Zeitung Heute : Das Münchner Gefühl

Im Stadion, das am Freitagnachmittag die Mitte der Welt war: Das lange Warten auf die WM ist vorbei, und die Stadt ist leicht wie nie

Robert Ide Mirko Weber[München]

Es sind 18 Stunden und sieben Minuten vergangen an diesem ersten Sommertag des Jahres 2006, als ganz Deutschland aufspringt und sich in die Arme fällt. Das Runde ist im Eckigen, und im weiten Stadionrund in München, das nichts weniger ist als die Mitte der Welt, übt sich ein Land in Leidenschaft. Welle um Welle spült über die Ränge der WM-Arena nach dem ersten Tor der Fußball-Weltmeisterschaft, und viel zu schnell vergehen die ersten 90 Minuten eines Spektakels, das die Leichtigkeit nach Deutschland bringt.

Die Weltmeisterschaft rollt. Sie beginnt um halb fünf am Nachmittag mit dem Einzug der jungen Riederinger Musikanten hoch auf dem bunten Wagen, und was dann unter der Regie von Christian Stückl in Szene gesetzt wird, zählt mit Sicherheit zu den bleibenden Szenen dieses Turniers: entspannt, weltoffen und doch ganz bei sich. Bayerische Volkstänzer platteln über den Fußballplatz, und mit dem Gebimmel von Kuhglocken werden knapp eine Milliarde Menschen vor den Fernsehschirmen geweckt: Servus, WM, o’zapft is. Jetzt, ganz am Beginn des Beginns, ist die Welt zu Gast bei bayerischen Freunden.

Die Eröffnungsfeier leistet sich Ironie und schwarz-rot-goldene Selbstverständlichkeit. Mehr als 1000 Lederhosen kreisen auf dem eckigen Feld, dann hüpfen die Berliner Hip-Hopper von Seeed aus dem Heu. Wie sehr hat sich das Land den Kopf zerbrochen, ob auch wirklich alles perfekt organisiert ist – doch jetzt wird der Ball mit Kultur angestoßen, und alles scheint auf einmal ganz einfach. Es ist 16 Uhr 52, als Bundespräsident Horst Köhler die Worte spricht, die das lange Warten beenden: „Möge der Fußball die Völker verbinden. Ich erkläre die Fifa-Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland für eröffnet.“ 59 416 Zuschauer jubeln und rufen „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“. Dort findet am 9. Juli das Endspiel statt.

Bis dahin werden noch so viele kleine und große Geschichten passieren, wie sie schon München am ersten Tag im Überfluss bietet. Schon am Vormittag ist die Stadt ein Karneval der Nationen, in der Fußgängerzone und im Fanpark am alten Olympiastadion sammeln sich Zehntausende, jeder hat eine Fahne in der Hand oder sich seine Landesfarben auf die Wange geschminkt. Mitten in dieser vielfarbigen Maskerade sehen die dunklen Anzüge der Fußball-Fifa-Funktionäre ein wenig deplatziert aus. Joseph Blatter immerhin hat die Zeichen der Lässigkeit erkannt und fährt mit Sonnenbrille im Stadion vor. Der Weltpräsident des Fußballs breitet bei der Ankunft die Arme aus und ruft: „Ich fühle mich in WM-Stimmung.“ Im Stadion allerdings erntet er Pfiffe, als sich Bundespräsident Köhler bei der Fifa „für das Vertrauen, das sie in Deutschland gesetzt hat“, bedankt. Ganz anders Franz Beckenbauer an seinem Tag in seiner Heimatstadt. Tosender Beifall umspült den Weltmeister von 1974 und 1990. Der WM-Organisationschef winkt gerührt ins Publikum, auch wenn er in diesem großen Moment auf Geheiß der Fifa nicht reden darf. Aber was soll’s: Die Sonne scheint, die Stadt leuchtet.

Ein heiliger Tag. In der Münchner Liebfrauenkirche entzündet Friedrich Kardinal Wetter bei einem ökumenischen Gottesdienst die Friedenskerze. Vor dem Altar liegt eine als Fußball verkleidete Weltkugel, was sonst? Und wenn später der evangelische Bischof Klaus Huber die Geschichte von Jesus auffächert, wie er bei Zachäus einkehrt, liegt klar auf der Hand, was gemeint ist. Die Welt zu Gast …, genau.

Auch im Stadion ist an alles gedacht. Der amerikanische Bierhersteller Anheuser Busch, bisher mit skeptischem Vorgeschmack empfangen, lässt Cheerleader auf einer Bühne vor der Arena tanzen, und die Fans, die sich fröhlich mit der U-Bahn zum Stadion geschaukelt haben, kosten gerne mal. „Schmeckt doch gar nicht so schlecht, das Bier“, sagt da ein Fan aus Berlin. „Aber nur, wenn es kalt ist“, meint ein anderer. Und überall hin trägt der Wind das Lachen der Menschen und die Chöre der Fans. Sogar Horst R. Schmidt, der Vizepräsident des Organisationskomitees, ist an diesem Freitagnachmittag die Ruhe in Person. Kein Sicherheitsproblem, nirgends. An den doppelten Absperrringen rund ums die Arena gibt es kaum Gedrängel, die Kontrollen beschränken sich auf das Nötigste. „Alles entspannt“, ruft Schmidt erleichtert. Und die Ränge? Voll besetzt trotz mancher Wirrnis beim Kartenvorverkauf. Zur Sicherheit standen noch einige hundert Helfer bereit. Leichtigkeit will auch organisiert sein.

So wie die Eröffnungsfeier, die trotz ihrer Kürze das Bild vom Gastgeberland auflockert. Frauen mit riesigen Röcken schweben engelsgleich über dem Rasen, Claudia Schiffer und Pelé geleiten mit Eleganz den Pokal hinein. Und dann rockt Herbert Grönemeyer sein soft verjingeltes WM-Lied „Zeit, dass sich was dreht“ endlich in Stadionlautstärke. Begeistert wedeln da die Zuschauer mit ihren bunten Plakaten, die auf die Tribünen eine La Ola nach offiziellem Fifa-Design zaubern. Schon vor der Feier lagen die blauen und roten Winkelemente auf den Plätzen bereit, verziert mit dem Aufdruck: „Opening match of the 2006 Fifa World Cup, Munich, 9th June 2006“. Nach dem Spiel nehmen sie viele als Erinnerung mit.

Eine Woche lang hatte sich die Stadt eingegroovt. Im Marienhof spielte die Bunte Liga noch schnell den Stadtsieger aus, ehe die Profis ans Werk gingen. Und der Olympiapark bekam mit einem Konzert der drei Münchner Orchester ein neues Leben eingehaucht. Ziemlich lebenslustig flanierten hier die Leute, um zum Schluss der Runde immer wieder vor der größten Leinwand der Stadt stehen zu bleiben, die vor dem See aufgebaut ist. Seltsamerweise könnte gerade der Olympiapark, aus dem die Bayern und die Sechziger profithalber ausgezogen sind, wieder zu einem Mekka der internationalen Begegnungen während der Weltmeisterschaft werden. Als das Spiel angepfiffen wird, drängen sich 40 000 Menschen vor den Leinwänden und noch einmal 10 000 drücken an die Zäune. Der Olympiapark ist ausverkauft wie das Stadion, ein paar Enttäuschte werfen Flaschen gegen die Polizisten, aber schnell ist wieder Ruhe. Nach dem Spiel lässt sich Münchens Bürgermeister Christian Ude die Lage von seinen Beamten schildern. „Alles okay? Dann kann ich ja jetzt beruhigt nach Hause gehen und Akten lesen“, sagt Ude.

Die Zuschauer ziehen derweil in die Stadt. Die Party soll noch nicht aufhören. Selbst Gedemütigten lässt dieser Tag noch Hoffnung. Joseph Blatter verlässt nach den Pfiffen gegen ihn zügig das Stadion, seine Sonnenbrille hat er abgesetzt. „Popstars werden auch ausgepfiffen“, tröstet er sich. „Und vielleicht werden die Deutschen am Ende des Turniers auch der Fifa und ihrem Präsidenten zujubeln.“ Vielleicht. Noch ist alles offen bei dieser WM. Fest steht nur: München hat einen schönen Tag erlebt.

Als der Ball nach 19 Stunden und 45 Minuten wieder im Tor der Mannschaft von Costa Ricaner liegt, und die Deutschen an diesem Tag zum letzten Mal die Arme hochreißen und sich umarmen, da hat das erste Spiel seine Geschichte. Und die Mannschaft, dessen Trainer lieber ohne den Kapitän antrat, ihren ersten Sieg. Doch alles hat gerade erst begonnen, auf Deutschland warten leichte Wochen. Im Stadion, das nicht mehr der Mittelpunkt der Welt ist, gehen um 21 Uhr die Rasensprenger an.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar