Zeitung Heute : Das Milliardending

Alexander Krex

Morgens hat Christian Reber Zeit für die Milliarde. Wenn er früh die Wohnung verlässt, denkt er an sie: eine Milliarde Euro. Der Gedanke ist immer noch da, wenn er etwas später quer über diesen Berliner Hinterhof läuft. Wenn er auf die schwere Glastür hinten links zugeht, an der er kräftig ziehen muss. Manchmal sieht er dabei kurz sein Spiegelbild – einen Mann in Kapuzenpullover und Basecap, im Gesicht fast noch ein Junge. Im Treppenhaus mit den alten Kacheln umrundet er viermal den Lastenaufzug. Oben schließt er die Tür auf, wieder eine Glastür, dann betritt er die Büroetage und setzt sich an seinen Computer. Eine Milliarde, jetzt erst verschwindet sie aus seinem Kopf. Sie macht Platz für das, was er heute zu tun hat.

Christian Reber, 25 Jahre alt, ist Geschäftsführer der Internet-Firma 6Wunderkinder. Vor wenigen Tagen ist ihr neues Produkt erschienen, eine App für Smartphones, an der Reber und Kollegen monatelang gebastelt haben. „Wunderkit“ ist ein elektronischer Kalender, der das Leben vereinfachen soll. Seit die App im Netz ist, haben sie schon Tausende Nutzer heruntergeladen, um sie zu testen. „Wunderkit“ ist in der Probezeit, noch können die Programmierer eingreifen, sollten Fehler auftauchen. Christian Reber steht unter Strom, für so viele Zahlen wie eine Milliarde sie hat, fehlt ihm eigentlich die Zeit, an der App hängt der Ruf der ganzen Firma.

Trotzdem sind die Zahlen in Rebers Kopf: 6Wunderkinder könnte das erste Berliner „Milliarden-Ding“ werden. Noch ist es nur eine verrückte Idee, aber kommt das neue Produkt gut an, könnten Investoren seinem Unternehmen einen Firmenwert von einer Milliarde Euro zuschreiben. Es wäre nur ein ideeller Wert, die Investoren rechnen nicht aus, was die Computer kosten, die in den Büroräumen in Mitte rumstehen. Sie gehen auch nicht vom Umsatz aus, den 6Wunderkinder machen, sie bewerten allein die Zukunftsfähigkeit der Firma. Die Einschätzung der Leute mit dem Geld ist immens wichtig, auch wenn 6Wunderkinder nicht an der Börse ist, wo es nur um solche Zahlen geht.

Die Konkurrenz im Wettlauf um die Milliardenmarke in Berlin ist groß. Laut IHK gab es hier seit 2008 etwa 1300 Firmenneugründungen im Internetsektor, allein 2011 waren es annähernd 500. Gut möglich also, dass andere Christian Reber zuvorkommen, er wäre darüber nicht sonderlich traurig. Egal, wer die Marke am Ende knacke, sagt er, es wäre ein Durchbruch für die ganze Berliner Branche. „Wenn wir hier erst ein Milliarden- Ding haben, dann zieht das noch mehr Leute und Investoren an.“ Letztlich wäre es auch der Beweis dafür, dass der Berlin-Hype keine Übertreibung war. In der Szene heißt es schon länger, die Stadt sei auf dem Weg das Silicon Valley Europas zu werden.

Was diese Prognose stützt, ist das Geld: internationales Risikokapital, das nach Berlin fließt. 2011 pumpten Fonds mehr als 150 Millionen Euro in die Hightech-Szene der Stadt, mehr solchen Kapitals zieht nur das wirtschaftlich starke Bayern an. Auch kommen immer mehr Investoren in die Stadt, die sich auf die Förderung von Internetprojekten spezialisiert haben. Mehr als zehn sind es schon, und der nächste Investor – Earlybird aus Hamburg – schaut sich gerade nach passenden Räumen in Berlin um.

Das Internet ernährt sich nicht von allein, es muss gefüttert werden. Überall auf der Welt sitzen Menschen, die das tun, sie produzieren das, was im Fachjargon „content“ heißt, also schlicht „Inhalt“. Sie schreiben Programme, basteln an neuen Apps und spinnen die Ideen für ein digitales Morgen. Ein großer Teil dieser Web-Avantgarde sitzt in Berlin. Die Stadt zieht sie an, die kreative Szene, die immer noch niedrigen Mieten, die coolen Bars und halb legalen Keller-Clubs. Berlin vibriert, das ist nicht neu. Neu ist, dass es diesmal um viel Geld geht.

Die Unternehmen der Stunde heißen SoundCloud, Gidsy, Amen, Crowdpark oder Readmill. Sie bauen Musikplattformen, Facebookspiele, Bewertungsportale oder Navigationshilfen für die Tiefen des Internets. Ihre Produkte können sich die Kunden meist kostenlos herunterladen. Deshalb verdienen die meisten Startups noch kein Geld. Auch 6Wunderkinder schreibt rote Zahlen. Doch irgendwann wollen die Investoren für ihre Risikobereitschaft entlohnt werden, soll die neue App „Wunderkit“ das Unternehmen in die Gewinnzone führen.

Es ist noch nicht lange her, die Schokoladenweihnachtsmänner lagen noch in den Supermarktregalen, da kam ein Mann aus Schweden und investierte 4,2 Millionen Euro in 6Wunderkinder. Der Geldgeber hieß Niklas Zennström und war einer der Erfinder von Skype, das zum Synonym für Internettelefonie geworden ist. Nachdem ein paar seiner Mitarbeiter sich den Laden in Berlin angesehen und Bericht erstattet hatten, kam Zennström persönlich vorbei, um die Sache mit dem Geld zu klären. Als sie geklärt war, haben er und Reber noch eine Runde Tischtennis gespielt.

Wer damals gewonnen hat, weiß Christian Reber nicht mehr. Er erinnert sich nur, dass es eine entspannte Partie war. „Wir haben locker gequatscht“, sagt er. Obwohl es um viel Geld ging, war Reber nicht besonders aufgeregt. Seine Firma hatte ein irres Jahr hinter sich und er starke Nerven entwickelt. Für ihn und die Kollegen ist es normal geworden, dass Mitarbeiter von Apple auf der Büroetage rumrennen, von Google oder Samsung, den großen Fischen. „Gerade ist einer von Microsoft da“, sagt Reber. „Der soll die App mit Microsofts neuem Betriebssystem Windows 8 in Einklang bringen.“

Es sind die Deals, die an der Tischtennisplatte gemacht wurden, Deals, bei denen die Geschäftspartner Kapuzenpullover statt Sakko tragen. Aber die laxe Etikette bedeutet nicht, dass weniger Einsatz im Spiel wäre. Manche Anleger dürften sich mit Schrecken an die Zeit um 2000 erinnert fühlen, als sich die Versprechen der sogenannten New Economy in Luft auflösten. Es war die Zeit, als alles, was mit dem Internet zu tun hatte, hoch gejubelt wurde, als smarte Typen meinten, Produkte müssten nicht mehr hergestellt, sondern nur noch programmiert werden. Ihr Job war es, Visionen zu verkaufen. Die produzierende Industrie sei „alte Ökonomie“, sagten die smarten Typen verächtlich. Dann platzte an der Börse die Dotcom-Blase und der erste Internethype hatte sich erledigt.

Leute wie Christian Reber kennen den Crash der New Economy nur vom Hörensagen, 2000 war auch er zu jung. Rebers Generation ist „New New Economy“. Sie hat nicht erlebt, wie die Aktien der Internetfirmen an den Börsen über Nacht ihren Wert verloren und einen schlechten Ruf begründeten. Alles anders, sagen die Investoren von heute. Im Internet werde einfach mehr Geld umgesetzt als noch vor zwölf Jahren. Das liegt vor allem daran, dass der klassische Handel ins Internet wandert, Ebay verkauft Bücher, Zalando Schuhe und Amazon einfach alles. Erst kürzlich eröffnete Media Markt seinen Onlineshop.

2012 besteht die Netzgemeinde wieder aus Optimisten, sie glaubt wieder an unbegrenztes Wachstum. Es sei schwierig geworden, gute Leute in Berlin zu rekrutieren, sagen die Firmengründer, so viele Stellenangebote gebe es. Nach Personal suchen sie in der ganzen Welt. Den Enthusiasmus der Branche versteht, wer sich den unaufhaltsamen Aufstieg von Facebook ansieht, des sozialen Netzwerks, das weltweit 850 Millionen Menschen verbindet. Der Firmenwert wird mit bis zu 76 Milliarden Euro angegeben, etwa doppelt so viel wie BMW.

Facebook ist Alltag. Soziale Netzwerke seien 2005 hip gewesen, sagt Christian Reber, jetzt sei der Markt satt. Heute seien Apps gefragt. Und alle Startups wollen die eine App kreieren, die alle wollen. Einfach soll es sein, Apple-Gründer Steve Jobs hat es der Welt vorgemacht.

Als Christian Reber ein Teenager war, der im Kinderzimmer seine ersten Miniprogramme entwickelte, hing ein Jobs- Porträt hinter ihm an der Wand. Ein drahtiger Mann in nachdenklicher Pose, Reber hatte das Bild des Apple-Gründers aus einer Computerzeitschrift gerissen. Heute ist er selbst Geschäftsführer, 6Wunderkinder ist sein drittes Startup- Unternehmen. Früher hat er alles selbst gemacht, auch Buchhaltung und Akquise. Jetzt hat er ein Team, insgesamt arbeiten 28 Leute für die Firma, sie kommen aus 14 Ländern. Im Büro wird Englisch gesprochen, „just grab my iPhone“, ist so ein Satz, der Christian Reber wie selbstverständlich herausrutscht, bevor er auf Deutsch umschaltet, seine Muttersprache. Er ist an der Havel geboren und hat International Management studiert. Davor hatte er sich in Computer Science an der Freien Universität Berlin versucht und es abgebrochen. „Zu theoretisch“, sagt er.

Büro ist Praxis. Das von 6Wunderkinder liegt auf einem Gewerbehof von 1910, einst war es das Zuhause der Werber von Scholz & Friends. An der gläsernen Eingangstür klebt ein Zettel mit einem Dutzend bunter Logos. Jedes steht für eine andere Internetfirma, die man über das Treppenhaus mit den historischen Kacheln erreicht. Dieser Hinterhof ist geballte digitale Kompetenz und damit einer jener Orte, deretwegen Berlin den Ruf einer Internetmetropole besitzt.

Im vierten Stock sitzt Christian Reber auf einem roten Ikea-Sofa und erzählt die Geschichte von 6Wunderkinder. Durch die Glaswand sieht man die Tischtennisplatte im Raum nebenan. Reber ist ein ruhiger Typ, er gestikuliert kaum, während er spricht, auch dann nicht, wenn das Wort „Milliarde“ fällt. Nur manchmal lacht er kurz auf, ganz so, als wolle er signalisieren: Ich weiß, dass das alles irgendwie verrückt klingt. Aber wahrscheinlich ist er nur entgegenkommend, denn an der Geschichte ist nichts verrückt. Das denken nur die, die keine Ahnung vom Internet haben – und von dem Geld, das man darin verdienen kann.

Vor sieben Jahren zog Christian Reber nach Berlin, in eine Stadt, in der er immerzu Leute traf, die ein eigenes Projekt am Laufen hatten. Der Erfolg der anderen faszinierte ihn. „Hier wird man so in die Gründerszene reingezogen“, sagt Reber, „da muss man einfach mitziehen.“ Ein Startup mache unglaublich viel Spaß, sagt er, aber man müsse dafür geboren sein. „Es sollte einem nicht einfach passieren.“ Er arbeitet viel, der Druck ist hoch, denn mit dem Geld der Investoren wächst auch die Verantwortung.

Es waren zwei Schweden, die Christian Rebers Karriere beflügelten: Niklas Zennström, der Mann mit dem Geld, und Eric Wahlforss, der Mann mit dem Riecher. Wahlforss, 32, gehört zu den frühen Berlin-Enthusiasten. Hier hat er die Musikplattform SoundCloud erfunden und groß gemacht. In einem Fernsehinterview mit „CNN“ sagt Wahlforss, in den vergangenen zwei Jahren sei Berlin „total verrückt“ geworden, so viel sei hier los. Der Schweizer Investor Christophe Maire gibt ihm Recht. Maire war einer der ersten, der SoundCloud mit Geld versorgte. Und er schwärmt vom Standort Berlin, wo deutsche Arbeitsmoral mit urbaner Kreativität verschmelze. Diese Kombination, sagt er, ziehe auch Geld aus den traditionellen Startup-Hochburgen wie London oder New York an.

Schlagzeilen machte zuletzt „Amen“, ein Bewertungs-App. Das lag allerdings vor allem an Hollywood-Star Ashton Kutcher, der unter den Geldgebern war. Dabei sind auch die Firmengründer Berühmtheiten, zumindest in der HighTech- Szene. Sie kommen von internationalen Firmen, von Twitter und Nokia, in Berlin haben sie sich neu gefunden. Sie hatten das Gefühl, hier sei es möglich. Berlin ist Understatement. Ein Zettel an der Glastür auf einem Hinterhof, in die oberen Etagen rumpelt qietschend der Lastenaufzug. Glaubt man den Kapuzenpullover-Jungs, könnte sich das ändern. Das erste „Milliarden-Ding“ ist nur der Anfang.

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