Zeitung Heute : Das neue Selbstbewusstsein

Warum die nordrhein-westfälische FDP-Fraktion nicht mehr geschlossen hinter ihrem Landeschef steht

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Von Jürgen Zurheide,

Düsseldorf

Ein offener Konflikt mit Jürgen Möllemann? Nein, das hätte sich bis vor kurzem wohl niemand getraut in der Düsseldorfer Landtagsfraktion der FDP. Aber die Zeiten haben sich geändert, und das nicht erst seit der verlorenen Bundestagswahl. Mittlerweile will die Fraktion eigenständiger werden, was vor allem einer angeregt und forciert hat: Stefan Grüll, der als Vertreter des Landeschefs in Düsseldorf fungiert. Und als Vermittler nach Berlin. Zum Beispiel, als die Parteispitze Möllemann mitteilte, er sei als Redner auf der Wahlkampf-Abschlussveranstaltung nicht erwünscht. Es drohte ein Affront, was Stefan Grüll wenige Tage vor der Wahl unbedingt verhindern wollte.

Grüll stammt ebenfalls aus Bonn und sitzt für die Liberalen im Landtag. Wie Westerwelle ist er Anwalt, und nicht nur Kenner der politischen Szene in Bonn berichten, dass sich die beiden immer mal wieder gegenseitig beharken. „Die sind sich zu ähnlich“, urteilen Beobachter, denn sowohl Westerwelle wie Grüll verstehen sich auf fixe Formulierungen, beide sind geübt im Umgang mit den Medien. Als Westerwelle in den Container bei Big Brother einzog, zeigte Grüll seine Talente bei Stefan Raab. Das Verhältnis der beiden Bonner Liberalen war auch deshalb gespannt, weil Grüll in Düsseldorf eben als Stellvertreter von Jürgen Möllemann arbeitet, dem sowohl er wie 22 weitere Abgeordnete viel zu verdanken haben.

Als Möllemann den Bundesvorsitzenden mit Karsli und seinen Ausfällen gegen Friedmann vor dem Sommer zum ersten Mal in erhebliche Schwierigkeiten brachte, stand Grüll öffentlich noch neben seinem Förderer, obwohl er schon damals inhaltlich nicht mit Möllemann auf einer Linie lag. Zu einem offenen Konflikt ist es damals aber nicht gekommen. Niemand in der Fraktion hatte den Mut, sich gegen Möllemann zu stellen, man ließ sich sogar darauf ein, Karsli erst auf Wunsch von Möllemann aufzunehmen, dann wieder revidierte man – ebenfalls auf Intervention des Vorsitzenden – die Entscheidung.

Erst im Laufe des Sommers dämmerte dem einen oder anderen in der Fraktion, dass man unabhängig vom weiteren Fortgang dieser Affäre mehr eigenes Profil entwickeln müsste. Als Möllemann dann kurz vor der Wahl mit seinem umstrittenen Faltblatt erneut auf Provokation setzte, kam es zum Bruch. Sowohl Stefan Grüll wie einige andere Abgeordnete machten ihrem Vorsitzenden klar, dass er künftig nicht mehr für sie spreche, selbst das Wort vom notwendigen Generationswechsel geistert seither durch den Landtag.

Vor den Augen der zahlreichen Kameras hat Stefan Grüll dies bei der Veranstaltung in Bonn dokumentiert und seinem Förderer den Hinweis gegeben, dass Randale zu erwarten sei und außerdem die anderen die Bühne zu verlassen gedächten, wenn er sein Rederecht wahrnehme.

Die Fernsehbilder dazu sind bekannt. Möllemann gab den wartenden Journalisten einige wenige Sätze und verschwand wieder in seiner Limousine. Natürlich hatte Grüll ihn vorher angerufen und auf die Situation vorbereitet. Das war ein Akt der Solidarität. Seither aber kann sich Möllemann nicht mehr bedingungslos auf die Fraktion verlassen.

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