Zeitung Heute : Das Orakel von Oberhausen

Der Tagesspiegel

Von Richard Leipold

Oberhausen. Der Himmel über dem Trainingsgelände „An der Landwehr“ ist grau, unten auf dem Rasen traben 22 Fußballspieler in roten Trainingsjacken und schwarzen Hosen durch den Sprühregen. Zu Beginn der Übungsstunde am frühen Nachmittag schauen zwei Besucher den Profis des SC Rot-Weiß Oberhausen bei der Alltagsarbeit zu. Später, als der Ball ins Spiel kommt, steigt die Zahl der Schaulustigen auf zwölf. Um viertel vor drei bezieht in der Kurve eine fachsimpelnde Vierergruppe Posten, der so leicht nichts entgeht. Es sind abgehärtete Schlachtenbummler, die ihre Lieblingsmannschaft sogar nach Schweinfurt begleiten. Sie besprechen das Thema des Tages: Wird Aleksandar Ristic, der Trainer, in Oberhausen bleiben oder wird er gehen? Der 57 Jahre alte Fußball-Lehrer hat die Spieler dazu gebracht, Wundersames - aus Oberhausener Sicht gar Wunderbares - zu leisten: Nach dem 19. Spieltag standen die Rot-Weißen mit mickrigen zwölf Zählern vor dem Abgrund; der Rückstand auf einem Nichtabstiegsplatz betrug zehn Punkte. Vor dem drittletzten Saisonspiel, an diesem Freitag bei Eintracht Frankfurt rangiert der Ruhrgebietsverein mit fünf Punkten Vorsprung im fast gesicherten Mittelfeld.

Was den Verbleib in der Zweiten Bundesliga angeht, sehen die Männer in der Kurve beste Chancen für RWO – dank Ristic. Noch parkt sein roter Mercedes mit der Düsseldorfer Kennzeichenkombination „D-AR“ als einziges Auto auf der schraffierten Fläche unmittelbar vor dem Klubhaus. Aber wie lange noch? Die Gruppe erörtert den Bericht einer Boulevardzeitung, die gemeldet hat, der Wechsel zu Eintracht Frankfurt sei so gut wie sicher. Doch aus der Liebe des Trainers zu Düsseldorf als Wohnort schöpfen die Oberhausener Fans Hoffnung. Ristic selbst lehnt es ab, sich dazu zu äußern.

„Ich habe darüber noch mit niemandem gesprochen, auch nicht mit meinem eigenen Verein.“ Seinen nächsten Vertrag werde er nach dem letzten Spieltag aushandeln. „Dann dauert es nur zehn Minuten.“ Auch über das Tagesgeschäft plaudert Ristic nicht gern. Er legt keinen großen Wert darauf, sich mit Menschen über Fußball zu unterhalten, von denen er annimmt, dass sie weniger davon verstehen als er selbst, egal ob er den Präsidenten vor sich hat („Wir haben nicht viel geredet“), Journalisten, die „Futter wollen“, oder die Spieler. In der Kabine macht er statt vieler Worte lieber bunte Skizzen, um den Profis zu erläutern, was sie zu tun haben.

Ristic blättert seine Zeichnungen mit Namen und Pfeilen, mit durchgezogenen und gestrichelten Linien so liebevoll um, als wären es kleine Kunstwerke. Wenn er nicht zeichnet, bevorzugt er eine bildhafte Sprache: Seine jüngste Rettungsaktion fasst er mit einem weit hergeholten medizinischen Vergleich zusammen, mit dem er sich in die Nähe eines Wunderheilers rückt.

Seine Arbeit ähnele der eines Arztes, der „einen Jungen im Rollstuhl“ behandelt. „Ein paar Tage nach der Operation steigt der Junge aus dem Rollstuhl und läuft.“ Über diese gewagte Metapher hinaus mag Ristic sein Hilfswerk nicht näher erläutern. „Ich bin abergläubisch“, sagt er. Dennoch ist er dankbar für die Frage nach dem „Geheimnis“ seines Erfolges. Die Antwort bietet ihm die Chance, seine Hamburger (Lehr-)Zeit unter den großen Meistern Zebec und Happel zu erwähnen. „Die haben mir auch nicht alles erzählt“, sagt Ristic. Aber wenn sie sprachen, habe er „zwischen den Zeilen gelesen und gespürt, was sie meinen". Wenn Ristic vom HSV erzählt, ist oft von „zwei Trainern“ die Rede. „Happel und ich." Mittlerweile gefällt sich Ristic selbst in der Rolle des Chefs, dessen Worte die anderen zu deuten versuchen. Sollte er aus Oberhausen weggehen, wird er Schriftliches hinterlassen. Am Schreibtisch zieht er eine Klarsichthülle mit Papieren hervor. „Ich habe mit Präsident und Manager alles für die nächste Saison vorbereitet.“ Ein neuer Trainer könne das Konzept natürlich ändern. „Aber wenn er schlau ist, bleibt er bei dieser Planung“, sagt Ristic mit einem listigen Lächeln und fügt hinzu: „Wenn ein neuer kommt.“

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