Zeitung Heute : Das Microsoft-Evangelium

Kurt Sagatz

"I had a dream." Dieser Satz des Bürgerrechtlers Martin Luther King stand zwar in einem ganz anderen Zusammenhang, doch auch beim Microsoft-Konzern der Gegenwart gibt es Menschen mit visionären Zielen. Auch hier wird oft und gern von Träumen gesprochen. Visionen zum Wohl der Menschheit, zumindest jenes Teils, der in einer vernetzten Welt mit Computern oder computerähnlichen Geräten arbeitet. Von solchen Träumen redet nicht allein Chef-Softwareentwickler Bill Gates. Der Funke ist vielmehr auch auf andere Microsoft-Mitarbeiter übergesprungen. Zum Beispiel auf Sanjay Parthasarathy, den Chef einer der bedeutendsten Entwicklergruppen auf dem Redmonder Microsoft-Campus. Wenn Parthasarathy über seine stille Revolution spricht, dann fixiert er sein Publikum. Mit religiösem Eifer doziert er über seine Vorstellungen vom Internet der Zukunft - einer Zukunft, in der Microsoft möglicherweise eine noch bedeutendere Rolle spielt als heute in der Welt der PCs. "The best is yet to come", das Beste kommt noch, so sein Traum einer global vernetzten Welt unter dem Dach der Dotnet-Strategie.

Religöser Eifer

Wegen des Eifers, den Parthasarathy und seine Entwicklerkollegen an den Tag legen, trägt die Abteilung in Redmond einen durchaus bezeichnenden Namen, den man den Microsoft-Leuten gar nicht zugetraut hätte: "Evangelism-Group" heißt die Dotnet-Abteilung auf dem Campus, und wer sich näher mit dem Thema beschäftigt, weiß auch warum.

Microsoft ist zwar erst mit einiger Verspätung auf den Internet-Zug aufgesprungen, inzwischen ist der Software-Konzern jedoch zu einer der treibenden Kräfte bei der Entwicklung des Netzes zu einem hilfreichen Werkzeug geworden. Herzstück der Microsoft-Bemühungen ist die so genannte "Dotnet-Strategie" (auch .net-Strategie). Dahinter steht die Idee des "any device, any time, any place", also des zeitlich und örtlich unbeschränkten Zugriffs auf alle verfügbaren Informationen mit jedem erdenklichen Gerät.

Zentraler Kern dieser Vision ist ein offener Standard zur Beschreibung aller Internet-Inhalte mit der erweiterten Beschreibungssprache XML (extended markup language), Mit dieser Erweiterung des bestehenden HTML-Codes werden alle in Internet-Seiten enthaltenen Daten strukturiert und stehen nun auch für andere Anwendungen zur Verfügung. Im Gegensatz zu vielen früheren Entwicklungen ist dies ein offener Standard, den Microsoft jedoch konsequent in alle Produkte wie sein neuestes Office-Paket, das neue Betriebssystem für Handheld-Computer der "Pocket PC-Reihe", das geplante Handy-Betriebssystem "Stinger" und eben in das neue Windows XP integriert. Vor diesem Hintergrund kann man den missionarischen Eifer, der der "Evangelism Group" anhaftet, durchaus verstehen. Schließlich kann Dotnet nur zum Erfolg führen, wenn alle an einem Strang ziehen.

Dabei verfolgt Microsoft mit Dotnet handfeste Ziele, die sich nicht zuletzt in Windows XP manifestieren. Denn die Vorteile der Informationsverschränkung durch Dotnet zeigen sich vor allem bei den diversen Internet-Diensten, die von Microsoft betrieben werden. Zu den bekanntesten gehören neben dem Microsoft Network MSN der E-Mail-Dienst Hotmail, der schnelle Kommunikationsdienst des Messengers oder der Online-Reiseanbieter Expedia. Um aus diesen Informationsinseln eine Einheit zu bilden, bedient sich Microsoft eines weiteren Dienstes namens Passports, der entsprechend dem Wortsinn eine Zugangsberechtigung darstellt, aber darüber hinaus für die eigentliche Verknüpfung der verschiedenen Online-Dienste zuständig ist.

Ein Ausweis für alle Fälle

So wird man als Nutzer des kostenlosen E-Mail-Dienstes Hotmail zugleich Mitglied von Passport und kann sich über diese Legitimierung sogleich bei MSN anmelden, um die Dienste dieses mit AOL vergleichbaren Online-Service zu nutzen. Die über Microsoft Office in XML erstellten Organizer-Daten lassen sich gemäß der Dotnet-Strategie zugleich in die personalisierte MSN-Seite einbinden und auch der Messenger-Service steht Passport-geschützt über MSN zur Verfügung. Das Internet wird somit zur erweiterten Festplatte des neuen Microsoft-Betriebssystems, immer erreichbar über den in Windows XP integrierten MSN Explorer.

Um die Wirkungsweise von Dotnet zu erklären, bediente sich Evangelist Parthasarathy folgenden Beispiels: Mit einem kleinen XML-Programm fügte er auf einer Entwicklerkonferenz in Redmond von bestehenden Informationsdiensten Daten über eine Flugverbindung, von einem GPS-Dienst und einer Wetterstation zusammen, um so zu jedem Punkt während des Fluges Aussagen über das Wetter geben zu können. Das war freilich vor dem 11. September. Heute würde Parhasarathy sicherlich ein anderes Beispiel wählen, das auf ähnliche Weise die Informationsbündelung demonstriert.

Denn die Dotnet-Strategie soll bei weitem nicht auf Microsoft beschränkt bleiben. Derzeit versucht das Unternehmen, Finanzdienstleister wie Banken und Versicherungen von den Vorzügen des Passport-Systems zu überzeugen, um auch deren XML-Daten in die eigene Oberfläche zu integrieren beziehungsweise den Zugang zu deren Dotnet-Daten über Passport herzustellen. Allerdings stehen den unübersehbaren Vorteilen der einfacheren Nutzung der verteilten Daten jedoch datenschutzrechtliche Probleme gegenüber. Je einfacher Daten über offene Schnittstellen zusammenführbar sind, desto größer wird die Gefahr des gläsernen Nutzers.

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