Zeitung Heute : Das nackte Grau

Beton galt lange als grob. Nun entdecken ihn die Designer und machen Luxusmöbel daraus – Beton ist der Marmor des 21. Jahrhunderts.

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Von Susanne Kippenberger Und plötzlich war er schick. Vergessen die Zeiten, da er als menschenfeindlich, allenfalls brückentauglich galt, als grob, ja, brutal – „Brutalismus“, so nannte sich eine ganze Richtung der Architektur, die sich dem Beton verschrieben hatte. Riesige Sozialbausiedlungen im Westen, Plattenbauten im Osten ruinierten seinen Ruf, verschämt wurde er übertüncht und verkleidet. Und heute: trägt man Beton. Nackt und offensiv, innen wie außen. Kaum ein Architektenstar, der nicht in den letzten Jahren ein spektakuläres Werk aus Sichtbeton vorgelegt hätte: Zaha Hadid das phæno-Museum in Wolfsburg, Stephan Braunfels das Paul-Löbe-Haus in Berlin vis-à-vis vom Bundeskanzleramt, David Chipperfield das Literaturmuseum in Marbach... Und was die Großen machten, machten die Kleinen bald reihenweise nach. Der englische Schriftsteller Mark Haddon erzählt von dieser neuen Mode in seinem neuen Roman, „Der wunde Punkt“: Da blättert die Hauptfigur in einer Architekturzeitschrift und entdeckt ein Muster-Haus, das aussieht „wie ein Bunker. Was fanden die Menschen nur an Beton? Würden die Leute in 500 Jahren unter den Brücken der M6 stehen und die Wasserflecken bewundern?“

Fehlten nur noch die zu den grauen Wänden passenden Möbelstücke. Seit ein paar Jahren nun kultivieren auch die Designer den Charme des Rohen und Rauen. Zur Kölner Möbelmesse stellte eine ganze Reihe von Herstellern ihre Betonmöbel aus: von Hockern, so schwer, dass sie sich nicht bewegen ließen, bis zu Küchen von unglaublicher Eleganz aus dem Hause der Leipziger „Betonköpfe“. Wer sie gestreichelt hat, und die Oberflächen haben zum Streicheln verführt, stellte verblüfft fest, dass der neue Beton sanft ist wie Samt und glatt wie Seide. Sogar bequem kann er sein, als Sessel mit rotem Ledersitz, ja, sogar gemütlich: wenn der Stuhl auf der Fußbodenheizung steht. Denn Beton ist nicht nur besonders stabil und feuerfest, er ist auch ein guter Wärmeleiter. Weshalb es inzwischen sogar Beton-Heizkörper als Designerstücke gibt.

„Es kommt drauf an, was man draus macht“, heißt der Werbespruch der Industrie seit gut 20 Jahren. Und machen kann man fast alles draus, von der Kirche bis zum Schaukelstuhl. Der größte Vorteil des Materials ist seine Biegsamkeit – als „flüssiger Stein“ lässt er sich in jede Form gießen. Der größte Nachteil, gerade im Möbelbau: das gewaltige Gewicht. Deswegen arbeiten die „Betonköpfe“ mit einer neuen Technik: Sie spritzen Glasfaserbeton in eine Negativform, sodass am Ende jedes Möbelstück, so massiv es aussehen mag, nur aus einer dünnen Betonhaut besteht. Innen ist es hohl.

Inzwischen lassen auch Kunsthochschulen ihre Studenten Beton-Objekte bauen. Am Beton kann man schließlich vieles lernen. Auch das Scheitern. Denn so robust er wirken mag, so sensibel ist er auch, in der Herstellung wie beim Gebrauch. Ein Hocker kann brechen, auf der Arbeitsfläche ziehen schnell Flecken ein, Kaffee, Rotwein, Essig, auch die Imprägnierung der Oberfläche mit Wachs oder Öl schützt nur bedingt. Das muss man mögen. Was Kritiker als schmutzig empfinden, ist für Karl Heinz Suppa „Patina“. „Beton lebt“, sagt der Berliner Architekt und Betonmöbelbauer. Und: „Der ist immer für eine Aufregung gut.“

„Wer meint, er müsse nur einen Sack Zement mit ein bisschen Wasser, Sand, Kies oder Splitt anrühren, hat keine Ahnung“, meint der Berliner Designer Jan Müller, der Einiges an Lehrgeld hat zahlen müssen. Aus undichten Formen floss der Beton raus, der Sand war der Falsche, den Beton hat er nicht genügend gerührt und geschüttelt, sodass lauter Luftbläschen zurück blieben... Solche Geschichten kann jeder in der Branche erzählen. Man muss schon was vom Handwerk verstehen, wie man an vielen verfärbten, löchrigen, rissigen Sichtbetongebäuden sehen kann. Monatelang hat die Firma Geithner an der richtigen Zusammensetzung für Peter Eisenmans Holocaust-Stelen gearbeitet. Jeder Möbelhersteller hat sein eigenes Rezept, dessen genaue Zutaten und Mischung er nicht verrät. Er hat schließlich lange genug daran getüftelt.

Noch vor dem Designstudium in Berlin hat Jan Müller mit Beton zu experimentieren begonnen – damals, weil er kein Geld hatte und das Material so billig war. Heute arbeitet der 27-Jährige mit „Hochleistungsbeton“, der sich selbst verdichtet und entlüftet, bietet unter dem Label Metrofarm edle Einzelteile an, die zur Zeit auch im Stilwerk an der Kantstraße zu sehen sind, sowie im Rahmen des Berliner Designmais (12.-20. Mai) in den eigenen Räumen in der Borsigstraße 33. Ein DJ-Tisch für den Heimgebrauch zum Beispiel, nach den Wünschen des Käufers hergestellt. Die Preise fangen bei 5000 Euro an. Dass „der Marmor des 21. Jahrhunderts“ nicht billig ist, weiß man in Berlin spätestens, seit die Kosten für Peter Zumthors Topographie des Terrors so explodierten, dass die Gedenkstätte nie fertig gebaut wurde. Je feiner und filigraner Beton aussehen soll, desto teurer ist er in der Herstellung. Dann sind nur allerfeinste Quartzsande gut genug, muss die Form aus möglichst glattem Material sein. Und: Das Mischen des Betons, das Bauen der Formen, das Gießen oder Spritzen – all das ist Handarbeit. Viele Möbelstücke sind Maßanfertigungen.

Neu ist Beton nicht. Schon die Römer kannten einen solchen Baustoff, aus dem opus caementitium bauten sie die Kuppel des Pantheon. Dass er dann „zum Baustoff des 20. Jahrhunderts“ avancierte, lag an neuen technischen Möglichkeiten. Und an Architekten wie Le Corbusier. Heute gilt Tadao Ando als einflussreichster Meister des Materials – ein Autodidakt, der einst Zimmermann und Profiboxer war. Was der japanische Minimalist Skeptikern vor Augen führt: wie leise das wuchtige Material ist. Nicht zufällig wird Beton gerne an Orten der Stille verwendet, im Kirchenbau ebenso wie an den Wallfahrtsorten der Gegenwart, wie der Therme von Peter Zumthor in Vals.

Gerade weil Beton so zurückhaltend ist, lässt er sich gut mit anderen Materialien verbinden, sei es Leder oder Gold. Auch Jan Müller kombiniert gerne, etwa mit Kunststoff oder Holz, oft sind nur die Beine der Möbelstücke aus Beton – was auch das Gewichtsproblem etwas erleichtert. 40 Kilo wiegt die Gartenbank, „das trägt man auch alleine“.

Betonmöbel-Käufer, unter ihnen viele Architekten, Schauspieler und Modeleute, scheinen die hohen Preise nicht abzuschrecken. Im Gegenteil. Gewünscht ist ja gerade das Besondere, nachdem „Granit zum Beispiel zum Allerweltsprodukt verkommen ist“, wie Siegfried Wernich von den „Betonköpfen“ sagt. Was den Luxuscharakter noch steigert und Designer wie Müller gerade reizt: dass sie all das gerade nicht sind, was man heute von einem Möbelstück erwartet – mobil, flexibel, bunt und praktisch. Betontische kann man weder klappen noch ausziehen. Wer sie kauft, sollte möglichst beständig sein.

Wobei Beton inzwischen nicht mal mehr grau sein muss, vielleicht, mit entsprechendem Kunststoffüberzug, sogar bald fleckenresistent ist, und lichtdurchlässig kann er auch schon sein. Bloß: Wenn er am Ende aller technischen Innovationen überhaupt nicht mehr aussieht wie Beton, hat er auch schnell seinen spröden Reiz verloren. Beton ganz ohne Bläschen und Schleier findet Jan Müller einfach langweilig.

www.metrofarm.net

www.gutes-design.com

www.werkform.de

www.villarocca.de

www.heatandconcrete.de

Betonmöbel Suppa, Berlin-Kreuzberg,

Zimmerstr. 65

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