Zeitung Heute : Das Meer, die Macht und das Öl

Der Tagesspiegel

Von Elke Windisch, Moskau

Um die Teilung des Kaspischen Meeres streiten die Anrainer seit über zehn Jahren. Nun sollen die Staatschefs ein Machtwort sprechen. Doch der Gipfel, der am Dienstag in der turkmenischen Hauptstadt Aschgabat begann, hat kaum Erfolgschancen.

Experten vermuten im Schelf des welt- weit größten Binnengewässers bis zu 200 Milliarden Barrel Öl. Auf deren Nutzung haben bisher allein die Anrainer ein Recht. So steht es jedenfalls in Verträgen, die Iran und die Sowjetunion abgeschlossen haben. Seit deren Kollaps im Dezember 1991 fordern drei neue Anrainer – Moskaus Ex-Vasallen Kasachstan, Turkmenistan und Aserbaidschan – ihren Anteil. Zwei Lager stehen sich dabei unversöhnlich gegenüber. Kasachstan und Aserbaidschan bestehen auf Teilung entlang einer gedachten Mittellinie, die im gleichen Abstand zu den Küsten verläuft und bekämen nach diesem Schema jeweils 29 beziehungsweise 21 Prozent, Iran dagegen nur 14 und Turkmenien 17 Prozent.

Beide Staaten pochen daher auf Teilung in gleiche Sektoren von je 20 Prozent und wurden dabei lange von Russland unterstützt, an das nach dem Mittellinien-Prinzip 19 Prozent gehen würden. Moskau ging es dabei allerdings weniger um den mit einem Prozent eher minimalen territorialen Zugewinn. Wichtiger war dem Kreml, sich Iran und Turkmenistan als strategische Partner zu verpflichten, um den wachsenden Einfluss des Westens im Transkaukasus und in Zentralasien abzubremsen.

Schon Jelzin paraphierte daher mit Kasachstan 1998 ein Abkommen, das die Nordhälfte der See – fast 50 Prozent – entlang der Mittellinie teilt. Ähnliches sicherte Putin im Januar vorigen Jahres auch Aserbaidschan zu, von dem Moskau als Gegenleistung die Einstellung der Unterstützung für die tschetschenischen Rebellen forderte.

Planspiele, die durch die Anschläge vom 11. September null und nichtig wurden. Das durch Washingtons militärische Präsenz radikal veränderte Kräftegleichgewicht in Zentralasien und Russlands Statistenrolle in Afghanistan könnten Putin veranlassen, in Aschgabat das Steuer nochmals herumzureißen, wodurch eine einvernehmliche Teilung in weite Ferne rückt. Der ungeklärte Status des Kaspischen Meers hat bereits mehrere Konflikte heraufbeschworen, die jederzeit zu lokalen Kriegen eskalieren können.

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