Zeitung Heute : Das neue Jahrhundert - Blick nach vorn

Norbert Walter

Die Arbeitswelt wird weiblicher und internationalerNorbert Walter

"Das neue Jahrhundert - Blick nach vorn": In Zusammenarbeit mit DeutschlandRadio Berlin veröffentlichen wir Essays prominenter Künstler, Wissenschaftler und Politiker über die Zukunft von Arbeit, Bildung und Demokratie. DeutschlandRadio sendet die Beiträge jeweils an dem auf unsere Veröffentlichung folgenden Sonntag um 12 Uhr 20 (UKW 89,6) in der Reihe "Signale - Gedanken zur Zeit".



Am Beginn des neuen Jahrhunderts werden wir alle wichtigen Schlüsselprojekte zu implementieren haben, die jetzt diskutiert werden. Kompetenz für Globalisierung, für High Tech werden unverzichtbar sein. Die Bereitschaft für die beste Ausstattung mit Informationstechnologie ist entscheidend, wenn man im 21. Jahrhundert reüssieren will. Aber damit ist es nicht genug.

Selbst dies wird nur gelingen, wenn das Management sich entschlossen drei Herausforderungen stellt: der wirklichen Internationalisierung, der vollen Integration der Frauen und der Förderung von Karrieremustern, die der Komplexität von Kompetenzen und Ansprüchen der Mitarbeiter, besser: der Mitunternehmer, entsprechen.

In der Vergangenheit war das Denken und Handeln der meisten Unternehmen auf ein Land, oft nur auf eine Region bezogen. Weltweite Information, billiger und effizienter Transport und die Mobilität der Menschen haben die Welt verändert. Leitende Mitarbeiter müssen entsprechend mehrsprachig sein, sie müssen andere Kulturen als die eigene aufgenommen haben, sie müssen in anderen Bezügen gelebt und gearbeitet haben, die Welt also aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Nur mit einer solchen Vita können sie den Herausforderungen im Wettbewerb und den Anforderungen der Kunden entsprechen.

Am Beginn des 21. Jahrhunderts wird der Strukturwandel rascher sein, als je zuvor; zugleich werden die entwickelten Länder rasch altern. Dieser Prozess ist in Japan schon sichtbar, in Europa steht er vor der Tür, und die USA werden sich ihm nicht entziehen können. Das heißt, genau dann, wenn es besonders wichtig wird, rasch zu lernen, werden die Arbeitskräfte bei uns immer älter. Diese Verknappung des besonders lernfähigen und kreativen Teils unserer Gesellschaft kann in ihrer Wirkung nur dadurch gemildert werden, dass wir alle Talente voll in der offiziellen Wirtschaft nutzen - das heisst: insbesondere die Erwerbsquote der immer besser ausgebildeten Frauen kräftig erhöhen. Dies sollte umso eher möglich sein, als sich die Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft wandelt und deshalb die Talente der Frauen natürlich stärker nachgefragt werden. Darüber hinaus kommt es darauf an, die Erstausbildung dramatisch zu verkürzen, die Fehlzeiten (Krankheit/Urlaub) abzusenken und die Lebensarbeitszeit über entsprechende Anreize zu verlängern. Nur familienfreundliche und flexible Organisationsformen der Arbeit werden diesen Anforderungen entsprechen. Teleworking dürfte eine wichtige Rolle spielen.

Markterfordernisse und persönliche Präferenzen werden Karrieremuster dramatisch verändern. Frühe und gleitende Integration der Ausbildungs- in die Erwerbswelt, Mehrfachbeschäftigung auch in gemeinwirtschaftlichen Tätigkeiten, Sabbaticals, Austausch zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft werden immer typischer werden. Ein gleitendes Ausscheiden aus der Arbeitswelt wird zur Regel. Firmen, die diese Anforderungen nicht erfüllen, werden die Mitarbeiter der Zukunft nicht gewinnen.

Vor Ideen sprühen, dem Kunden - wo auch immer auf der Welt - auf der Spur zu sein; das Team formen und als Vorbild motivieren, verlässlich sein im unternehmerischen wie auch gesellschaftlichen Umfeld: Das ist der Manager, die Managerin an der Schwelle zum nächsten Jahrtausend. Arbeits- und Lebensfreude, Treue und Verlässlichkeit, Führen und Loslassen können, weltoffen und gemütlich sein: nicht Maschine, sondern Mensch und Vorbild.Der Autor ist Chefvolkswirt der Deutschen Bank.
© 1999

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben