Zeitung Heute : Das Pfarrhaus des 21. Jahrhunderts

Liebeskummer, Einsamkeit, Psycho-Stress: Das Fest der Familie kann Albtraum sein. Ein Job für Internet-Seelsorger

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Frau Bobert, im Internet erleben psychosoziale Angebote von so genannten ETherapeuten, Selbsthilfegruppen und Seelsorgern einen enormen Aufschwung. Erwarten Sie zur Weihnachtszeit einen Ansturm der Lebensmüden auf das Netz?

Weihnachten ist eine schreckliche Zeit vor allem für Menschen, denen es ohnehin nicht gut geht, die eine Trennung hinter sich oder einen Todesfall zu betrauern haben. Das Fest der Familie stellt Alleinstehende vor große Probleme. Vor allem in den Chaträumen wird viel los sein. Probleme sehe ich für die Beratungsstellen im Bereich der E-Mail-Kontakte. Viele Mitarbeiter sind schon jetzt ausgebucht.

Im Gegensatz zur persönlichen Begegnung in der Psychotherapie fehlt im Netz ein lebendiger Mensch als Gegenüber. Warum ist Internet-Seelsorge überhaupt notwendig?

Vom Grundsatz her ist das Netz natürlich kalt, nüchtern. Internet-Seelsorge versteht sich als Erstkontakt. Viele Leute mit seelischen Problemen neigen dazu, sich zu isolieren, menschenscheu zu werden. Für solche Menschen gibt es im Web die Möglichkeit, eine Weile unerkannt zuzugucken, sich Chatprotokolle durchzulesen oder in Foren nach Menschen zu suchen, die ähnliche Probleme haben.

…aber die Anonymität…

Die positive Kehrseite der Anonymität besteht in der Senkung der Kontaktschwelle, die es bei Telefonkontakten noch gibt. Im Netz gibt es keine Verunsicherung durch körperlich sichtbares Feedback. Man kann sich jederzeit wieder ausloggen, wenn es einem zu viel wird. Kurz: Man kann sein Tempo selbst bestimmen. Für Leute vom Land ist es oft wichtig, überhaupt einen Experten zu finden.

Mit welchen Anliegen wenden sich die User an die Internet-Seelsorger?

Die häufigsten Probleme sind Störungen in der Partnerschaft, Einsamkeit. Bei Teenagern ist es Liebeskummer. 60 Prozent der Ratsuchenden sind unter 30 Jahre alt. Meist geht es nicht um die Lösung komplexer Störungen. Viele wollen einfach nur, dass ihnen jemand zuhört und sich Zeit nimmt. Natürlich gibt es auch ernste Fälle, schwere psychische Störungen wie Schizophrenie oder Angststörungen, die von den Seelsorgern dann an ausgebildete Psychologen weiter vermittelt werden.

Wie hoch ist die Nachfrage nach webgestützter Krisenhilfe?

Die Nachfrage wächst stetig. Bei der Telefonseelsorge der beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland (www.telefonseelsorge.org) soll es 1999 im Netz 2500 Beratungsanfragen gegeben haben. 2001 waren es schon über 11000 Anfragen per E-Mail. Außerdem wurde im Jahr 2002 allein die Startseite des größten deutschen Seelsorge-Anbieters, dem Kummernetz, mehr als 850 000 Mal aufgerufen.

Welche seriösen Angebote gibt es?

Da ist vor allem das Kummernetz. Es gibt ein öffentliches Forum, eine Art Pinnwand, jeder hilft jedem. Es gibt die Möglichkeit zur E-Mail-Seelsorge mit Theologen oder Psychologen. Neben dem frei zugänglichen Chatraum wird Chat-Seelsorge angeboten.

Wie funktioniert die?

Nach der Vereinbarung eines Gesprächstermins können die Ratsuchenden mit einem Berater ihrer Wahl in einen Passwort geschützten Zweierkontakt gehen. Die Smalltalkphase ist im Gegensatz zum Telefonkontakt sehr kurz. Außerdem gibt es hier – anders als bei der Telefonseelsorge – das Problem der Dauerabhängigkeit nicht, wo Leute öfters anrufen und den Pfarrer als Kuscheltier missbrauchen.

Es gibt Menschen, die Probleme mit der Kirche haben. Welche Alternativen zur christlichen Seelsorge gibt es?

Zum Beispiel www.das-beratungsnetz.de. Das ist eine Art Lebenshilfe-Portal, bei dem rund 100 Einrichtungen mitarbeiten und ihre auf spezielle Problemstellungen wie Missbrauch oder Essstörungen bezogenen Dienste unter einem gemeinsamen Dach offerieren. Außerdem gibt es Schulungen, in denen die Seelsorger mit den Besonderheiten des Mediums vertraut gemacht werden. Der Grundgedanke des Internet, nämlich Vernetzung, ist beim Beratungsnetz am besten verwirklicht.

Trotzdem bauen derzeit immer mehr Landeskirchen ihre eigenen Angebote auf.

Auch die Kirchen haben inzwischen erkannt, dass das Internet etwas ist, mit dem man sich als modern erweisen kann.

Was waren die Motive der Kirche für den Gang ins WWW?

Die Gottesdienste werden immer spärlicher besucht. Nur im Bereich der Lebenshilfe hat die Kirche keine Akzeptanzprobleme. Kostenlose Anlaufstellen für Krisenhilfe sind gefragter denn je. Der Theologe Martin Weimer hat einmal gesagt, die Telefonseelsorge sei das Pfarrhaus des 20. Jahrhunderts, ein offener Raum. So gesehen ist das Internet das Pfarrhaus des 21. Jahrhunderts.

Das Interview führte Andreas Kaiser

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