Zeitung Heute : Das Ost-Seh-Vergnügen

Das Fernsehen hat Artern entdeckt, weil dort jeder Zweite arbeitslos war. Man will in der kleinen Stadt ein „Big Brother“ im großen Stil inszenieren. Der Bürgermeister setzt alle Hoffungen auf ein neues Image. Und die Arterner? Sie sehen lieber ihren Ringern beim Kämpfen zu.

Torsten Hampel

Sie liegen zurück, und es ist der letzte Kampf des Abends. In vier Minuten ist Schluss, und ihr Mann ist jetzt am Boden, die ganze Halle steht auf, und er windet sich doch noch hinein in den schwitzenden Gegner bis es kracht, dessen Knie knallt in sein Auge, beiden steht das Blut im Kopf, die 400 Leute, Alte, Junge, Männer, Frauen, drängen sich am Mattenrand, schreien, einer hinten auf der Tribüne schlägt die Trommel; die Hölle, wie in der römischen Arena. Der andere muss auf die Knie, Ringrichterentscheidung, Hände auf die Matte, und sich angreifen lassen von hinten. Krampft sich gegen jeden Griff, Armklammer, Nackenhebel, Rumreißer, bloß nicht die Schultern auf den Boden drehen lassen, denn dann ist es vorbei. Verliert am Ende trotzdem, sechs zu eins nach Punkten, seine Mannschaft damit auch. Die Ringer vom Athletenclub Germania Artern haben gewonnen. Dank Mario Panitzsch. Sie sind jetzt Vorletzter in der Tabelle.

Nicht nur die Ringer, auch die kleine Stadt liegt nicht mehr ganz hinten. Die Zeiten, als Artern den Rekord gehalten hat, und die Hälfte der Menschen ohne Arbeit war, die sind vorbei. Der Chef vom Arbeitsamt sagt, es liegt daran, dass viele von denen weggegangen sind.

WM in Bulgarien

Friedchen ist noch hier, doch heute, da konnte er sich wirklich nicht mehr auf den Weg in die Halle machen, es war schon spät, und auch am nächsten Samstagabend wird es nicht gehen, das geht niemals mehr. Muss ja jemand auf die Schankstube aufpassen. Muss ja jemand das Bier zapfen und Geld verdienen. Aber er ist mal einer von ihnen gewesen, vor 20 Jahren extra wegen des Ringervereins hergezogen. Seine Ohren sind dick und verknorpelt, wie bei jedem, der sein halbes Leben in den Klammergriffen der Gegner verbracht hat. Er ist nicht hingegangen, aber er dachte wenigstens an den flinken Panitzsch, den Helden von heute, und die anderen Jungs; daran, wie sie sich in der schrundigen Halle am anderen Ende der Stadt wohl schlagen würden. Und im nächsten Jahr wird er den Vereinsveteranen auch wieder ein Fest ausrichten. Er wird kein Geld dafür nehmen, er tut, was er kann. Er ist der Held von gestern, von damals, als man den Arternern noch Medaillen um den Hals hängte.

Detlef Friedchen, Jahrgang 1955, hat früher jeden niedergerungen, Ringer war er, sechs Mal DDR-Meister im Schwergewicht, die Arterner grüßen ihn heute noch auf der Straße, zur WM nach Bulgarien ist er einmal gefahren, und sein Gasthaus und die Pension nebendran stehen ganz im Osten, am Ortseingang der Stadt. Ringsherum ist Wüste, im Sommer wachsen Blumen zwischen den Betonplatten. Die Kyffhäuserhütte, die alte Maschinenfabrik, hat hier mal gestanden, Melkanlagen haben sie gebaut, auf der anderen Straßenseite weiter runter war die Zuckerfabrik, weiter rauf die Brauerei. Das ist alles verloren. Sein Geschäft läuft gut, sagt Friedchen und stößt an mit dem einzigen Gast.

Deshalb sollen die Arterner demnächst ins Fernsehen kommen. Ein Mal im Monat, vielleicht auch alle sieben Tage, das wird noch entschieden. Weil es ihnen doch schlecht gehen muss, und man es trotzdem nicht gleich merkt. Die Stadt und ihre 6800 Bewohner sollen mitspielen in einer Dokumentarfilm-Serie, weil sie Probleme haben und einen niedlichen Dialekt, jenen ruhmreichen Ringerklub, ein Freibad und ein Schalmeienorchester und vielleicht noch ein bisschen Hoffnung, weil sie wissen, dass es mal besser war bei ihnen und die Zeiten ja nicht so bleiben werden, wie sie sind. Die Firma, die ihre Kameraleute hier ab Dezember durch den Ort schicken will, heißt Endemol, sie hat die „Traumhochzeit“ für RTL erfunden und „Big Brother“. Es kann schlimm enden für Artern.

Das hat jedenfalls der Bürgermeister gedacht, als sich die Fernsehleute im Sommer bei ihm vorgestellt haben und fragten, ob sie in seiner Stadt filmen dürfen. Sie haben ihm eine Videokassette in die Hand gegeben, ein Probeexemplar, damit er wisse, was sie wollen. „Reality-TV, Wirklichkeitsfernsehen, ohne wilde Quoten und Stunts“, haben sie gesagt. Ein junges Mädchen ist auf dem Band, das beim Arbeitsamt nachfragt, was man denn so lernen könne als Beruf hier in der Gegend; dessen Vater, ein Bademeister, der einen kleinen Bengel, der partout nicht schwimmen lernen will und schreit und japst, solange unter Wasser taucht, bis er Ruhe gibt und losstrampelt; und der alte Herr Schmölling mit der Glatze und dem dicken Bauch, der Stadtchronist, kommt auch vor. Er spricht über die Bücher, die er unablässig schreibt und davon, dass er Operetten mag. Der Bürgermeister fand das gar nicht blöd, die haben seine Arterner nur gefilmt bei dem, was sie so machten, da war nichts Schmieriges an dem Film, keiner kam schlecht weg, auch der Bademeister nicht. Also hat er sich hingesetzt und mit seinen Stadträten beraten und am Ende die Dreharbeiten erlaubt.

„Stadt der Träume“ soll die Serie heißen, Endemol verhandelt gerade mit dem Mitteldeutschen Rundfunk. Sie haben vor eineinhalb Jahren mit der Arbeit begonnen, sich neun arme Städte angeschaut, vier im Westen, vier im Osten, eine auf der Grenze. Artern hat ihnen auch deshalb so gefallen, „weil die Leute ihre Heimat lieben, ihre Gegend, das war in den anderen Orten nicht so“, sagt der Endemol-Chef.

Als der Ringerklub im Herbst 1900 gegründet wurde, gab es in Artern eine Eisenbahn und den Fluss Unstrut, das hat gereicht, um Firmen anzulocken. Hinter Wolfgang Koenens Bürgermeister-Schreibtisch hängt ein altes Ölbild an der Wand, darauf ist das deutlich zu sehen. Der Fluss im Vordergrund, Schienen, und dahinter die Stadt mit lauter Schornsteinen. Es ist die Zeit, als die Weltausstellung in Paris zu Ende geht, fast 50 Millionen Menschen waren da. In Artern verurteilt das Schöffengericht einen Obdachlosen zu zehn Tagen Gefängnis wegen Lärmens und Bettelei, die Arterner Brauerei zahlt siebeneinhalb Prozent Dividende aus, und in der Zuckerfabrik gibt es zwei Arbeitsunfälle. Ein Pole verbrüht sich, ein Deutscher stürzt.

Alltagssachen. Daran will sich das Fernsehen nun probieren. Die große Show mit Licht und Lärm, das können sie bei Endemol, am Normalen üben sie jetzt. Vielleicht springt was für Artern dabei heraus. Koenen sitzt in seinem Bürgermeisterzimmer im Rathaus, im grauen Sessel am Besuchertisch, auf den hat er sein lederbezogenes Zigaretten-Etui gelegt und das Plastik-Feuerzeug mit dem PDS-Aufdruck. „Vielleicht wird man so auf die Stadt aufmerksam“, sagt er. Es weiß ja keiner, dass es Artern gibt. „Vielleicht filmen die ja, dass wir hier Pfefferminze anbauen, und vielleicht ruft dann mal der Tic-Tac-Hersteller hier an und erkundigt sich.“ Sowas in der Art. Das wäre schon viel.

„Die Menschen hier hoffen auf eine bessere wirtschaftliche Zukunft“, sagt Koenen, „und ich träume davon auch.“ Viel kann er nicht für sie tun, er ist seit fünf Jahren ihr Bürgermeister, unter seinem Vorgänger haben sie die Fassaden saniert und die Kanalisation ist fertig geworden. Das sieht auch schön im Fernsehen aus. Es ist jetzt nicht mehr zu sehen, wenn einer zu Hause ein Schwein schlachtet im Winter, das Eis auf der Straße wird dann nicht mehr rot. Vielleicht leben die Arterner deshalb so gerne hier, weil die Stadt nicht so ranzig und abgeschlagen ist wie andere. Ihre Zentralheizungshäuser, die verlassen sie selten. Im Sommer, zur „Stadt der Träume“-Vorführung im Kino „Filmtreff“ kam jedenfalls nur die Stadtverwaltung. Die muss die Kredite für die Renovierung jetzt abzahlen und wollte mit eigenen Augen sehen, was für eine Standortwerbung sie sich da in die Stadt holt. Für den Ringerverein hat sie schon lange kein Geld mehr übrig.

Seine Autos hat der Klub vom Opel-Händler bekommen, dafür tragen die dessen Schriftzug an der Seite und auch den der Sparkasse. Wir sagen der Welt, dass es euch gibt, und am Ende haben auch wir selber was davon. Genauso will es jetzt die Stadt mit der Fernsehsendung halten. Borris Brandt, der Endemol-Chef, hat mit Firmen gesprochen, sagt er, und sie davon zu überzeugen versucht, nach Artern zu gehen. Warum er das getan hat, sagt er nicht. Vielleicht aus Sorge darüber, dass ihm der Stoff rasch ausgehen könnte. Eine Industrieansiedlung würde das große Glück in die Serie bringen.

Koenen hat mal eine Landkarte von Deutschland gesehen. Wo es viele Arbeitslose gab wie hier in Nordthüringen, war sie schwarz, wo wenige waren weiß. „Und weiß war es immer da, wo Autobahnen vorbeigingen.“ Auch Artern soll eine Autobahn bekommen, in zwei oder drei Jahren soll die A38 von Göttingen nach Halle fertig sein, und noch etwas später möglicherweise die A71 von Erfurt nach Magdeburg. Bis dahin ist Zwischenzeit. „Wartet ja keiner auf uns“, sagt Koenen, „es gibt ja anderswo Autobahnen, wo sich Firmen heute schon ansiedeln können.“ Er will nicht zu viel Hoffnung verbreiten, er verspricht nichts. Nächstes Jahr ist Wahl.

Jeder muss auf die Matte

Drei Stunden hat Mario Panitzsch am Freitagabend gebraucht, um von Oldenburg nach Hause zu kommen. Er ist 28 Jahre alt und Soldat, Oberfeldwebel bei den Fallschirmspringern, in Artern hat er vorher Radio- und Fernsehtechniker gelernt. Seit 1980 ist er im Verein, der damals noch BSG Motor Kyffhäuserhütte hieß. Er sitzt auf dem verdreckten Baugerüst am Mattenrand, das eben noch die Zuschauertribüne war, sein linkes Auge schwillt gerade zu. Die Leute sind weg, auf dem Heimweg durch den Nieselregen draußen. Drei Stunden von Oldenburg, das ist schnell, „Freitagabend ist es immer leer auf der Straße“, sagt er. Morgen, am Sonntag, wird er wieder wegfahren.

Auch er erzählt von der Autobahn, davon, dass vielleicht Autoindustrie-Zulieferer herkommen, wenn sie gebaut ist, „wir liegen ja im Mittelpunkt der Autoindustrie“. Daimler-Chrysler macht bald ein Werk drei Dutzend Kilometer weiter auf, Opel ist in Eisenach und BMW fängt jetzt in Leipzig an. Die Kino-Vorführung des „Stadt der Träume“-Pilotfilms im Sommer hat er nicht gesehen, er war ja in Oldenburg. Aber wenn es was hilft, dann sollen die hier ruhig weiterfilmen, sagt er. Und wenns nichts hilft, ist auch gut. Vor Panitzschs Kampf war Swen Nickel dran, er ist der Beste, den sie haben, auch er hat seinen Kampf gewonnen, den „Kampf seines Lebens“, hat der Hallensprecher gesagt, auch er kommt jedes Wochenende heim, aus Dessau, wo er vor ein paar Jahren hingezogen ist und eine Autowerkstatt hat. Ohne den Verein würden Panitzsch und Nickel ganz wegbleiben. Und ohne sie würde Germania gewiss wieder absteigen.

Jeder junge Arterner muss in seinem Leben mal auf die Matte. Es gibt zwar einen Fußballverein, aber für den interessieren sich nur wenige. Woran das liegt, das ist die Tradition, sagen alle. Ist die Kameradschaft. Und einer aus dem Vereinsvorstand sagt, dass die Eltern der Grund sind. Die freuten sich auf die Kämpfe an den Wochenenden, das sei die einzige Gelegenheit, mal rauszugehen und andere Leute zu treffen.

Der AC Germania ist die Lungenmaschine der Stadt. Jedes Wochenende wird sie hochgefahren für eineinhalb Stunden, bis sie heißläuft und nur noch schlechte Luft machen kann vor lauter Menschenglut in der Halle. Und dann geht sie wieder vom Netz. Das bringt die Leute über die Woche.

Die Zeiten werden sich ändern, das haben sie stets getan, darauf hoffen sie in Artern. Und wenn sie sich mal nicht ändern, irgendetwas ist immer. Das hofft Endemol. Heute vor 100 Jahren, da ist der AC Germania zwei Jahre alt gewesen, die Arterner Brauerei zahlt nur noch fünfeinhalb Prozent Dividende, die General-Lehrerkonferenz im Ort hat zum Thema: „Der Alkoholismus und seine Bekämpfung in der Schule“. Immer ist irgendwas.

Detlef Friedchen, der Gastwirt vom Ostende, der kein Arterner Bier mehr zapft, weil es das nicht mehr gibt, er war Schwergewichtler. Je schwerer die sind, umso besser. In den Gewichtsklassen darunter kommt es auch darauf an, viel zu wiegen, aber nur bis zur jeweiligen Obergrenze. Am Montag im Training hat der Übungsleiter der C-Jugend deshalb einen Kleinen angeschrien, weil der am Wochenende 34,1 Kilo wog, 100 Gramm zuviel, und deshalb beim Nachwuchs-Turnier zwei Tage zuvor in der nächsthöheren Gewichtsklasse kämpfen musste. „Flori, du hast dich auf der Matte rumschleudern lassen, was habe ich dir vor einer Woche gesagt? Rede ich vor ’ne Wand? Wer kämpfen will, muss sich auch ein bisschen quälen.“

In der Samstagnacht, beim Panitzsch-Kampf, in der Pause, als der Schiedsrichter den Ringern den Schweiß vom Rücken reibt, sagt ein Zuschauer auf der Tribüne vor sich hin: „Irgendwann kommst du an eine Stelle, wo dein Gewicht nicht mehr runter will, weil alles runter ist, was runter kann.“ Dann fängt man am besten wieder an zu essen. So viel wie möglich. Was man kriegen kann.

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