Zeitung Heute : Das Nesthäkchen

Stephen King ist mit Gruselgeschichten berühmt geworden, aber die wollte sein Sohn nie hören. Jetzt hat Owen King selbst ein Buch geschrieben. Ein Besuch in New York.

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Von Ulf Lippitz Das Sweet Melissa ist winzig. Im schmalen Schaufenster des Cafés an der Court Street reihen sich üppige Linzer Torten an duftende, selbst gebackene Kiwi- und Blaubeertartes, dahinter stehen sechs Tische eng aneinander. Wenn man im Sweet Melissa die Arme ausbreitet, kann es passieren, dass man aus Versehen den Tischnachbarn umarmt. Ein aufgeregter Mann plant seine Flitterwochen am Mobiltelefon. Als er auflegt, dreht er sich um, entschuldigt sich und wendet sich mit gedämpfter Stimme dem Kellner zu.

Die Schriftsteller Jonathan Safran Foer, Paul Auster und Jonathan Lethem wohnen hier gleich um die Ecke. Auch Owen King lebt in Cobble Hill – so heißt der Teil Brooklyns mit den braunen Backstein-Häusern, die selten mehr als drei Etagen haben. Ein rundlicher Mann mit Knopfaugen betritt das Café wie ein wankendes Schiff bei mittlerem Seegang. Er lächelt, winkt, nimmt seine schwarze Mütze ab. Der 28-Jährige bestellt eine heiße Chai Latte.

Owen King hat gerade sein Prosa-Debüt „Der wahre Präsident von Amerika“ veröffentlicht, eine Sammlung von einigen kurzen und einer langen Geschichte. Das „People“-Magazin und die „Washington Post“ haben ihm Talent bescheinigt, er hat einen Literatur-Preis für Kurzprosa gewonnen und knapp 8000 Exemplare seines Erstlings verkauft – obwohl er zunächst eisern darüber geschwiegen hatte, wer sein Vater ist.

Owens Vater ist Stephen King. Der Mystery-Autor („Friedhof der Kuscheltiere“) hat bisher gut 300 Millionen Bücher verkauft. Der Junior weiß, dass er diesen Erfolg mit großer Wahrscheinlichkeit nicht erreichen oder gar übertreffen kann. „Ich bin kein Stephen King Nummer zwei“, sagt er. Owen King schreibt zeitgenössische Prosa, über Politik, Teenager-Probleme und Außenseitertum. Er macht einen großen Bogen um Zombie-Katzen, Maschinenmenschen und Psychopathen.

Für die titelgebende Erzählung erfand er einen kauzigen Großvater und dessen Enkel, der sechs Zehen, wenig Freunde, Pubertätssorgen und einen ungeliebten Stiefvater hat. King juniors Sprache erinnert in dieser Geschichte an den trockenen Witz des jungen John Irving. „Er ist ein Vorbild von mir“, sagt King.

Inzwischen weiß man, in wessen Schatten der junge Schriftsteller steht. So ein bekannter Name lastet wie ein Fluch auf den Nachfahren. Wie schwer musste Michael Douglas gegen seinen Vater Kirk anspielen, bevor er als Schauspieler ernst genommen wurde. Wie stark versucht sich der französische Konsum-Kritiker Camille de Toledo von der eigenen Familie zu distanzieren, die den Danone-Konzern mitgegründet hat. Solange man nicht wie Paris Hilton den eigenen Namen als Marketing-Argument ins Feld führt, bleibt der Weg zum Ruhm oft steinig.

Auch Owen Kings Mutter, Tabetha, schreibt Romane. Trotzdem: Er hat bewusst auf Agenten, Verlage und Ratschläge der Eltern verzichtet. „Ich weiß, einige Menschen haben den Eindruck, ich würde vor dem Erbe meines Vaters fliehen“, sagt King und seufzt. „Aber ich bin einfach nur meinen Instinkten gefolgt – und mein Vater wäre der Erste, der das bestätigt und befürwortet.“

Als im Herbst 2000 George W. Bush zum Präsidenten gewählt wurde – trotz nominal weniger Stimmen als der Demokrat Al Gore, war Owen King wütend. „Ich dachte, Bush würde Gore den Vortritt lassen“, sagt er. King begann, darüber zu schreiben, „in welch deprimierendem Zustand“ sein Land ist, erfand Figuren, die weniger Hemmungen besaßen als er – und wie der kauzige Großvater im Vorgarten gegen den „falschen“ Präsidenten George W. Bush protestierten.

So etwas würde Owen King im wahren Leben wohl nie machen. Er ist ein gemütlicher Mensch. Darum lebt er in Brooklyn, mit Katze und Freundin. Die Häuser in Manhattan sind ihm zu hoch. Owen King kommt aus Bangor in Maine, der östlichsten Stadt der USA, dort leben 35 000 Menschen, es ist eine Arbeiterstadt, mit wenig Sonne im Winter, „eine kleine Version von Alaska“, wie Owen sagt – aber auch der Schauplatz vieler Stephen-King-Bücher und organisierter Stephen-KingStadtrundfahrten, die bis an das umzäunte Anwesen der Kings führen.

In Bangor ging Owen King zur Schule, mit seiner Schwester und seinem Bruder, alles ganz normal, wie er behauptet. Abends durften die Geschwister aussuchen, welches Buch ihnen der Vater zum Einschlafen vorlesen sollte. Owen hat sich oft für Charles Dickens entschieden.

Das Gruselige habe ihn schon als Kind nie interessiert, sagt er. Seine Begeisterung galt dem Baseball. Er spielte im Bangor West Team, das sein Vater eine Saison lang mit trainierte, wollte sogar Profi-Spieler werden, bis er einsehen musste, dass er dazu nicht die körperliche Fitness besaß. Aus der Kindheit fällt ihm nur eine Extravaganz des Vaters ein: Der vermittelte 1987, dass nach dem damals zehnjährigen Owen eine Soldaten-Spielfigur benannt wurde. Der Sammlerpreis für eine noch original eingeschweißte Figur liegt in den USA heute bei rund 100 Dollar.

Wenn er heute nach Maine zurückfährt, sitzt die Familie zusammen – und diskutiert. „Auf eine paradoxe Art hat Bush das Land politisiert“, sagt Owen King. Man müsse entweder für oder gegen den Präsidenten, für oder gegen den Irakkrieg sein. „Die Gegensätze zwischen Jung und Alt verschärfen sich. So ähnlich muss es in den 60er Jahren gewesen sein.“ Er lacht.

Im Hause King herrscht Einigkeit darüber, dass Bush schlecht für die USA ist. Nur in Detailfragen bekommen sich Owen und seine Mutter in die Haare. „Sie ist eine noch größere Sozialliberale als ich“, sagt er, es klingt fast bewundernd. „Wenn es nach ihr ginge, sollten wir die Truppen im Irak sofort abziehen. Ich bin mir da nicht so sicher.“ Er schüttelt den Kopf, nimmt die Brille ab. „Wenn wir jetzt einfach so verschwinden, richten wir ein noch größeres Chaos an.“

Owen King ist kein Hitzkopf. Leidenschaft bewahrt er sich für die Baseball-Saison auf, wenn er stundenlang vor dem Fernseher sitzt und mitfiebert – oder er konserviert sie in Geschichten. Seit er selbst schreibt, hat er einen großen Respekt vor der Arbeit seiner Eltern. Er hat sich 1999 an der Columbia University in New York für kreatives Schreiben immatrikuliert, schloss die Universität drei Jahre später ab und feilte die gesamte Zeit an Kurzgeschichten. „Ich ändere noch immer jedes Mal irgendein Wort, wenn ich einen Text öffentlich vorlese“, sagt er. „Es macht mich verrückt, dass ich nie den perfekten Satz finde.“

Manchmal tauscht er sich mit seiner Freundin aus, sie schreibt auch, nie mit seiner Familie – und auch nie mit seinen berühmten Nachbarn. „Ich kann jeden Tag die anderen Schriftsteller beim Spaziergang beobachten“, sagt King, „aber wir reden nie miteinander.“ Das klingt seltsam für die USA, einem Land, in dem jeder Kassierer unaufgefordert Tipps zur Hautpflege oder Kindererziehung abgibt. King grinst. „Schriftsteller haben ein soziales Handicap. Sie sitzen den ganzen Tag nur in der Wohnung und schreiben. Wenn sie dann hinausgehen, wissen sie eben nicht, wie sie sich verhalten sollen.“ Sich selbst nimmt er da übrigens aus, er glaubt nicht, dass er ein soziales Handicap habe. Owen King will der Kumpeltyp sein, kritisch, liberal, gebildet. Jemand, der durch seine Leistung überzeugt und unabhängig ist. Er sucht immer wieder nach neuen Projekten jenseits der Literatur. Mit seinem älteren Bruder Joseph schreibt er an einem Drehbuch für die Film-Produktionsfirma Working Title. Auf deren Konto gehen Erfolge wie „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“, „About A Boy“ oder die Jane-Austen-Verfilmung „Pride and Prejudice“ mit Keira Knightley. „Es wird ein Fantasy-Stoff werden“, so viel darf Owen King verraten. Er stockt, überlegt und setzt erschrocken nach: „Das klingt ganz schön nach Stephen King.“ Pause. Dann lacht er. Jetzt hat ihn sein Vater doch noch eingeholt.

Owen King: Der wahre Präsident von Amerika, Rütten & Loening Berlin 2006, 313 Seiten, 18,90 Euro

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