Zeitung Heute : Das Missverständnis

IRGENDWIE, IRGENDWO, IRGENDWANN

NAME

Eine Generation weiß nicht wohin – einer macht sich schon mal auf den Weg.

Von Matthias Kalle

Vielleicht habe ich ja dann doch etwas zu bescheuert geguckt, als sie mir sagte, was sie beruflich macht. „Ich arbeite im Inhouse-Consulting“, sagte das Mädchen, und sie sagte es so beiläufig und so selbstverständlich, als wenn jemand erzählen würde, er sei Metzger oder Busfahrer. „Das ist superinteressant“, sagte das Mädchen dann auch noch. „Glaub ich“, sagte ich und nickte.

Es war ein wunderbares Fest, die Hochzeit meiner besten Freundin, und ich saß während des Essens neben dieser 22-jährigen „Inhouse-Consulterin“, die sich vor zwei Tagen einen neuen A4 gekauft hatte („Das muss man einfach machen, allein schon wegen der Kunden...“). Sie erzählte mir von ihrer Arbeit, davon, dass sie sehr erfolgreich sei, viel zu tun habe, dass es manchmal hart sei und dass sie ganz genau wisse, was sie vom Leben will. Sie hatte ein Zungen- und ein Bauchnabelpiercing, und sie trug ein champagnerfarbenes Oberteil und einen champagnerfarbenen Rock. Ihr Getränk passte zum Outfit, ich trank eine Pilserfrischung zu meinem grauen Anzug. Weil ich mich aus Prinzip weigere, mich zu langweilen und die Dinge verstehen will, fragte ich weiter nach, so lange, bis ich irgendwann endlich wusste, was eine „Inhouse-Consulterin“ ist. Eine „Inhouse-Consulterin" verkauft im Prinzip Versicherungen. Oder so.

Ich konnte nicht aufstehen und mich woanders hinsetzen – zum Beispiel zu dem unfassbar lustigen Unternehmensberater oder zu dem sehr netten Opelverkäufer. Wir waren gerade erst beim Hauptgang, also fragte ich meine Tischdame: „Wo kommst eigentlich du her?“ Und da erzählte sie mir, dass sie auch aus Minden käme und wir uns doch auch von früher, „vom Sehen“, kennen würden, von einem Gartenfest der heutigen Braut, aber ich erinnerte mich nicht. Damals muss sie 13 oder 14 Jahre alt gewesen sein und damals konnte sie noch nicht wissen, dass sie einmal „Inhouse-Consulterin“ werden würde. In dem Alter will man ja Anwalt werden, oder Lehrer oder sonst was „Soziales“, und wer es nicht so genau weiß, der schaut im Arbeitsamt unter „I“ nach: Irgendwas mit Medien. Und heute sind ja viele arbeitslos, die irgendwas mit Medien gemacht haben.

Meine besten Freunde sind Kaufmänner oder Architekten geworden, sie arbeiten noch, ihr Beruf gilt in Minden als etwas Solides und ich fürchte, dass der Beruf des Journalisten in Minden ungefähr genau so viel gilt wie der Beruf des Bierkutschers, des Schiffsschaukelbremsers oder des Sittenstrolches.

„Und was machst du beruflich?“, fragte mich meine Tischdame. Ich erklärte es ihr, sie verstand es nicht. Ich erklärte es ihr noch mal, sie verstand es nicht. Ich erklärte es ihr anhand eines Beispiels, sie verstand es nicht, aber aus Höflichkeit tat sie so. „Und worüber schreibst du jetzt genau?“, fragte sie, und ich erzählte ihr auch von dieser Kolumne. „Eine Generation weiß nicht wohin?“, sagte sie, kniff die Augen zu und verzog den Mund, so wie es Jungs tun, wenn sie hören, dass jemand Brad Pitt toll findet. „Also ich weiß ganz genau, wo ich hin will“, sagte das 22-jährige Mädchen, „ich will erfolgreich sein und irgendwann einen tollen Mann und Kinder haben.“ Von Glück sprach sie nicht.

Matthias Kalle verlässt Berlin und zieht zurück in seine Heimatstadt Minden. Darüber berichtet er Woche für Woche. Wer ihm schreiben will: Sonntag@Tagesspiegel.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben