Zeitung Heute : Das Monster und ich

Bestandsaufnahme: Was passiert im Kopf eines Filmkritikers im Lauf der Berlinale?

Jan Schulz-Ojala

Zum Beispiel an der Bar im Cinestar. Die beiden Frauen nebenan. Während du dich mit einem Milchkaffee fit machst für den nächsten Film, hörst du ein bisschen rein, was sie reden. Die eine ist Ärztin und hat kürzlich in einer großen Klinik angefangen. Die andere war gerade auf Kreta, allein. Und sie reden darüber ruhig und vernünftig und lange. Ja, wo leben die denn: in einem Paralleluniversum?

Falscher Anfang, wird geschnitten. Denn das hier könnte doch auch ein Film sein. Ich geh manchmal allein in die Kantine, sagt die eine, dreimal die Woche kommt das schon vor. Die andere: Alleinreisen, das war erst seltsam, und dann war es schön. Ja, das könnten Sätze aus einem Christian-Petzold-Film sein. Und der Mattglas-Tresen mit wechselnder Hintergrundbeleuchtung, so bunt wie der Fujijama-Himmel des Sony-Centers – das ist doch ein Oskar-Roehler-Set, und ich sitze mittendrin mit meinem Milchkaffee statt Mojito und muss jetzt auch was sagen?

Also gut: Das Paralleluniversum sind wir. 3000 Journalisten, 10000 Leute vom Film und 100000 filmverrückte Berlinalegänger. Elf Tage lang tauchen wir ab in die Parallelwelt Kino, der eine mit drei, die andere mit sechs Filmen pro Tag, so viel zu den Zahlen. Das Leben da draußen, unseres, diese Raubkatze, die wir zu zähmen versuchen und die uns doch in ihren Tatzen hält, rollt sich derweil zusammen und blinzelt uns an, hält Siesta. Wir lassen uns einstweilen vom Festival-Maskottchen packen, King Kong und die weißen Männeken, die abends manchmal blau sind und morgens ziemlich grün, schlaflos am Potsdamer Platz. Die Berlinale ist eine Traumraumkapsel, ein vollverglastes Unterseelenboot, eine überunternebenaußerirdische Halluzination.

Zum Beispiel Bai Ling: Gibt es sie wirklich, die schönste Jurorin aller Zeiten? Du bahnst dir gerade mit dem Schwert einen Weg in den 16-Uhr-Samurai-Film, da steht sie auf dem roten Teppich im Schneegriesel und im offenen Fellmantel und trägt drunter ein feinrötliches Nichts und begrüßt die japanische Filmcrew. Neben ihr verbeugt sich ein freundlicher Herr, den sie hier alle nur beim Vornamen nennen, er verbeugt sich so tief, dass ihm fast der Hut vom Haupte fällt, oder hast du das alles nur geträumt. Ja, hast du. Die Japaner nachher auf der Leinwand, die sind echt.

Tagesablauf. Traumablauf. Aufstehen nach vier Stunden Schlaf, neinnein, nicht, dass der 9-Uhr-Film drunter leidet, du bist in jedem Fall pünktlich. Bis zum 12-Uhr-30-Film redest du schnell mit allen Leuten, die übers Jahr auf deiner PC-Jobtelefonliste stehen, mit all denen und noch viel mehr. Für elf Tage werden wir alle füreinander wirklich, schon das ein Rausch. Dann der 16-Uhr-Film, der Abendfilm und zwischendurch in die Redaktionsbasisstation, wo niemand dich auf Fischerschrödermayervorfelder anspricht, obwohl, das wäre jetzt mal eine tolle Abwechslung. Stattdessen schaut man dir, vom Pförtner über den Sportkollegen bis zur Kantinenwirtin, fürsorglich in deine „viereckigen Augen“! Keine Frage, das Monster bin ich.

Cinemascope-Augen wären jetzt gut. Bei der „Gespenster“-Party Mittwochnacht haben sie eine 360-Grad-Leinwand über den Tresen gehängt mit Standbildern, und das möchtest du jetzt alles sehen: die Flimmerbilder da oben und da drunter all die Virtualakrobatiker, die networken und nett trinken und workflirten, das möchtest du jetzt alles dolbytechnisch durcheinander hören, und schon bist du mittendrin in dieser Freude der Leute, die ihren Film feiern und die Erleichterung, dass er gut angekommen ist. Du brauchst das, alle brauchen das: Wegtauchen nach all den Filmen in die heißkalte Nacht, wo Zelluloidzombies filmbesoffen über Filmefilmefilme reden.

Also gut: Münsteraner Möbelmustermesse, das ist die Berlinale auf eine Art auch. Nur dass die Leute hier erstens wesentlich teurer und zweitens wesentlich billiger gekleidet und die Krawatten längst abgeschnitten sind. Und dass die Messehallen zwischen Hyatt-Hotel und HAU-Einszweidrei niemals zumachen auf diesem Kino-Karneval, dafür ist am Aschermontag alles vorbei. Beim Arte-Empfang haben die Gäste massenhaft diese Werbe-Plexiglas-Eiswürfel geklaut, die blinken so lustig orange, wenn man unten eine Taste drückt: erst nervös, dann stetig, dann geht die Lampe gar nicht mehr aus. Viermal drücken ist Abspann, aber davon später oder lieber nie. Nachricht ans Paralleluniversum: Das Festival schaltet gerade auf Stufe drei.

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