Zeitung Heute : Das neue Hochhaus in der Kochstraße fällt nicht nur wegen seiner ungewöhnlichen Optik aus dem Rahmen

Harald Olkus

Wie eine in verschiedenen Rottönen gekachelte Badezimmerwand erhebt sich das 22-geschossige Hochhaus der Gemeinnützigen Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft (GSW) über Kreuzbergs Bauten und Bäume. Der Neubau in der Kochstraße fällt nicht nur architektonisch aus dem Rahmen. Dem Haus liegt auch ein neues Niedrigenergiekonzept zugrunde. Gegenüber vergleichbaren Hochhäusern sollen nach Angaben der Architekten rund 40 Prozent der Energiekosten eingespart werden können.

Erreicht werden soll dies zum einen durch ein ausgeklügeltes Belüftungssystem. Die nach Westen gerichtete, geschwungene Fassade besteht aus zwei Glasschichten mit etwa einem Meter Abstand. Der so entstehende Raum ist nach oben und unten offen. Dadurch kann die Luft hindurch strömen. Wird sie durch die Nachmittagssonne erwärmt, entsteht eine Art Kamineffekt: die Warmluft steigt nach oben. Der dadurch erzeugte Unterdruck zieht kühlere Luft von der schattigen Ostseite über Kanäle in Fußböden und Decken durch das Gebäude hindurch und wirkt somit wie eine natürlich angetriebene Klimaanlage. Die Sonneneinstrahlung kann durch bewegliche und individuell steuerbare Blechblenden gemindert werden. Diese roten Lochblenden ergeben das charakteristische Gesicht des Hauses nach Westen. An sehr heißen Tagen können zusätzlich noch die Fenster geöffnet werden.

"Anfangs waren unsere Mitarbeiter sehr skeptisch", sagt GSW-Pressesprecher Andreas Moegelin. Sie befürchteten einen unangenehmen Luftzug im Gebäude. Das habe sich bisher allerdings nicht bewahrheitet. Selbst an Tagen mit mehr als 30 Grad Außentemperatur sei es dort deutlich kühler als im Altbau gewesen. Energiesparend soll auch die geringe Gebäudetiefe des Hochhauses wirken. Durch den schmalen Grundriß sollen alle Arbeitsplätze mit Tageslicht versorgt werden können, zusätzliche Beleuchtung nur in Ausnahmefällen nötig sein.

Das flache Hochhaus ist eines von drei Erweiterungsbauten der 1961 gebauten GSW-Zentrale. Die Architekten Matthias Sauerbruch und Louisa Hutton haben dem 17- stöckigen Turm mit quadratischer Grundfläche einen dreigeschossigen, geschwungenen Flachbau mit schwarzen Fassadenplatten sowie die geschwungene Hochhausscheibe zur Seite gestellt. Auf dem einen Ende des Flachbaus sitzt ein ovaler, dreistöckiger Aufbau, der mit seiner lammellenartigen Fassade und der grün-blauen Lackierung entfernt an das von den selben Architekten entworfene, amöbenförmige Photonikzentrum im Wissenschaftszentrum Adlershof erinnert. Bei der jeweiligen Höhe der Gebäude orientierten sich die Planer an der Umgebung: Der dreistöckige Flachbau spiegele die Bauhöhe der historischen Friedrichsvorstadt wider. Mit dem ovalen Aufbau wird die typische Berliner Traufhöhe der umliegenden Häuser erreicht, das 22-stöckige Hochhaus liegt auch in der vertikalen Ausrichtung ungefähr zwischen Postbank und Axel Springer Haus.

Die GSW, deren Angestellte bisher auf mehrere Gebäude rund um die Kochstraße verteilt waren, will zwei Drittel der insgesamt 23 000 Quadratmeter Geschossfläche selbst nutzen. Die oberen Etagen der Hochhausscheibe sowie der ovale Aufbau sollen vermietet werden. "Derzeit sind wir aber selbst noch mit dem Einzug beschäftigt", sagt der Pressesprecher. Die kleinste mietbare Büroeinheit ist 80 Quadratmeter groß, eine ganze Etage umfaßt 560 Quadratmeter. Die GSW will dafür Mieten ab 40 Mark pro Quadratmeter nehmen, der Preis ist abhängig von Ausstattung, Laufzeit des Mietvertrages und Bürogröße. Die Flächen sind in verschiedenen Ausführungen zu haben: Als einzelne Bürozellen, in einer durch Glasscheiben abgetrennten, transparenten Variante oder als Großraumbüro ohne Raumunterteilungen. In einem der oberen Stockwerke will die GSW einen Konferenzbereich einrichten, der zum Selbstkostenpreis auch von den künftigen Mietern genutzt werden kann.

Für die Ladenflächen im Flachbau hat die GSW bereits einige Mieter gefunden. Hier liegen die Mietpreise zwischen 28 und 50 Mark pro Quadratmeter. Neben einer Filiale der Sparkasse werde ein Bistro, ein Zeitschriftenladen und ein Copyshop einziehen. Die GSW will dort auch einen "Wohnungsmarkt" eröffnen, wo alles vom Halstuch über Krawatten bis zu Wohnungen, Reihenhäusern und Grundstücken angeboten werden soll. Bei der Auswahl der Ladenmieter soll ein für Laufkunden ansprechender Mietermix erreicht werden. Auch bei den Büromietern würde die Wohnungsbaugesellschaft gerne Mieter finden, mit denen sie bereits auf anderen Ebenen zusammenarbeitet, um so Synergieeffekte zu erzielen.

Das schmale Hochhaus ist als dezentrales Projekt der Expo registriert. Ab dem kommenden Frühjahr erwartet Pressesprecher Moegelin deshalb viele Besucher, die sich über das natürliche Lüftungskonzept informieren wollen. Bereits in der kommenden Woche eröffnet die GEW in der 17. Etage eine Ausstellung zur 75-jährigen Geschichte der Wohnbaugesellschaft.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar