Das Moma in Berlin : Schlange verstehen

Jetzt warten sie schon 446 Jahre vor der MoMA-Schau der Berliner Nationalgalerie. Alles zusammengenommen. Warum tun sie das?

Torsten Hampel

Die drei Männer tragen dunkelblaue, gebügelte Hosen, einer sagt „Maßnahme“ in ein Funkgerät, der zweite hat sein Haar zum Zopf gebunden und beherrscht Fremdsprachen, der dritte heißt Wilfried Baumann, sie nähern sich jetzt, sie stellen sich ans Ende, sie sind das Ende. Wer nach ihnen kommt, den schicken sie wieder heim. „Es wird zu voll. Sie schwitzen sich sonst nachher tot da drin“, sagt Wilfried Baumann. Er ist sehr groß. Es ist 10 Uhr 35. Es ist ein Sommertag in Berlin.

Zu dieser Zeit vor den drei Männern von der Aufsicht: 827 hintereinander aufgereihte Menschen, in ihren Händen 94 Zeitungen, 20 Magazine, acht gebundene und 47 Taschenbücher, acht Ausstellungskataloge und 14 Berlin-Reiseführer. Sie stehen und lehnen und sitzen und liegen an den Wänden eines Hauses aus Glas. Das Haus ist die Neue Nationalgalerie, und sie sind die Warteschlange, doppelt legt sie sich außen um die Wände, zweimal rundherum. Und unter ihnen, unter den stumpfen Granitplatten, auf denen sie alle stehen und sitzen und liegen, laufen die ersten 600 Hereingelassenen durch die Ausstellung und schauen sich moderne Kunst an.

10 Uhr 35, es darf sich niemand mehr anstellen, punkt vier am Nachmittag werden die Letzten aus der Schlange mit roten Gesichtern vor dem Eingang stehen, das ist die Vorhersage. Und dann wird man ihnen bedeuten, dass sie herein dürfen. Zwei Stunden kalkulieren die Ausstellungsleute für den Rundgang durch die Galerie, der Letzte aus der Schlange wird also sechs Uhr wieder draußen sein, und dann schließt das Haus.

Die Letzten in der Schlange, direkt vor Baumann und seinen Männern, das sind die beiden Jugendfreundinnen Anita und Edelgard. Sie sind beide 64 Jahre alt, sie haben weißgraues Haar und zusammen Abitur gemacht, und man könnte es jetzt ziemlich despektierlich finden, sie beim Vornamen zu nennen. Sie wollen es aber so. Anita und Edelgard werden also reinkommen, immerhin. Aber vier Uhr ist zu spät, die Rückfahrt nach Leipzig ist gebucht, der Zug geht viertel nach fünf.

„Ich rufe beim MDR an“, sagt Anita. Der MDR ist der Fernsehsender in Leipzig. Der muss den Leuten doch sagen, dass man in Berlin so lange ansteht.

Der Mann, dem sie das erzählt, sagt: „Ich rufe beim WDR an.“ Er kommt aus dem Rheinland, war eine Minute später hier als Anita und Edelgard, er hat gerade von Wilfried Baumann erfahren, dass dies leider die entscheidende Minute war und Ausnahmen nicht möglich sind. Der WDR ist im Rheinland der Fernsehsender. „Wenn einer bei denen anruft und sich beschwert, dann sind 14000 betroffen, die nicht angerufen haben, so rechnen die da“, sagt er. Er wisse das, er hatte einmal beim Fernsehen zu tun. „Sind sie extra wegen der Ausstellung in Berlin?“, fragt Anita. „Zum Glück nicht“, sagt er.

14000 umsonst weil zu spät gekommene WDR-Zuschauer hat die Nationalgalerie-Aufsicht also schon abgewiesen. Wer weiß, wie der MDR rechnet. Und es gibt extrem harte Einzelfälle, neulich eine Familie aus Polen zum Beispiel, tatsächlich extra angereist und mit wenig Zeit, die verzweifelt war und einen Haufen Geld obendrauf legen wollte, aber es ging nicht. Das aufregendste Ereignis an diesem Tag ist der kleine Wutanfall einer abgewiesenen Frau aus Amerika. Ihr Fernsehsender hat auch nichts über die Berliner Nationalgalerie-Schlange gebracht. „I don’t understand anything what you say“, sagt sie zum Aufsichtsmann, der sie um Entschuldigung bittet, „I want my money back.“ Lauter wird es heute nicht mehr. Zwei Drittel der Besucher kommen von auswärts.

Anita und Edelgard bleiben, vielleicht geht es ja schneller vorwärts, als die Aufsicht sagt. Die Sonne scheint, es sollen 31Grad werden. Manchmal weht der Wind ein wenig, er fängt sich dann in ihren Sommerröcken.

Auf den Steinbänken rund um die Nationalgalerie wird jetzt telefoniert. „Ja, zu spät.“ – „Die Kultur ist nicht umsonst.“ – „Länger als bei Rodin in Paris.“ 171 Menschen auf den Steinbänken, 48 beim Kaffeeausschank-Container, sieben vorm Toilettenhaus.

Seit Februar ist die Ausstellung in Berlin. Zu sehen sind über 200 Gemälde und Skulpturen aus dem Bestand des New Yorker Museum of Modern Art. Die New Yorker haben so viele ihrer Sachen noch nie hergegeben, sie machen so etwas sonst nicht, aber sie bauen gerade ihr Haus um, und der Kontakt nach Berlin ist gut. 870000 Menschen haben die Ausstellung bis jetzt gesehen, jeder hat dafür gewartet. Der Rekord liegt bei neun Stunden. Morgens neun Uhr, wenn die Türen aufgesperrt werden, sieht man Menschen auf Iso-Matten und in Schlafsäcken vor dem Haus liegen, manche sagen, sie seien seit drei Uhr in der Nacht hier. Wer um halb sieben kommt, ist aber auch noch vorn dabei.

Rekordwartezeit neun Stunden, theoretische Minimalwartezeit null Stunden, das macht einen Mittelwert von viereinhalb. 870000 mal viereinhalb, das sind beinahe vier Millionen Stunden, das sind ungefähr 163000 Tage, das sind 446 Jahre und ein halbes. Sechs Menschenleben, mitteleuropäische, dauern so lang. Kinder sind in der Schlange nicht geboren worden, gestorben ist auch niemand, das weiß man genau, das wäre aufgefallen. Und über die unscheinbaren Dinge führt die Nationalgalerie nicht Buch. Einmal am Tag kommt der Krankenwagen, ein Mann von der Aufsicht sagt das.

Wofür? „Kunst gibt mir unheimlich viel“, sagt Anita. Was denn? „Ich habe viele Kunstbände zu Hause, aber das im Original zu sehen, Bilder, die man immer kannte…“ Es ist halb zwölf, sie hat noch nicht die richtigen Worte.

Anita hatte in ihrem Berufsleben mit Kultur zu tun, Edelgard sagt, sie kommt eher aus dem naturwissenschaftlichen Bereich. Es gibt einen Mann in Berlin, der kommt auch von da, er ist Ingenieur. Ein Problemlöser. Er hält die Warteschlange für ein lösbares Problem. Er hat der Nationalgalerie 14 Seiten Papier geschickt, auf denen steht, wie man ohne die Schlange auskommen könnte und dennoch so viele Besucher hätte wie bisher. Zum Beispiel so: Wartenummern verteilen wie beim Arbeitsamt. Oder den Leuten so früh wie möglich sagen, wann ungefähr sie in die Ausstellung hineinkämen, und sie ausschließlich dann einlassen. In der Zwischenzeit könnten sie andere Dinge tun als warten. Zurück kam ein handgeschriebener Brief, „vielen Dank für Ihre Post, die wir gern gelesen haben – leider ist die Schlange als PR wichtig“. PR ist so etwas wie Werbung.

Außerdem sei das System zu kompliziert. Was, wenn sich jemand verspätet und Streit anfängt am Einlass?

Die Warteschlange dagegen ist friedlich. Wenn es ein paar Meter vorwärts geht, schaben die Aluminiumfüße der Leih-Hocker, auf denen viele sitzen, auf dem Boden. Das Schaben weckt die, die an der Glaswand angelehnt schlafen. Keiner bleibt zurück, keiner wird laut, wenn sich herausstellt, dass der einsame Vordermann ein Platzhalter für fünf andere ist. Es interessiert keinen. Sie sind mit Vorfreude beschäftigt.

„Nicht jedes Bild da drin wird das große Glück auslösen“, sagt Edelgard. „Wir wissen, was uns erwartet.“ Die beiden sind gespannt auf zwei Gemälde. „Der Tanz“, Henri Matisse, und „Liegender Akt“, Amedeo Modigliani. Noch nie davor gestanden, „du wirst das vielleicht nie wieder sehen“, sagt Anita. Es sind sehr bekannte Bilder, sie sind auf den Werbeplakaten der Ausstellung abgedruckt.

Das Funkgerät fragt den Aufsichtsmann: „Der Standort?“ – „Hinten an der Schlange.“ – „Ja, wo hinten? Der Standort.“ – „Hinten an der Ecke.“ Es ist die Südwestecke des Hauses, der Landwehrkanal ist von hier aus zu sehen. Eineinhalb Hausseiten haben Anita und Edelgard jetzt passiert, eine halbe im Norden und die im Westen, es ist zwölf Uhr, es hat eineinhalb Stunden gedauert, macht also eine Hausseite pro Stunde, das sind 50 Meter. Eine Weinbergschnecke schafft fünf.

Anita und Edelgard haben nichts zu lesen dabei, sie sind mit Minimalausrüstung hier, Käsebrote und Wasser. Sie denken nach. Es geht immer noch darum, warum sie hier draußen stehen, ob sie die Belohnung dafür in Worte fassen können. Edelgard hat einen Gedanken. Sie sagt: „Generell glaube ich, dass Menschen, die sich nicht für Kunst interessieren, arm in sich sind, für die Seele, aber auch für den Körper etwas versäumen.“ Und was? Und: Seele sagen viele, aber Körper?

„Ja, zum Beispiel nach dem Krieg. Da sind die Schauspieler mit knurrendem Magen auf die Bühne und die Leute mit knurrendem Magen in die Vorstellungen. Wenn das nichts miteinander zu tun gehabt hätte, Kunst und Körper, dann wären die doch stattdessen in den Wald gegangen, Holz klauen.“

Zwischendurch kann man sich auch folgende Gedanken machen: Die quadratischen Granitplatten auf dem Boden um die Nationalgalerie haben eine Kantenlänge von einem Meter 20. Über 42 muss man an jeder Hausseite drüberlaufen. Eine Stunde pro Seite, 42 Platten, alle 1,4 Minuten passiert man eine. Das fühlt sich dynamischer an, als wenn man eine Stunde auf die nächste Hausecke warten muss. Ist allerdings eine exklusive Rechnung, man muss ja die Platten vorher vermessen oder sich extrem gut in Architekturgeschichte auskennen. Aber stille Kopfrechner stehen viele in der Schlange.

Man kann zum Beispiel den Sonnenstand vorherbestimmen. Die Aufgabe: Werde ich von der Südseite weg sein, bevor die Sonne so tief steht, dass hier kein Schatten mehr sein wird? Bis 14 Uhr muss man das geschafft haben.

Es ist eine halbe Stunde später, Anita und Edelgard hatten Glück, es ging schneller. Sie sind jetzt auf der Nordseite, eine schwarze Kordel führt die Schlange hier ganz dicht an die Hauswand heran. Es ist die Zone der Verheißung, sie sehen nicht mehr durch die Glaswand als vorher, aber nur noch eine Stunde, dann wird man drin sein. Alle legen hier ihr Lesezeug weg.

Und dann, 15 Uhr 32 – sechs Uhr am Morgen sind Anita und Edelgard aufgestanden –, nach neuneinhalb Stunden, in der gleichen Zeit hätten sie mit etwas Glück und viel mehr Geld auch nach New York ins Museum of Modern Art reisen können, die Garderobe. Treppe runter, Kunstlicht, grauer Teppich, es ist voll. Die beiden Frauen suchen.

Der liegende Akt von Amedeo Modigliani. Öl auf Leinwand, 1919. Sie bleiben stehen, Anita schlägt die Hand vor den Mund, sie ist zu aufgeregt, sie muss weiter. Aber gleich um die nächste Ecke links hängt „Der Tanz“, Henri Matisse, 1909, auch Öl. Anita stellt sich ins Halbrund, das die anderen Betrachter um das Bild gebildet haben, mitten rein stellt sie sich, sie bemerkt es, geht an den Rand zu Edelgard, jetzt lehnen sie aneinander, die eine die Hände vor dem Bauch, die andere auf dem Rücken. So stehen sie zwei Minuten. Sie nicken.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben