Zeitung Heute : "Das Monokel": Die Verstehenspflicht

Ulrike Baureithel

Als sich im August 1995 der Geburtstag des österreichischen Dichters Arnolt Bronnen zum hundertsten Mal jährte, lag das sonst so von Gedenktagen besessene, deutschsprachige Feuilleton in eindrucksvollem Schweigen. Erst die voluminöse Bronnen-Biografie, die der Klagenfurter Germanist Friedbert Aspetsberger ein Jahr später vorlegte, rief den "zwischen und auf vielen Stühlen" vagabundierenden Autor und sein Werk "aus jener Mischung von kreativem Irrationalismus, egozentrischer Kraftmeierei und inhumanem Anpassertum", wie damals die "Neue Zürcher Zeitung" urteilte, ins Gedächtnis zurück.

Distanz durch Kunst

Fast unisono vermissten die Rezensenten bei Aspetsberger damals eine eindeutige Stellungnahme wider die "Gesinnungslosigkeit" des opportunistischen "Wendehalses" Bronnen, der vom Brecht-Freund, über den "linken" Faschisten zum gewendeten Sozialisten mutierte und sogar in einem Aufsehen erregenden Vaterschaftsprozess versuchte, seine jüdische Herkunft zu leugnen.

Nun ist es die 1938 erstgeborene Tochter Barbara Bronnen, die eine erneute Annäherung an den umstrittenen und zweifellos widersprüchlichen Schriftstellervater wagt. Schon einmal, nämlich vor genau zwanzig Jahren, hatte die in München lebende Autorin mit dem Erstlingsroman "Die Tochter" eine unnachsichtige "Abrechnung" vorgelegt. Doch hatte sie damals ihre eigene Person verfremdet als die Kunstfigur Katharina Bebra dargestellt. Die damals den Vater herausforderte und gleichzeitig auf Distanz hielt, geht nun nicht nur ungeschützt, bar jeder auktorialen Verkleidung in den Ring, sondern sie bezieht auch ihre nähere Umgebung, insbesondere ihren fast zwanzig Jahre jüngeren Halbbruder Andreas und dessen Sohn Mathias in den Selbstversuch ein.

"Es ist unsere Pflicht, ihn zu verstehen", formuliert Andreas am Ende die Leitfrage der Suche nach A.B., die von den Konversionen und Brüchen im Leben des Vaters auf die Spuren des Großvaters, den Burgtheaterdramatiker Ferdinand Bronner, führen und wieder zurück in die DDR, wo auf Bronnens Wunsch Andreas als "Kind des Sozialismus" geboren werden sollte.

Es sind die drängenden Fragen des von allem Geschichtserleben unbelasteten Mathias, die Schwester und Bruder auf eine Reise zurück führen, wobei das Monokel, Arnolts prätentiöses künstlerisches Utensil bis zur Geburt der Tochter, die Vergangenheit heranholt und verdichtet.

Die Exkursion nimmt ihren Anfang in Oberschlesien, wo Ferdinand Bronner 1867 in Oswiecim, Auschwitz, geboren wurde, als der Ort noch nicht Metapher war und der Schulweg des armen jüdischen Kindes noch nicht an den Todesweg der Deportierten erinnerte. An diesen jüdischen, neunzehnjährig konvertierten, assimilierten und schließlich verleugneten Vater knüpfen sich die vatermörderischen Obsessionen des Sohnes Arnolt. Doch obsessiv ist auch das Verhältnis der Geschwister zueinander wie zum Vater. Während Andreas, der ein DDR-geprägtes, widersprüchliches Verhältnis zum Judentum hat, den jüdischen Großvater am liebsten ebenfalls getilgt sehen würde, treibt Barbara die Frage, "was aus dem Vater wohl geworden wäre, wenn er als Sohn eines Juden gelebt hätte."

Ihrem Sinn für Dramaturgie, gewiss ein Erbe des Vaters, ist es zu verdanken, dass Reiseerlebnisse, politisches Räsonnement, erinnernde Rückblenden und die unablässige Vergegenwärtigung des Vaters in den Gesprächen der Geschwister in ein überaus spannendes "Wiederaufnahmeverfahren" verflochten werden, auch wenn man sich an manchen Stellen die aktuelle politische Didaktik - Tenor: "Warum überlassen wir den Nazis das Internet?" - etwas subtiler gewünscht hätte und ein Jugendlicher in der DDR Mitte der siebziger Jahre auch kaum Begriffe wie "gecheckt" und Ähnliches im Wortschatz hatte.

Die geschwisterliche "Suche", die die "ruhelosen, protestierenden Suchbewegungen" des Vaters nachempfindet, führt von Oberschlesien, dem Bronnen seinen skandalösen Roman "O.S." gewidmet hat, zurück in die DDR, diesen "Spießerstaat", wo Bronnen seit 1955 lebte, und immer wieder gibt es Exkurse in die Gegenwart. Auffällig ist dabei, dass sowohl die exaltierte Goebbels-Freundin Olga, Bronnens erste Frau, die sich 1935 das Leben nahm, als auch die noch lebende dritte Ehefrau, Renate Bronnen, wichtiger Bestandteil der Erzählung sind, während Hildegard Bronnen, Barbaras Mutter, nur eine Randfigur bleibt.

Je stärker die Tochter den Vater beschwört, desto mehr tritt die Mutter in den Hintergrund. Das ödipale Szenario, bis zur Neige ausgeschöpft von Bronnen selbst, scheint in der nächsten Generation seine Fortsetzung zu finden.

Schon Bronnen-Biograf Aspetsberger, der die "unsichere geschlechtliche Position" des Dichters kurzschließt mit dessen gescheiterten ideologischen "Selbsterlösungen", fällt regelmäßig zurück auf psychologische Deutungsmuster, um Bronnens "Identitätsproblem" zu erklären. Sie werden von der Tochter im Roman bereitwillig aufgenommen und sind, sicher ungewollt, geeignet, die historische Dimension dieses "Familiendramas" zu verschütten. Dass Barbara Bronnen (wie der Vater) beim Schreiben ungeschützt "aufs Spiel setzt", ist immerhin ein mutiger Versuch, das Erbe des Dichters A.B. anzunehmen und ihn auch als typologischen Fall der deutschen Geschichte und Gegenwart zu sehen.

Dass die Tochter dabei aber, in der Kindespflicht, ihn zu "verstehen" und bei allem Einverständnis mit Bronnens Widersprüchen, dem Vater eine irgendwie auch kohärente Geschichte nachträgt, hätte Arnolt Bronnen, der zeitlebens die Erinnerungslosigkeit und den Wunsch zur Desertion kultivierte, vermutlich protestieren lassen.

Reinigung von der Politik

Schon mit dem Verfassen seines autobiografischen Rechenschaftsberichts "arnolt bronnen gibt zu protokoll" warf er sich als Richter in eigener Sache auf und verschlug dem zeitgenössischen Publikum das Urteil über seine politische "Reinigung". Am Ende seines Lebens konzipierte er noch einmal einen Roman über einen Juden, der die mühsam von den Geschwistern rekonstruierte Biografie demontiert und den Sohn in Erklärungsnot stürzt: "Wie kann er es wagen, zu guter Letzt meine weiß Gott schwer erworbene Interpretation seines schweifenden Lebens zunichte zu machen und sich gar zum Judentum zu schlagen?" Und die Tochter: Er habe sich nur die Freiheit genommen, "immer wieder neu über seine Identität zu entscheiden."

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!