Zeitung Heute : Das neue Denken - das Neue denken

Offene Augen und vor allem ein wacher Kopf – so lässt sich Wesentliches auch nebeneinander erkennen. Ein Buch über Ethik, Energie und Ästhetik

Manfred Eichel

Wenn Deutschland beschließen würde, zwischen zehn und elf Uhr nicht zu telefonieren, hätten wir einen enormen Kreativitätsschub. Ernst Pöppel, der das behauptet, forscht in München auf dem Gebiet der kognitiven Neurowissenschaften. Er ist überzeugt, dass wir dann einfach mal Zeit hätten, nachzudenken und vielleicht dabei auch kreativ zu sein.

Allerdings – Konzentration könnte dann vielleicht sogar störend sein. Denn der britische Psychologe Richard Wiseman kann auf ein verblüffendes Experiment verweisen. Er ließ in einer Zeitung die Fotos zählen. Es waren 43 – klar, dass jede Testperson die Aufgabe löste. Doch ausnahmslos übersahen sie alle gleich auf der zweiten Seite eine knallige Überschrift, die das Ergebnis schon verriet: „Nicht weiter lesen – es sind 43!“ Die Conclusio: Wir brauchen nicht nur offene Augen, sondern vor allem einen offenen Kopf, um Wesentliches auch nebenbei erkennen zu können.

Pöppel und Wiseman sind Wissenschaftler, die sich mit Fragen der Kreativität beschäftigt haben, genauer: mit der Fähigkeit, das überraschend, das verblüffend Neue zu denken – ein Denken, das in der Tat Innovationen auslöst.

Lutz Claassen und Jürgen Hogrefe, zwei Manager des EnBW-Konzerns (Energie Baden-Württemberg) haben nun weitere Spezialisten gebeten, ihre Erkenntnisse zum Thema Innovation auszubreiten: Philosophen und Hirnforscher, Ökonomen und Ökologen, Biologen und Physiker, Architekten und Urbanisten – und eine ganze Reihe kundiger Fachjournalisten. Ihre prächtig ausgestattete Aufsatzsammlung „Das neue Denken - Das Neue denken“ (Steidl-Verlag, Göttingen) bietet eine Erkenntnis stiftende, eine wahrhaft spannungsvolle Lektüre zur Auseinandersetzung mit einigen ganz zentralen Aspekten unserer Gegenwart.

Der Untertitel „Ethik – Energie – Ästhetik“ unterstreicht das enorme Spektrum, das in diesem Buch sehr erhellend umkreist wird. Der Philosoph Peter Sloterdijk erkennt, dass der ursprüngliche Fortschritt im „heiligen Feuer der Unzufriedenheit“ entstanden ist. Der Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz sinnt dagegen ganz praktisch über die Paradoxien des Neuen nach: dass beispielsweise „gerade das Gelungene allzu oft die Mauer ist, die uns vom Neuen trennt“.

Der Reiz des Kompendiums aus dem Energie-Konzern besteht in seiner Mischung aus Nachdenklichkeiten und ganz handfesten Informationen. Man erfährt, dass es eines Tages Fassaden geben wird, in denen winzige mit Wachs gefüllte Kugeln tagsüber Wärme speichern und sie nachts wieder abgeben könnten. Oder – dass deutsche Architekten (Wohlhage/Wernik/Léon) demnächst möglicherweise im chinesischen Guangzhou einen 660 Meter hohen Fernsehturm bauen werden, der eine regenerative Energietechnik schon jetzt anbietet. Den Wettbewerb haben sie jedenfalls gewonnen.

Telefax und Computer, Video und MP3-Player sind in Deutschland erfunden worden – doch in Japan sind sie zur Marktreife und zum Erfolg gebracht worden. Warum das so war oder warum die Inder auf dem Digitalmarkt so führend sind, wird in dem Buch meinungsfreudig beantwortet. Insofern ist der Band auch eine heftiges Plädoyer für den Abbau von Barrikaden. Bleibt nach Ethik und Energie noch das im Untertitel versprochene Kapitel Ästhetik. Das füllen sechs Künstlerinnen und Künstler aus. Und sie sind es, die besonders sinnlich klar machen, was für die ganze Zunft der Neudenker gilt: dass derjenige, der Altes neu kombiniert, ein wahrer „homo ludens“ist. Und nur der ist laut Goethe „ganz Mensch“. Weil er wahrhaft kreativ ist.

Der Autor ist Professor für Kultur- und Fernsehjournalismus an der UdK Berlin

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