Zeitung Heute : Das Paket der Rache

1952 explodierte eine an Adenauer adressierte Bombe. 2006 kommt heraus: Begin soll der Hintermann sein

Clemens Wergin

Er war den beiden Jungs doch etwas seltsam vorgekommen, dieser Mann „mit Kotletten und nikotingebräunten Fingern“, der ihnen vor dem Münchner Hauptbahnhof ein Päckchen in die Hand gedrückt hatte. Drei Mark bot er, wenn sie es zur Post brächten. „An dem Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer, Bundeshaus, Bonn“ stand darauf. Was nicht nur die falsche Adresse war, sondern auch verdächtig. So viele Schreibfehler. „Sender“ statt Absender. „Frankfort“ statt Frankfurt. Es war der 27. März 1952. Und Bruno Bayersdorf, 13 Jahre, aus Berlin, und Werner Breitschopp, zwölf, brachten das Päckchen nicht zur Post. Sie brachten es zur Polizei. Dort holte man extra den grippekranken Sprengmeister Karl Reichert aus dem Bett, um die Sendung zu öffnen. Doch das Päckchen explodierte. Es tötete Reichert und verletzte zwei weitere Beamte. Der Kellerraum des Polizeipräsidiums wurde völlig verwüstet. Der Attentatsversuch auf Kanzler Adenauer erschüttert die junge Nachkriegsrepublik.

Und dann tauchen zwei weitere Briefbomben auf, an die deutsche Delegation geschickt, die seit dem 21. März in Wassenaar bei Den Haag über das Wiedergutmachungsabkommen zwischen Deutschland und Israel berät – und wenige Tage später nimmt die französische Polizei fünf Israelis in Paris fest, die sie für das Attentat auf Adenauer verantwortlich hält. Fast alle sind ehemalige Mitglieder von Menachem Begins radikal-revisionistischer Untergrundorganisation Irgun Zwai Leumi (Etzel), die im britischen Mandatsgebiet Palästina mit Terroranschlägen gegen die britische Besatzung vorgegangen war, oder von seiner Cherut-Partei. Eine Beteiligung der Männer lässt sich damals aber nicht nachweisen. Nur einer von ihnen, Elieser Sudit, wird am Ende zu vier Monaten Haft verurteilt, weil die Pariser Polizei in seinem Hotelzimmer Waffen gefunden hat.

Es ist eine alte Geschichte, und es war lange ein Geheimnis, wer hinter dem Attentatsversuch steckte, doch dieser Tage wird es gelüftet – und es steckt Sprengstoff darin. Der Berliner Journalist Henning Sietz hat es in der gestrigen Ausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ öffentlich gemacht: Begin selbst, der spätere Ministerpräsident Israels und Friedensnobelpreisträger, soll in das Attentat verwickelt sein. Aus Empörung über das sich damals anbahnende Wiedergutmachungsabkommen habe er den Anschlag befürwortet, so ist es in den Erinnerungen des Attentäters Elieser Sudit nachzulesen. Schon 1994 hatte Sudit sie herausgegeben, unter dem Titel „Im Auftrag des Gewissens“ (Be’schlichut Matzpunit), 146 Seiten, in kleiner Auflage im Eigenverlag gedruckt. Lange waren sie aber offenbar niemandem aufgefallen – bis sie dem Journalisten Sietz, der schon ein Buch über das Attentat veröffentlicht hatte, von einem aufmerksamen Leser zugeschickt wurden.

Wie glaubwürdig Sudits Angaben sind, wird die Geschichtsforschung beantworten müssen. Moshe Zimmermann, Historiker an der Hebräischen Universität in Jerusalem, jedenfalls meinte gestern: „Es hat immer Gerüchte gegeben, wonach die Revisionisten in Israel für das Attentat auf Adenauer verantwortlich waren.“ Begins persönlicher Sekretär Jechiel Kadischai und Herzl Makov, der Direktor des „Menachem Begin Heritage Center“ wiederum sagten der israelischen Tageszeitung „Haaretz“, dass sie über eine Verstrickung Begins in diese Affäre nichts wüssten.

Ganz abwegig scheint Begins Beteiligung aber nicht zu sein: Der Holocaust war noch frisch in Erinnerung, und für sehr viele Israelis stellten die Wiedergutmachungsverhandlungen, die 1952 im Gange waren, einen einzigartigen moralischen Skandal dar. Als „Blutgeld“ bezeichnete Begin die Wiedergutmachungszahlungen. Die Auseinandersetzungen in Israel über dieses Thema waren teilweise fast bürgerkriegsartig. Die Deutschen haben sich heute fast schon an den „vergebenden“ Juden gewöhnt, dem die Deutschen und die Nazis viel Unrecht zugefügt hatten, der aber im Laufe der Jahrzehnte ein positives Verhältnis zu Deutschland aufgebaut hat. Solch altersmilder Abstand war den meisten Überlebenden in den ersten Nachkriegsjahren unmöglich. Begin, der beide Eltern und einen Bruder im Holocaust verlor, war durchaus kein Einzelfall. Er hatte im Polen der 20er und 30er Jahre das Anwachsen des Antisemitismus in ganz Europa erlebt, nach dem Überfall auf Polen hatte er gegen die Nazis gekämpft und war zeit seines Lebens vom Holocaust traumatisiert und geprägt.

Wie Begin ging es so manchem Widerstandskämpfer im kriegszerstörten Europa. Viele wollten nicht akzeptieren, dass das deutsche Volk nicht stärker für die Verbrechen an den Juden hatte büßen müssen. So hatte eine Gruppe von jüdischen Kämpfern schon im Frühjahr 1945 die Gruppe „Nakam“ (Rache) gegründet. Sie hatten ursprünglich vor, für jeden der sechs Millionen getöteten Juden einen Deutschen umzubringen. Sie schleusten einen Mann ins Nürnberger Wasserwerk, um die Bewohner der Stadt zu vergiften. Der Plan hat offenbar im letzten Moment von der israelischen Regierung verhindert werden können. Später allerdings gelang es den „Rächern“, in einem Kriegsgefangenenlager Brot zu vergiften: Tausende SS-Männer litten danach unter heftigen Bauchschmerzen, manchen musste der Magen ausgepumpt werden.

Eine andere Gruppe selbst ernannter Nazijäger entsprang der Jüdischen Brigade, die unter den Briten im Zweiten Weltkrieg vor allem in Italien eingesetzt wurde. Drei jüdische Bataillone waren es, goldene Davidsterne auf blauen Schulterklappen. Aber die Männer waren frustriert, weil man sie aus den Kampfhandlungen weitgehend heraushielt, und auch traumatisiert von den Bildern, die sie gesehen hatten, Mauthausen zum Beispiel. Und so machten sich acht Männer selbstständig. Ein Bauernhaus in Camperosso in Norditalien wurde zur Zentrale einer kleinen geheimen Einheit. Von dort aus jagten sie einen Sommer lang ehemalige Angehörige der SS und der Gestapo. „Wir sind Juden“, sagten sie, wenn sie ihre Opfer aufgespürt hatten. „Im Namen des jüdischen Volkes verurteile ich Sie zum Tode.“ Dann zogen sie die Pistole. 200, vielleicht sogar 300 Racheakte mögen es gewesen sein.

Das Bedürfnis nach Vergeltung und die moralische Entrüstung über das Wiedergutmachungsabkommen vermischten sich auch bei Begin. „Adenauer ist ein Mörder. Jeder Deutsche ist ein Mörder“, rief er auf einer Kundgebung gegen das Abkommen Anfang 1952. In der zentralen Debatte in der Knesset am 7. Januar stilisierte der Oppositionsführer das ganze zu einer Frage von Leben und Tod: „Wir werden bereit sein, zu sterben, wir werden unsere Familien im Stich lassen, wir werden uns von unseren Kindern verabschieden. Das ist mein letzter Appell an die Knesset, die Shoah vom jüdischen Volk abzuwenden.“ Wohlgemerkt, Begin sprach nicht von einem zukünftigen Krieg, sondern von einem Wiedergutmachungsabkommen, welches Entschädigungszahlungen für Holocaustopfer vorsah und insgesamt 3,45 Milliarden Mark Eingliederungshilfe für aus Europa vertriebene Juden bereitstellte.

Es war jedoch nicht Begin, der auf die Idee mit den Briefbomben gekommen war, sondern Sudit selbst, der während der Zeit des britischen Mandats im Untergrund gegen die Briten gekämpft hatte. Sudit hatte sich als Spezialist für Bomben und Sprengstoff einen Namen gemacht und war von den Briten zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Er will aus eigener Initiative mit der Anschlagsidee an Begin herangetreten sein. Der habe ihn dann mit den zwei Knessetabgeordneten Jochanan Bader und Chaim Landau zusammengebracht und mit Abba Scherzer, der vorher einmal den Aufklärungsdienst der Etzel geleitet hatte. Gemeinsam bildeten sie das Organisationskomitee der Gruppe, wie Sietz schreibt. Sie sollen sowohl die Bombe an Adenauer beschlossen haben als auch die an die deutsche Delegation bei den Wiedergutmachungsverhandlungen. Sudit sollte die operative Planung übernehmen, während die Knessetabgeordneten für die Unterstützung etwa in Frankreich sorgten, wo das Attentat vorbereitet wurde.

So weit waren damals auch die Ermittler in Deutschland gekommen, schließlich hatten sie in den Bombenresten französische Batterien und Lötzinn ausgemacht. Der ermittelnde Kriminalrat Josef Ochs hielt die Bombe für die Arbeit von Profis, nicht von Dilettanten. Dem „Spiegel“ sagte er, es seien „bemerkenswert intelligente Burschen“ gewesen, die die Bombe an Adenauer im Band L–Z eines Brockhauslexikons versteckt hatten. Allerdings weigerten sich die deutschen Behörden damals, eine Verbindung mit den Briefbomben an die deutsche Delegation bei den Wiedergutmachungsverhandlungen mit Israel zu ziehen. Offenbar wollte Adenauer, der ohnehin mit Widerstand in der eigenen Partei zu kämpfen hatte, die Verhandlungen nicht weiter belasten.

Ganz so professionell wie Kriminalrat Ochs glaubte, waren die Täter aber doch nicht vorgegangen, was vor allem am Geldmangel lag. Begin soll Sudit einmal 1000 Dollar beschafft haben. Ein anderes mal habe der Cherut-Chef gar angeboten, seine mit einer Widmung versehene Golduhr zu verkaufen, was die Männer um Sudit aber nicht annehmen wollten. Am fehlenden Geld lag es auch, dass die Männer nach den Anschlägen nicht rechtzeitig aus Frankreich verschwinden konnten und ins Visier der französischen Polizei gerieten. Allerdings scheint sich auch Menachem Begin keine Illusionen gemacht zu haben über die Erfolgsaussichten des Anschlags. „Er war sogar zu einer symbolischen Tat bereit, die unseren Zorn ausdrücken sollte, auch wenn wir nicht imstande sein sollten, das Abkommen zu verhindern“, schreibt Elieser Sudit. Wie der Journalist Henning Sietz meint, sei allen Beteiligten klar gewesen, dass die Postsendungen ihr Ziel nicht erreichen würden. Die Attentäter wollten „das Gewissen der Welt aufrütteln“.

Im vergangenen Jahr haben Israel und Deutschland 40 Jahre diplomatische Beziehungen gefeiert. Angesichts der enormen Schwierigkeiten, die auch im Attentatsversuch auf Adenauer aufscheinen, scheint es fast an ein Wunder zu grenzen, dass Deutschland nach den USA heute der wichtigste Partner Israels in der Welt ist. Die erste Annäherung, das Wiedergutmachungsabkommen, ist vor allem dem Pragmatismus zweier epochaler Politiker zu verdanken. Staatsgründer Ben-Gurion wollte Israels Zukunft in einem feindseligen Umfeld mit Hilfe der deutschen Unterstützung sichern, Adenauer glaubte, nur mit moralisch-finanzieller Hilfe an das jüdische Volk Deutschlands Weg zurück in die Völkergemeinschaft ebnen zu können. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn Elieser Sudits Behauptungen damals schon publik geworden wären. Man mag sich auch nicht vorstellen, was sich Helmut Schmidt und Menachem Begin an den Kopf geworfen hätten, wenn sie zu ihrer Regierungszeit ruchbar geworden wären. Beide waren einander auch ohnedies in herzlicher Abneigung verbunden.

Sudit hat mit der Veröffentlichung seinen Erinnerungen gewartet, bis sein Etzel-Kommandant und Regierungschef Menachem Begin gestorben war. Er selbst hat es gegenüber dem FAZ-Korrespondenten in Israel abgelehnt, mit deutschen Journalisten zu reden. Da ist sich einer über mehr als 50 Jahre treu geblieben.

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