten standen die wehrpflichtigen Eidgenossen im sogenannten Ring und entschieden via Schwert über Krieg und Frieden.

Was hat das mit Demokratie zu tun?

Sehr viel, indem Sie so etwas wie ein allgemeines und gleiches Männerbürgerrecht haben. Das verband sich im 19. Jahrhundert mit den liberalen Revolutionen und machte die Schweiz vor über 150 Jahren zum progressivsten Land in Europa.

Prima, nur die Frauen durften bis 1971 nicht wählen, im Kanton Appenzell bekamen sie sogar erst 1991 das Wahlrecht.

Ach, wissen Sie: Deutschland verfügt seit über 90 Jahren übers Frauenwahlrecht und hat es auf knappe 20 Prozent Frauen in der Politik geschafft! In der Schweizer Regierung politisieren momentan zur Hälfte die Frauen. Und dies dank einer langen und starken schweizerischen Frauenbewegung. Ja, ja, da staunen Sie!

Die Schweiz ist nicht gerade durch ihren Feminismus bekannt.

Der Schweizer Feminismus ist eben, wie alles in diesem Land, nicht auffällig, aber stetig, vor allem in der Politik. In den wichtigen Machtbereichen Kultur, Wirtschaft und Medien ist die Schweiz aber natürlich ein Gleichstellungs-Entwicklungsland. Stinknormal europäisch halt.

Frau Stämpfli, die Schweizer Flagge – weißes Kreuz auf rotem Grund – findet man überall, auf Schokolade, Messern, Nummernschildern, Fahnen in Vorgärten … Hat das etwas mit Patriotismus zu tun?

Sicher. In unserer globalisierten Welt ist auch das normal. Damit wird der eigentliche Souveränitätsverlust perfekt kompensiert. So feiern die Schweizer „Swiss“ und fühlen sich unabhängig, vollziehen aber gleichzeitig alle europäischen Gesetze automatisch und ohne europäisches Mitspracherecht nach. Absurd, aber wahr. Swissness ist damit Konstruktion, Marke und Heimat – alles zusammen. Besonders die Jungen finden diesen Fetischismus hip.

Empfehlen Sie doch bitte drei Bücher, durch die man die Schweiz besser kapiert.

Neben meinem „Vom Stummbürger zum Stimmbürger“? Unbedingt die „Hundert Tage“ von Lukas Bärfuss, grad neu herausgekommen. Darin verbindet sich der Völkermord in Ruanda mit schweizerischer Ordnungssucht. Dann Charles Lewinskys „Melnitz“, ein großartiger Familienroman jüdisch-schweizerischer Tradition. Und in puncto Frauen: alle Bücher von Julia Onken.

Wenn man auf dem Flughafen Zürich ankommt, wird man mit dem Geläute von Kuhglocken empfangen, dazu macht es „Muuuuh“. Und alle Reisenden lachen. Das macht offenbar gute Laune.

Ja, super! Damit kann ich schwarzhumorige Intellektuelle nicht viel anfangen. Doch ich lass mich immer wieder von den Tourismusmanagern belehren: „Du bist doof! Wir wären doch bescheuert, wenn wir uns nicht als Heidiland präsentieren. Die Japaner und die Amerikaner und die Deutschen wollen uns als Kuhschweizer mit diesem süßen Dialekt – genau das vermarkten wir knallhart.“

Sie halten das „Muuuuh“ für raffinierte Tourismusstrategie, nicht für Selbstironie?

Ironie? In der Schweiz? Wenn Sie je in der Schweiz eine ironische Bemerkung machen sollten, dann halten Sie sofort ein Schild in die Höhe: „Das war ein Witz.“

Frau Stämpfli, Schweizer Medien bezeichnen Sie wegen Ihrer Artikel oder Talkshow-Auftritte schon mal als „Nervensäge“, Sie gelten als „polemisch“ und „gnadenlos“. Alles auch sehr unschweizerisch.

Ich wurde auch schon „Lara Croft der Politologie“ oder „philosophische Miss Schweiz“ genannt – was soll’s. Manche Journalisten empfinden leider oft Menschen, die mit Haut und Haaren denken, als persönlichen Affront. Deshalb gilt – grad in der Medien- und Bankenstadt Zürich – massiv: Frauen, die sich behaupten, werden enthauptet. Wenigstens versuchsweise.

Stichwort Bank: Die UBS ist ein Monument unter den Schweizer Banken und die weltgrößte Verwaltung von Privatvermögen. Durch die Hypothekenkrise in den USA musste sie 37 Milliarden Dollar abschreiben, der langjährige Bankchef trat zurück.

Das nagt am Selbstverständnis der Schweiz. Erstaunlicherweise ist dies schweizintern kaum ein Thema. Bei der Swissair war das ganz anders …

… die Fluggesellschaft ging vor acht Jahren pleite …

… denn die Swissair stand symbolisch für die Schweiz: brillante Qualität, teuer, pünktlich, perfekter Service, Sicherheit. Dieses Aus war ein Schock, richtiggehend traumatisch.

Die Schweiz ist immer noch ein Eldorado für Steuerhinterzieher. Die Autoren Harald Schumann und Christiane Grefe schreiben vom „parasitären Geschäftsmodell Schweiz“.

Ich nenne das den Realitätssinn der Schweiz. Weshalb leckt der Hund seinen Schwanz? Weil er kann. Wenn wir schon in einer politischen Situation der europäischen Uneinigkeit in puncto Finanzen und Steuern sind, weshalb sollte da die Schweiz nicht profitieren?

960 Milliarden Dollar sollen auf Schweizer Banken liegen, zehnmal mehr als in Liechtenstein.

Ein Drittel des weltweiten Privatvermögens liegt in der Schweiz, richtig. Ob das nun aber wirklich ein „Asylheim für Fluchtgelder“ ist, wie manche behaupten, kann ich nicht beurteilen. Klar ist, dass die Schweizer selber eine hohe Steuermoral pflegen und die Mehrheit überzeugt ist, dass das Bankgeheimnis ein Grundrecht jedes Bürgers darstellt. Die Schweizer fühlen sich auch nicht so vom Staat beschissen, wie dies die Deutschen oft tun. Deshalb gelten die Schweizer, die das Bankgeheimnis infrage stellen, schnell als Vaterlandsverräter!

Adolf Muschg hat mal gesagt: „Früher waren wir fein und klein, jetzt sind wir nur noch klein.“

Das Feine ist schon lange weg, und was das Kleine angeht, hat der EU-Kommissar Neil Kinnock ein Bild benutzt, das ich wunderbar finde: „Wenn die Schweiz ihre Berge auseinanderfalten würde, wäre sie eines der größten Länder Europas.“

Friedrich Dürrenmatt verdanken wir die Erkenntnis: „Es ist schön, als Schweizer geboren zu werden, es ist schön, als Schweizer zu leben. Doch was macht man in der Zwischenzeit?“

Man verliebt sich in einen Ausländer beispielsweise. Oder lebt im Ausland.

Dennoch war dieser Spötter stolz auf die direkte Demokratie des Landes.

Direkte Demokratie heißt eben Ruhe, Sicherheit, Stabilität. Der Chinese wünscht schließlich auch nur seinem ärgsten Feind: „Mögest du in spannenden Zeiten leben.“ Die Schweiz lebt von Sicherheit und Langsamkeit. Da werden vom Kaninchenzüchterverein über den Bauern hin zum Banker alle in den Gesetzgebungsprozess integriert. Das dauert so lange, dass ein Gesetz, kaum eingeführt, oft schon revisionsbedürftig ist.

Trotzdem plädieren Sie für eine Verschweizerung der EU?

Gerade deswegen! Unser System zwingt die Regierenden immer dazu, einzelne Schritte zu rechtfertigen, weil das Volk ja am Ende immer noch seinen Senf dazugeben kann. Das ist eine ziemlich hohe Schule politischer Kommunikation! Und so ziemlich das Gegenteil dessen, was Brüssel tut.

In der Schweiz funktioniert das?

Bis zu einem gewissen Grade schon. Sie können als Stimmberechtigter auf Gemeinde-, Kantons- und Bundesebene jederzeit einen Vorschlag einbringen. Zu allen Themen, die von der politischen Klasse nicht aufgenommen werden wollen, seien es Quotenregelungen oder Ökologisches. Zwar ist der Aufwand groß, trotzdem. So müssen die Regierungen jeder Ebene ziemlich volksnah bleiben.

Ein weites Feld für Populisten wie den rechtsnationalistischen Christoph Blocher, der Wahlplakate mit schwarzen Schafen aufhängen ließ, was viele als rassistische Kampagne sahen.

Der Vorteil der direkten Demokratie ist die Nähe zwischen Regierenden und Regierten. Der Nachteil ist eben, dass so auch total populistische Themen wie Ausländerfeindlichkeit, Politikverdrossenheit und andere direkt Eingang in die Politik finden. Immerhin: Schweizer verändern die Welt per Stimmzettel, nicht auf der Straße oder mit Gewalt.

Einige Behauptungen, die man in der Schweiz immer wieder hört: Die Milch ist die beste der Welt.

Sie schmeckt besser als anderswo, ja, lachen Sie nur! Ich behaupte, ich würde sie blind unter anderen herausschmecken. Falls ich wiedergeboren werden sollte, dann bitte als „Schweizer Kuh“.

Die Schokolade ist die beste der Welt.

Jetzt riskiere ich meine Staatsbürgerschaft: Nein! BelgischeTruffes sind um einiges besser. Die Kombination aus schmelziger Süße und bitterem Touch ist fast der Gipfel menschlichen Daseins.

Die Skipisten sind die besten der Welt.

Sie haben es wirklich auf meinen Schweizer Pass abgesehen, oder? Ich fahre mit meinen drei Kindern in Frankreich Ski, in der Gegend um Mont Blanc. Da werden Kinder, die nicht wie Weltmeister fahren, nicht gleich angemotzt, und zum Mittag macht man Pause, isst fein und trinkt ein Glas Wein. In der Schweiz ist das lange nicht so locker.

Was an der Schweiz treibt Sie zur Verzweiflung?

Der Umgang mit Geld, wenn nach dem Essen jeder für sich bezahlt. Das Unzufriedensein, auch wenn es keinen Grund dazu gibt. Die fehlende Neugier, was mit fehlendem Denken einhergeht. Die Missgunst durch Bemerkungen wie: Ach, warst du bei Armani einkaufen? Statt zu sagen: Eine hübsche Bluse hast du an.

Frau Stämpfli, die Spiele der Fußball-Europameisterschaft finden in Österreich und in der Schweiz statt. Können Sie den Unterschied zwischen den beiden Ländern leicht erklären?

Wir haben die besten Architekten der Welt: Max Bill, Le Corbusier, Zumthor, Jacques Herzog und andere. Die Österreicher haben die Kreativen: Mozart, Klimt, Kehlmann, Robert Musil, Karl Kraus, Thomas Bernhard, Erica Fischer, Elfriede Jelinek, Max Reinhardt, Josef von Sternberg, Billy Wilder, Brandauer, Senta Berger und und und … Pragmatismus gegen Kreativität sozusagen.

Die Österreicher haben auch seit Jahren die besseren Skifahrer.

Who cares? Wir trösten uns mit der Alinghi ...

… einer Segeljacht unter Schweizer Flagge …

...die zweimal den America’s Cup gewonnen hat. Es ist doch genial, wenn eine Binnennation im Segeln allen wegfährt und die Weltmeere beherrscht.

Sagen Sie mal, mit dem Fußball, wird das was?

Tja, da hilft nur Humor. Der Richter sagt am Ende des Prozesses zu Saddam Hussein: „Wollen Sie zuerst die schlechte oder die gute Nachricht?“ Saddam verlangt nach der schlechten. „Sie sind zum Tode durch Erschießen verurteilt“, sagt der Richter. „Und die gute Nachricht?“ Der Richter: „Die Schützen sind Streller, Cabanas und Barnetta.“

Das sind drei Schweizer Fußballer, die durch verschossene Elfmeter bei der WM 2006 Geschichte schrieben und auch sonst …

… Alinghi! Alinghi!

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