Zeitung Heute : Das „Mütterhaus“ vermittelt das Muttersein

Der Tagesspiegel

Hohenschönhausen. Den Christian, den findet sie richtig süß. Janina Melchert, 20, kennt ihren Schwarm zwar nur vom Chat im Internet, aber das macht ihr nichts aus. Den Umgang mit Computer und Internet hat Janina im „Kieztreff“ des Hohenschönhausener „Vereins zum Schutz junger Mütter – Lebensnetz“ in der Anna-Ebermann-Straße 26 gelernt.

Die junge Frau lebt mit ihrem anderthalb Jahre alten Sohn Lucas im „Mütterhaus“ des Vereins. Seit 1990 nehmen die Mitarbeiter junge erwachsene oder minderjährige Mütter auf, die mit ihrem Leben nicht klarkommen. „Das sind meistens Mädchen, die aus sozial-schwachen Verhältnissen stammen. Manche müssen von zu Hause flüchten, weil die Eltern es nicht verstehen, dass ihre Tochter schwanger ist“, sagt Siegfried Eichner, Geschäftsführer des Vereins. „Die meisten Frauen sind einfach der neuen Rolle als Mutter nicht gewachsen.“ Fast immer vermitteln das Jugendamt, eine Schwangerschaftsberatung oder der Frauenarzt die jungen Frauen an das Mütterhaus.

Janina Melchert redet nicht gerne über ihr Leben. Als Kind hat sie im Heim gelebt, später ist sie in eine betreute Wohngruppe gekommen. „Da bin ich dann auch schwanger geworden“, sagt sie. Kurz vor ihrem 18. Geburtstag hat sie ihren Sohn entbunden. „Ein Kind wollte ich immer schon, nur nicht zu diesem Zeitpunkt. Aber es ist eben passiert.“ Der Vater besucht den kleinen Lucas regelmäßig. „Sonst haben wir nichts mehr miteinander zu tun“, erzählt Janina offen.

„Die Mitarbeiter geben regelrechte Lebenshilfe für die Frauen“, sagt Geschäftsführer Eichner. Viele der Mädchen wüssten weder, wie man Wäsche reinigt oder Geschirr spült noch hätten sie eine Ahnung, wie das Baby gewickelt oder gefüttert wird. „All diese Dinge, die junge Frauen normalerweise aus dem Elternhaus erfahren oder sich selbst aneignen, bekommen die Bewohnerinnen von unseren Mitarbeiterinnen gezeigt“, erklärt Eichner.

Zudem haben viele Frauen mit Schulden zu kämpfen. Janina etwa hielt ihr Mobiltelefon im Dauereinsatz. Nun schuldet sie der Telefonfirma rund 1000 Mark. „Andere Mädchen haben Schulden beim Versandhandel, weil sie ihr Geld für Markenklamotten ausgegeben haben“, ergänzt Eichner. Gemeinsam mit den Mädchen versucht er, einen Weg aus dem Schulden-Dilemma zu finden. Aber auch den jungen Müttern beizubringen, ihr Geld einzuteilen, gehört zu den Aufgaben der Betreuer. „Ohne den Verein wäre ich untergegangen“, glaubt Janina. „Ich musste erstmal lernen, dass mein Sohn nun meinen Lebensablauf bestimmt.“

Einmal im Monat können die Frauen in die Disko gehen. Dann passen die Betreuerinnen nachts auf die Kinder auf. Tagsüber sind die Erzieherinnen ohnehin immer für die Kinder da, wenn die Mütter in der Schule oder bei der Arbeit sind. Tanja Buntrock

Verein zum Schutz junger Mütter – Lebensnetz e.V. Anna-Ebermann-Straße 26, 13053 Berlin. Telefon: 986 41 28

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