Das neue deutsche Einheits-Mal : Schale ohne Kern

Die Idee für das Einzheitsdenkmal war unter knapp 400 Entwürfen die fraglos beste. Berlin bekommt eine neue Attraktion. Eine unter vielen.

Foto: dapd

Der Wettbewerb um ein deutsches „Freiheits- und Einheitsdenkmal“ war, gut zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, ziemlich fürchterlich. Beim ersten Mal gescheitert, beim zweiten Verfahren noch nicht entschieden, beschert die Wahl der Jury nun eine begehbare Waagschale, entworfen vom Stuttgarter Designer Johannes Milla und seiner Berliner Partnerin, der Choreografin Sasha Waltz.

Die Idee war unter knapp 400 Entwürfen die fraglos beste. Wird die Sieger- Schale an der Westseite des noch unbebauten Schlossplatzes in den nächsten zwei Jahren tatsächlich errichtet, dann kann man für Touristen und bewegliche Stadtbürger von einer neuen Berlin-Attraktion ausgehen. Einer unter vielen.

Auch unter vielen, vielen Denkmälern, die eher süddeutsche Zungen auch Denkmale nennen. Aber egal, wie viel Mal: Spätestens seit Eisenmans steinernem Stelenwald, der dem Holocaust-Andenken dienen soll, vermehren sich die Wünsche unzähliger Interessengruppen, dass auch ihrer Ahnen Opfer, Leiden oder Heldentaten in Metall, Mineral, fluid oder medial skulptural in der Hauptstadt gedacht werden möge.

Merkwürdig, dass ein Ausdrucksverlangen, das aus eher altbürgerlichen Zeiten herrührt, sich nun aufs neue Bahn bricht. Herrscher- und Kriegerdenkmäler, Bismarck- Türme oder Marx-Engels-Figuren haben unlängst noch Kopfschütteln oder Desinteresse erzeugt, die traditionelle Ikonografie etwa eines Reiterstandbilds ist kaum noch einem heutigen Passanten bewusst (hebt das Pferd nur einen Vorderhuf, ist der Reiter im Bett, bei zwei Vorderhufen in der Luft ist er zu Ross in der Schlacht geendet).

Neuerdings aber werden in deutschen Städten und Dörfern in die ehernen Soldaten-Male der vergangenen Weltkriege auch die Namen der gerade in Afghanistan Gefallenen geritzt. Und irgendwie entspringt der inflationäre Wunsch, auf Straßen und Plätzen Zeichen zu setzen, wohl der Ahnung, dass eine Informationsgesellschaft alles andere ist als eine Wissensgesellschaft. Andererseits neigt alle moderne Kunst zur Abstraktion oder komplexen Reflexion, ihre Abbilder sind so viel- und mehrdeutig, dass sie weder zwanghaft noch zwingend etwas Bestimmtes und Allgemeinverbindliches bedeuten. Siehe Stelen und Schale (ohne festen Kern). Also denken wir von Mal zu Mal besser mal selber. Peter von Becker

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