Zeitung Heute : Das Neue im Alten

Der Tagesspiegel

Leipzig. Der Schock saß tief. Als Ende März wegen der Holzmann-Pleite auf der Baustelle des Leipziger Zentralstadions die Arbeit ruhte, geriet der ganze Zeitplan in Gefahr. Aber nach fieberhaften Verhandlungen mit dem Insolvenzverwalter von Holzmann drehten sich drei Tage später die Kräne wieder, allen Handwerkern wurde die Bezahlung schriftlich zugesichert. „Jetzt kann uns nichts mehr überraschen“, sagt Winfried Lonzen, der Geschäftsführer der künftigen Betreibergesellschaft, der sowieso einigen Ärger hat. Immer wieder kritisieren Medien, dass das Stadion nicht zur Eröffnung des Deutschen Turnfestes am 23. Mai fertig sei. „Davon ist auch nie die Rede gewesen“, ereifert sich Lonzen. Die Eröffnungsgala des Turnfestes werde im Stadionrohbau stattfinden, erst danach beginne der Innenausbau. Noch aber recken sich auf der Stadionbaustelle gezackte Betonpfeiler in die Höhe, auf dem Spielfeld türmen sich Schotterberge und Betonplatten. Durch den künftigen VIP-Bereich pfeift der Wind. Bis Ende April soll außen alles fertig sein.

Das neue Leipziger Bauwerk ist ein Stadion im Stadion. Die neue Arena, ein reines Fussball-Stadion für 44 000 Besucher, wird in die Schüssel des riesenhaften alten Zentralstadions eingesetzt. Das alte Zentralstadion mit seinem Fassungsvermögen von 100 000 Zuschauern war einst Kultstätte des DDR-Sports . Bereits vor dem Krieg von Walter March, dem Erbauer des Berliner Olympiastadions, konzipiert, wurde der Bau in den Fünfzigerjahren von den Leipziger Bürgern in unentgeltlich abgeleisteten Arbeitsstunden aus Kriegstrümmern errichtet und der 23 Meter hohe Stadionwall aufgeschüttet. Im Sommer 1956 wurde mit einem DDR-Turnfest die Eröffnung gefeiert. 50 Spiele der DDR-Nationalmannschaft fanden in Leipzig statt, mehr als 50 Uefa-Cup-Spiele sowie 26 Leichtathletik-Wettkämpfe und sieben Turn- und Sportfeste. Nun soll spätestens 2006 zur Fußball-Weltmeisterschaft auf dem Rasen wieder internationaler Fußball geboten werden.

Eher wird das auch kaum möglich sein, denn die beiden Vereine der Stadt, der VfB Leipzig - 1903 erster Deutscher Fußballmeister - und der FC Sachsen gurken derzeit in der vierten Liga herum. Ihre neue Heimstatt, der 90,6 Millionen Euro teure und mit 63,2 Millionen Euro geförderte Bau, soll im nächsten Herbst fertig sein, einschließlich Dachkonstruktion, Flutlichtanlage, Video-Anzeigetafel. Die Stadionbesucher werden das alte Zentralstadion dennoch in Erinnerung behalten. Denn ehe die Zuschauer künftig zu ihren überdachten Sitzplätzen gelangen können, müssen sie den alten Stadionwall treppensteigend überwinden. Tradition ist also das Argument von Leipzig. Kein Wunder, schließlich wurde hier im Jahre 1900 auch der DFB gegründet. Ralf Hübner

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