Zeitung Heute : Das Organ der Gefühle Wenn der Darm in Schwierigkeiten kommt

Walter Schmidt

In einer Welt, die auf möglichst keimfreie Hygiene versessen ist, musste der Darm zum Tabu-Thema werden. „Wir riskieren lieber eine Verstopfung, als zu Besuch bei Freunden einem dringenden Verlangen nachzugeben“, schreibt die Wissenschaftsjournalistin Petra Thorbrietz in ihrem 2003 erschienenen Buch „Gesundheit aus dem Darm“. Herausgeberin ist die Felix-Burda-Stiftung, die den März wie schon zweimal zuvor zum „Darmkrebsmonat“ ausgerufen hat. Prominente wie Verona Feldbusch, Harald Schmidt oder Sandra Maischberger werben für regelmäßige Vorsorge-Untersuchungen.

Aus gutem Grund: Denn jedes Jahr sterben in Deutschland 30000 Männer und Frauen an zu spät erkanntem Darmkrebs. Doch nur 28 Prozent der Frauen und 17 Prozent der Männer gehen zur Vorsorge-Untersuchung. Die meisten Menschen mit Darmproblemen müssen jedoch nicht gleich um ihr Leben bangen. Allerdings zeigt ihre schiere Zahl, wie ungesund für den Darm unser Leben inzwischen geworden ist. Etwa jeder dritte Bundesbürger klagt über eine nicht reibungslos ablaufende Verdauung.

Die Zahl der Deutschen mit Verstopfung kann nur geschätzt werden. Der Bundesverband der Innungskrankenkassen (IKK) geht davon aus, dass „etwa jeder dritte Bundesbürger“ weniger als dreimal pro Woche seinen Darm entleeren kann. Viele Betroffene behandeln sich selber mit rezeptfreien Abführmitteln, und eine große Zahl unter ihnen begeht dabei riskanten Missbrauch. Regelmäßig eingenommene Flottmacher schwächen den Darm, indem sie seine Muskulatur weiter lähmen und langfristig obendrein die Darmschleimhäute angreifen.

Afrikanische Bauern

Jeder zweite Patient, der von Ärzten wegen einer Verdauungsstörung behandelt wird, leidet an einem so genannten Reizdarm. Symptome sind Unwohlsein, Bauchschmerzen, aber auch Durchfall und Verstopfung sowie Blähungen und mit Schleim durchsetzter Kot. Untersuchungen aus den USA deuten darauf hin, dass etwa jede fünfte Frau und jeder achte Mann einen gereizten Darm aufweist.

Dabei nimmt die tägliche Menge an Kot immer weiter ab. Naturfern lebende Mitteleuropäer scheiden nur noch 100 bis 250 Gramm davon aus – afrikanische Bauern mit einer ballaststoffreicheren Kost bringen es auf das Doppelte bis Dreifache. Auch die Deutschen essen viel zu wenig Obst, Gemüse und Vollkorn-Erzeugnisse. Wie heißt es doch in einer alten Volksweisheit? „Ein Apfel im Haus ersetzt den Arzt“ – wohl wahr. Denn Äpfel enthalten Pektin, einen löslichen Ballaststoff, der Schadsubstanzen bindet und den Darm säubert – um nur zwei günstige Effekte zu nennen.

Der Darm ist aber weit mehr als ein Abflussrohr. Längst ist erwiesen, dass der Magen-Darm-Trakt unser seelisches Erleben mitsteuert. Kein anderes Organ reagiert so sensibel auf Gefühle wie Stress, Wut und Trauer. Er ist von 100 Millionen Nervenzellen umgeben, die in der Darmwand zu zwei komplexen Geflechten verwoben sind. Das so genannte „Darmhirn“ führt weitgehend ein Eigenleben, schon weil es entwicklungsgeschichtlich älter ist als die Schaltzentrale im Kopf.

Aus dem Bauch heraus

Nicht umsonst fällen Menschen viele Entscheidungen „aus dem Bauch heraus“. Dieses „Bauchgefühl“ ist unsere Intuition, die meist schon einige Zeit vor dem eigentlichen Hirn weiß, was zu tun ist, auch wenn der Kopf sich noch verbissen mit Argumenten oder Ausflüchten dagegen wehrt. Die Engländer nennen die Weisheit aus dem Unterleib sogar „gut feeling“, also Darmgefühl. Kinder reagieren auf belastendes Ungemach meist mit Bauchweh.

Lange war Medizinern die Sonderstellung des Darms bei der Immunabwehr nicht klar. Dabei treten wir mit keinem anderen Organ so intensiv in Kontakt zur bisweilen feindlichen Außenwelt wie mit der Darmschleimhaut. Entfaltet ergäbe sie eine Fläche von bis zu 400 Quadratmetern, kann also 200-mal so groß sein wie unsere äußere Hauthülle. Magen und Darm sind wie Lunge und Luftröhre „keine inneren Organe“, sondern quasi eingestülpte Kontaktflächen zur Umwelt, sagt Hans-Jürgen Tietz, Professor für Mikrobiologie an der Hautklinik der Berliner Charité. 70 Prozent der Immunzellen in unserem Körper lauern im Darm. Wenn bakterielle Moleküle die oberste Zellschicht unseres Darms durchdringen, erkennt sie unser Immunsystem als Fremdlinge und bildet Antikörper, die den krank machenden Keimen bald übel zusetzen. Fresszellen in der Darmschleimhaut sorgen dafür, dass normalerweise keine Keime ins wirkliche Innere des Körpers vordringen.

Doch auch das Heer aus etlichen Billionen von Bakterien im Darm ist lebenswichtig für uns. Nicht nur spalten die Mikroben Nahrungsbestandteile auf, die der Mensch sonst nicht oder nur sehr schwer verwerten könnte. Sie verteidigen ihre Reviere gegenüber bakteriellen Eindringlingen – und stärken unsere Abwehrkräfte.

„Wenn im Darm keine Pilze und Bakterien lebten, würde unser Immunsystem dahinsiechen“, sagt Hans-Jürgen Tietz. Die kleinen Helfer müssen allerdings ständig ersetzt werden, denn wir scheiden sie in großen Mengen aus. Etwa ein Drittel unseres Kots besteht aus Bakterien, die ihren Job erledigt haben. Dafür sollten wir ihnen eigentlich dankbar sein.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben