Zeitung Heute : Das müssen sie wissen

In Deutschland wird über einen Einbürgerungstest diskutiert – in anderen Ländern ist er längst Realität

A. Anwar[R. Reichstein] M. Huber[R. Reichstein] M. Thibaut

Die deutschen Innenminister beraten über neue Einbürgerungsregelungen, im Gespräch ist auch ein einheitlicher Wissenstest. Welche Erfahrungen haben andere Staaten mit solchen Tests gemacht?


Eines scheint sicher: Wer in Zukunft deutscher Staatsbürger werden möchte, muss für seine Einbürgerung mehr Zeit aufwenden. Welche Anforderungen genau gestellt werden, darüber diskutiert jetzt die Innenministerkonferenz in Garmisch-Patenkirchen. Die Vorschläge reichen von verpflichtenden Integrationskursen mit oder ohne Abschlusstest über Gesprächsleitfäden bis zu den von Hessen favorisierten Wissenstests. Ob am Ende eine bundeseinheitliche Regelung stehen wird – oder jedes Bundesland einen eigenen Weg geht, ist noch offen. Auch in anderen EU-Ländern ist der Wissenstest ein Thema.

ÖSTERREICH

Wer in Österreich einen Einbürgerungsantrag stellt, muss seit Anfang April nicht nur gute Deutschkenntnisse nachweisen, sondern sich auch einem Wissenstest unterziehen. Von insgesamt 18 Fragen sind zwölf richtig zu beantworten. Die Fragen beziehen sich auf drei Kategorien – Europa, Österreich und das betreffende Bundesland. Da das Staatsbürgerschaftsgesetz in Österreich Ländersache ist, werden die jeweiligen Fragen von den einzelnen Bundesländern erarbeitet – sie unterscheiden sich daher erheblich. In den bürgerlich regierten Regionen wird klassisches Hauptschulwissen abgefragt: Wann wurde Österreich gegründet, wer ernennt die Bundesregierung und wie heißt der größte Fluss des jeweiligen Bundeslandes? Die sozialdemokratisch geführten Länder versuchen hingegen, über die Tests Wissenswertes für das tägliche Leben unter die Leute zu bringen: So wird in Wien zum Beispiel gefragt, bis zu welchem Alter Kinder gratis mit der U-Bahn fahren dürfen oder unter welcher Telefonnummer die Ausländerberatungsstelle erreichbar ist.

GROSSBRITANNIEN

Seit Ende Oktober 2005 muss, wer Brite werden will, den „Life in the UK“-Test ablegen. Dabei sind in 45 Minuten 24 Fragen zu beantworten, auf Englisch. Zur Vorbereitung gibt es ein Lehrbuch und Tipps auf der Homepage des Innenministeriums. Zum Beispiel, wie man eine Computer-Maus bedient – denn der 48 Euro teure Test wird am PC abgelegt. Immigrationsminister Tony McNulty schaffte bei einem Probelauf 19 von 20 Fragen. So muss man wissen, ob ein Arbeiter entlassen werden kann, wenn er einer Gewerkschaft angehört, oder wie viele Kinder insgesamt in Haushalten Alleinerziehender leben. Nützlich sind auch Kenntnisse christlicher Feiertage oder die zeremoniellen Pflichten der Queen. „Wir testen nicht, ob jemand britisch ist oder die Eignung hat, Brite zu werden, sondern die Bereitschaft, ein Bürger unseres Landes zu werden“, erklärte McNulty das Prüfungsziel. Mindestens 75 Prozent der Fragen müssen richtig beantwortet werden, allerdings kann die Prüfung beliebig oft wiederholt werden. Bei über 65-Jährigen wird auf Tests und den Nachweis von Sprachkenntnissen verzichtet.

NIEDERLANDE

In den Niederlanden machte vor kurzem das Video Furore, mit dem sich Einbürgerungskandidaten auf ihren Test vorbereiten sollten. Darin waren homosexuelle Männer, die sich küssen, und nackte Frauen zu sehen – ein Affront gegen die mehrheitlich muslimischen Einwanderer. Seitdem gibt es auch eine zensierte Version des Videos. Dennoch, die Diskussion um den Test ist nicht abgerissen. Die Fakten: Jeder, der in die Niederlande einwandern will, muss seit Mitte März schon in seinem Heimatland einen Test machen. Nur wenn er den besteht, darf er kommen. Der Test ist zweiteilig: zum einen geht es um Sprachwissen, zum anderen um Gesellschaft, Politik und Alltagsleben. Wer Niederländer werden will, muss wissen wie lange eine Zugfahrt von Enschede bis Amsterdam dauert und welche Bedeutung Wilhelm von Oranien für das Land hatte. Der Test kostet 350 Euro und kann beliebig oft wiederholt werden. Wie viele Menschen schon durchgefallen sind, will das Integrationsministerium bisher nicht verraten. Sicher ist aber, dass die Zahl der Anträge von Einwanderern kurz vor der Einführung des Tests in die Höhe geschnellt ist. Denn viele wollten den lästigen Fragen entkommen.

DÄNEMARK

„Wie dänisch muss man sein, um Däne zu werden?“, fragen sich Bürgerrechtler in Kopenhagen, seit es den Behörden fast gelungen war, einen „echten“ Dänen mit perfekten Sprachkenntnissen auszuweisen. „Dass Ausländer, die in Dänemark leben, Dänischtests absolvieren sollen, da sind sich alle Parteien einig“, sagt Integrationssprecherin Laura Friberg. Gestritten wird nur über das „Wie“. Bisher gibt es nur einen Sprachtest – dessen Niveau entspricht der Hochschulreife. Die bürgerliche Regierung will nun durchsetzen, dass Ausländer einen Sprach- und Gesellschaftstest ablegen, wenn sie eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung haben wollen. In einem mündlichen Wissenstest sollen dann beispielsweise Fragen zum Christentum und der dänischen Reformation beantwortet werden. Wer bestanden hat, der muss dann nochmal drei Jahre auf den dänischen Pass warten.

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