Zeitung Heute : Das Multi-Kulti-Getto

Der Tagesspiegel

Von Thomas Loy

Neukölln. Zwei Frauen, von denen eine aussieht, als gehöre sie zur deutschen Minderheit, laufen den „Kindl-Boulevard“ hoch. Vier Lidl-Tüten zerren an ihren Armen, aber helfen lassen möchten sie sich nicht. In die Werbelliner 51 wollen sie, das ist von Lidl gute 600 Meter weg. Da müssen sie vorbei an Blumen-Melek, der Libanon-Falafel und den Rixdorfer Stuben, wo große Sonderaktionspappen im Fenster kleben: „Preishammer, immer sonntags: 0,4 Jubi, 0,3 Jubi, Fl. Pils, Jacobi-Futschi – 1 Euro". Wenn sie die lange Fabrikhalle der Kindl-Brauerei passiert haben, geht es noch ein paar Stufen hoch. Das ist die härteste Etappe zwischen Lidl und der 51. Auch jetzt wollen sie sich nicht helfen lassen, nicht von einem Journalisten, der beängstigend alltägliche Fragen stellt. „Klappe halten“, fordern sie sich gegenseitig auf und pressen die Lippen aufeinander.

Später kommt ein älterer Herr mit Hut und einem Säckchen Kartoffeln. „Nee, darüber gebe ich keine Auskunft mehr. Genügt das?“ Noch später ein Klingelversuch. „Ich möchte nicht. Nein, danke.“ Das war die Türsprecher-Stimme von Herrn Hermann, der hier lange als Hauswart gearbeitet hat. Jetzt hat ihn „Herr Dennis Druschky“ abgelöst. Es ist schon so: Die Deutschen, die geblieben sind, wollen partout nichts mehr sagen.

Die Werbelliner Straße 51 und, gleich nebenan, die Morusstraße 18, gehören zum Wohnblock IV der Rollbergsiedlung, einem Viertel mit hoher Arbeitslosigkeit und vielen Ausländern. Das Rollbergviertel wiederum gehört der Wohnungsbaugesellschaft Stadt & Land. Und die wiederum fiel vor zwei Jahren mit einer spektakulären Ankündigung auf: Ausländer kriegen keine Wohnungen mehr, damit die letzten Deutschen nicht auch noch wegziehen. Daran ist eigentlich nichts Ungewöhnliches. Andere Gesellschaften machen es mit ihren Problemvierteln ähnlich, nur drücken sie sich politisch korrekter aus. Günter Adam, Geschäftsführer von Stadt & Land, wollte nicht lange um den heißen Brei herumreden und verbrannte sich prompt die Zunge: „Wenn Deutsche immer wieder ausländische Namen auf Klingelschildern sehen, wird dies als Störung empfunden.“ Das hatte er schön beobachtet, nur sagen sollte man so etwas nicht, denn eigentlich ist das Diskriminierung. Günter Adam bekam viel Ärger und wurde inzwischen abgelöst - aus anderen Gründen, heißt es.

Nun, zwei Jahre später, spricht Gunter Haedke für Stadt & Land, soweit es das Rollbergviertel betrifft – und was er sagt, hört sich überhaupt nicht mehr nach Diskriminierung an. Kriterium für die Vergabe von Wohnungen sei nicht die „ethnische Herkunft“, sondern das „soziale Verhalten“. Drei Fragen stünden im Vordergrund, sagt Haedke: Wird der Bewerber seine Miete zahlen? Wird er länger in der Wohnung bleiben? Passt er in die Nachbarschaft? Die letzte Frage ist in ihren Auswirkungen zumindest teilweise identisch mit dem groben Keil, den Adam vor zwei Jahren in die Rollbergsiedlung trieb. Haedke sagt es so: „In einem Haus, wo schon viele nicht-deutsche Mieter wohnen, werden wir nicht noch mehr einziehen lassen.“ Eine „Gettoisierung“ solle so verhindert werden. Ein Drittel der Bewohner im Rollberg-Viertel ist gegenwärtig nicht-deutscher Nationalität.

Ziel von Stadt & Land ist, diesen Anteil nicht zu erhöhen. Wobei Ausländer nicht gleich Ausländer ist. Das „größte soziale Problem“ der Siedlung seien die „männlichen arabischen Jugendlichen".

In den Häusern Werbelliner Straße 51 und Morusstraße 18 wohnen überwiegend Ausländer. Laut Haedke sollen frei werdende Wohnungen deshalb nur noch an Deutsche vergeben werden. Die Praxis sieht aber anders aus. Die Türkin Dilek erzählt, sie sei vor acht Monaten eingezogen. Probleme wegen ihrer Herkunft habe es nicht gegeben.

Ein Landsmann von ihr kam vor einem Jahr in die 51. Seine Frau sei schwanger gewesen, da brauchten sie eben eine größere Wohnung. Kann man Mieter überhaupt nach ihrer Nationalität auswählen? Deutsche würden hier nie einziehen, sagt ein Pole, der schon 20 Jahre in der 51 wohnt. Seinen Namen behält er lieber für sich. Die Ankündigung von Stadt & Land sei „völliger Quatsch.“ Alle paar Monate würden Türken und Araber ein- und wieder ausziehen – „das geht rucki-zucki". Deren Kinder lärmten bis spät in die Nacht.

Wenn er sich traue, mal was zu sagen, komme nur die Drohfloskel „Was willst du, Alter?“ Ein Stein sei ihm schon ins Fenster geflogen. „Es wird gegrillt, arabische Musik gespielt, auf den Boden gespuckt. Man fühlt sich in einer anderen Welt.“ Der Pole denkt wie die Deutschen, die geblieben sind und schweigen. Die Frontlinie verläuft nicht zwischen Deutschen und Ausländern, sondern – wenn überhaupt erkennbar – zwischen europäischer und arabischer Kultur.

Dilek will so bald wie möglich wieder ausziehen, zum Schutz ihrer Kinder. „Zu viele Ausländer“, sagt sie und meint damit vor allem die „frechen“ türkischen und arabischen Kids. „Ich wusste nicht, dass es so extrem ist.“ Sie ist in Deutschland geboren und fühlte sich unter deutschen Nachbarn in Zehlendorf, wo sie vorher wohnte, sehr wohl. Auch Dilek denkt wie die schweigenden Deutschen. Eigentlich ist sie selbst Deutsche; genau wie der Pole, auch wenn es im Pass anders steht.

Dana zeigt ihre Wohnung. Hell, mit Wintergarten und schönem Blick auf den Spielhof. Dana würde lieber in Charlottenburg oder Steglitz wohnen, weil die Menschen dort „anders sind, entspannter“. Aber für das gleiche Geld bekommt sie dort nicht die gleiche Wohnung. Einige Deutsche seien in letzter Zeit eingezogen, sagt sie und korrigiert gleich, es handele sich um „gemischte Paare". Viel geändert habe sich deshalb nicht. Dana ist in Deutschland geborene Kroatin.

Einer mit fremd klingendem Namen am Türschild ist Yahia Makkouk, ein elegant gekleideter Araber. Der Pole von nebenan hält ihn für einen Professor und schimpft, weil er mit seinem Sechszylinder-Jaguar unter seinem Fenster gelegentlich die Luft verpeste. Es stellt sich jedoch heraus, dass Makkouk nur Professor qua Lebenserfahrung ist, eigentlich nervenkrank und 1976 aus dem Libanon geflohen. Dort allerdings war er ein hohes Tier, Sekretär des Präsidenten, und somit vertraut mit Tugenden wie Fleiß, Strebsamkeit und Disziplin. Die gab er an seine Kinder weiter, die dann auch was draus machten: Betriebswirt, Informatiker, Zahnarzt. Makkouk findet es schlimm, wie viele Kinder aus seiner Heimat mangels Erziehung in Deutschland verwahrlosen. Seine Kinder habe er nie durch die Straßen ziehen lassen. Und vor allem habe er sie als Deutsche erzogen. Im Libanon seien sie noch nie gewesen.

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