Zeitung Heute : Das Mensa-Essen genügt nicht?

Der Tagesspiegel

Andere Zeiten, andere Sorgen: Wer das Hochschulleben über 40 Jahre beobachtet, der erlebt Hochgeistiges, Dämliches und Kurioses. Wir drucken einen Artikel, den Uwe Schlicht am 10. Juni 1962 in dieser Zeitung veröffentlichte und der Zustände beschreibt, wie man sie sich heute kaum mehr vorstellen kann.

„Mens sana in corpore sano" oder auf gut deutsch „ein gesunder Geist in einem gesunden Körper" sagten die alten Römer und sie wussten, was sie sagten, hatten sie doch diese Weisheit schon von den noch älteren Griechen übernommen. In Hellas pflegte man nach diesem Grundsatz die junge Elite der Stadtstaaten auf den Akademien (den damaligen Universitäten) auszubilden. Vor rund dreitausend Jahren und früher meinte man, ein kluger Kopf sei nur halb so viel wert, wenn er auf einem kranken Körper sitze, und man war der Ansicht, dass die nötige sportliche Betätigung der Erkrankung des Körpers entgegenarbeite. Selbstverständlich war es damals, dass die zukünftige Elite des Landes auf den Akademien nicht nur ausreichend sondern gut verpflegt wurde.

Das scheint heute nicht mehr selbstverständlich zu sein. Wohl achtet man diese alte weise Regel vom mens sana noch dem Wortlaut nach noch immerauf unseren Universitäten, und die finanziellen Unterstützungen für den Studentensport sind beträchtlich. Vergessen hat man aber, dass eine gute Ernährung die Voraussetzung für einen gesunden Körper und gesunden Geist ist. Was hilft der Satz vom mens sana, was hilft der gut dotierte Studentensport, wenn es in den Mensen ein Essen gibt, das selbst dem Normalverbraucher in der deutschen Hungerzeit vom Jahre 1948 zu wenig gewesen wäre, weil ihm der nötige Nährwert fehlt. Immerhin bekam der Normalverbraucher in den Westzonen damals ein Tagesquantum von 1980 Kalorien zugestanden, während in den heutigen Mensen ein Essen gereicht wird, das bestimmt nicht über 1000 Kalorien enthält.

Dabei hat der Völkerbund schon im Jahre 1936 festgestellt, dass der nichtarbeitende Mensch als Existenzminimum 2400 Kalorien täglich benötige. Dass aber unsere Student nicht arbeiten, wollen wir ihnen nicht bescheinigen, denn viele Studenten müssen neben der Vorbereitung auf die Examina noch in den Semesterferien Geld verdienen durch zusätzliche körperliche Arbeit. Unter Berücksichtigung dieser Faktoren und der Tatsache, dass die Studenten im Wachstumsalter zwischen 20 bis 25 Jahren mehr als durchschnittliche Kalorienmengen benötigten, um keinen Schaden zu nehmen, meinte man bei der Senatsabteilung für Ernährung bescheiden, dassman diesen Studenten eine tägliche Menge von 2500 Kalorien zugestehen müsse.

Nun liest man in der neuesten Untersuchung des Deutschen Studentenwerkes: „Die Mittagessen sollte als Hauptmahlzeit des Tages etwa 40 Prozent des Tagesbedarfs, das sind rund 1200 Kalorien, enthalten, was zur Zeit von keiner Mensa erreicht wird.“ Das mit dem Mittagessen als 40 Prozent des Tagesbedarfs ist aber so eine Sache. Lassen wir die Herren vom Studentenwerk selbst reden: „Viele Studenten sind in den Universitäts- und Hochschulstädten nicht beheimatet und müssen sich selbst verpflegen. Das Stipendium und meist auch der Monatswechsel reichen lediglich für ein billiges Essen, wie es nur in der Mensa erhältlich ist. Viele Studenten frühstücken nicht oder nur unzureichend. Das Mittagessen in der Mensa ist daher häufig das erste Essen, das sie zu sich nehmen, und zudem die einzige volle Mahlzeit des Tages. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung geht für den Studenten von einem Tagesbedarf von rund 3000 Kalorien aus."

Die Mensa der Berliner Technischen Universität kann den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, ein Essen von nur 600 Kalorien zu liefern. Wundert man sich dann noch, wenn die Studenten gegen die Mensaverpflegung Sturm laufen. Ihr einzig möglicher Kommentar lautet zurecht: Lieber Normalverbraucher im Jahre 1948 sein, als Student im Wirtschaftswunderjahr 1962.

Das Max Planck Institut und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung haben das Mensaessen untersucht und nun die Notforderung aufgestellt, mindestens 1200 Kalorien im Mittagessen zu liefern. Die Untersuchungen sind vom Deutschen Studentenwerk aufgegriffen worden und diese Organisation schlägt vor, dass in den Mensen künftig auch Frühstück und Abendessen gereicht werde soll. Dazu soll für Ausländer, die bestimmte Speisen nicht essen dürfen und Studenten, die einer Schonkost bedürfen, noch ein zweites Essen zur Auswahl angeboten werden. Das Studentenwerk beruft sich bei seinen Forderungen auf die Mensen in Frankreich. Dort zahlt der Staat, der keineswegs mit einer wirtschaftlichen Blüte wie die Bundesrepublik gesegnet ist, pro Essen Zuschuss von 1,10 NF (ungefähr 0,90 DM). Dort kann mittel dieses Zuschusses für einen Preis von 1,10 NF ein dreigängiges Essen gereicht werden, das selbst verwöhnten Ansprüchen genügt.

Für das neue deutsche Mensaessen von 1200 Kalorien hat man 1,10 DM reine Nahrungskosten und 70 Pfennig Zubereitungskosten errechnet, der Staat müßte also, wenn das Mensaessen weiterhin 90 Pfennig kosten sollte, ebenfalls neunzig Pfennig Zuschuss zahlen.

Aber damit allein ist es noch nicht getan. Mensen sollen endlich die Räumlichkeiten erhalten, um den Stoßbetrieb während der Mittagszeit auffangen zu können. Nicht mehr wie bisher sollen die Schlangen der nach dem Essen Anstehenden über die Treppen bis auf die Straße reichen. Nicht mehr wie bisher sollen die Studenten ihr Essen nach der Stoppuhr, eingeteilt in aller Eile, hinunterschlucken müssen, sondern wenn möglich einen Sitzplatz erhalten, der so einkalkuliert ist, „dass ein dreimaliger Platzwechsel innerhalb der zwei Mitagsstunden ausreicht“.

Dieser Notplan sollte möglichst bald durch Taten verwirklicht werden, so daß man an die Ausarbeitung eines Normalplans gehen könnte.

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