Zeitung Heute : Das Pflaster zum Sehen

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Wie man schwache Augen stark macht

Hartmut Wewetzer

Sehen ist Nervensache. Und das nicht nur deshalb, weil die Augen anatomisch gesehen Ausstülpungen des Gehirns sind. Sie dienen nur dazu, die Informationen aus der Umwelt zu sammeln. Erst das Gehirn konstruiert aus den Sinnenreizen ein Bild, oder besser: einen fortlaufenden Film, farbig und in 3-D. Allerdings kommen wir nicht mit einem perfekten Sehapparat auf die Welt. Das Denkorgan muss nach und nach lernen, die Impulse aus den Augen zu verarbeiten. Dabei liefern sich diese einen regelrechten Streit um die Vorherrschaft. Sie konkurrieren um die Aufmerksamkeit der Sehrinde des Gehirns. Ist ein Auge leicht gestört, etwa durch geringfügiges Schielen, dann kann es sein, dass das Gehirn seine Impulse unterdrückt, um so Doppelbilder zu vermeiden. Das Ergebnis ist „Schwachsichtigkeit“, ein etwas irreführender Ausdruck, weil das schwache Auge meist fast völlig intakt ist.

Schwachsichtigkeit, medizinisch Amblyopie genannt, ist der häufigste Grund für einäugige Sehbehinderung. Zwei bis drei von 100 Kindern sind betroffen. Behandelt wird nach dem Prinzip: das schwache Auge stark machen. Dazu wird das dominante, bessere Auge zugeklebt oder mit Hilfe von Augentropfen am Scharfsehen gehindert. Je größer der Unterschied in der Sehstärke, umso länger muss die Behandlung sein. Auf diese Weise kommt das unterlegene Auge wieder ins Spiel. Das Pflaster auf dem Auge sieht zwar nicht gerade toll aus – aber es kann fürs ganze Leben helfen.

„Wenn die Behandlung frühzeitig und konsequent erfolgt, dann hilft sie zu 90 Prozent“, sagt Ebba Schwarz, Augenärztin am Berliner Universitätsklinikum Charité. Die Spezialistin spricht aus Erfahrung. Denn vielen Kindern und ihren Eltern fällt es schwer, die Therapie durchzuhalten. Inzwischen gibt es bunte Pflaster und Abdeckkappen, die auf eine Brille montiert werden können. So wird das Handicap erträglicher.

Je früher die Behandlung erfolgt, desto besser. Denn mit zunehmender Reifung des Gehirns ist es schwieriger, der einmal eingetretenen Sehschwäche gegenzusteuern. Vom siebten Lebensjahr an ist die Korrektur bereits viel weniger erfolgversprechend. Das ist umso bedenklicher, weil die Amblyopie dazu führen kann, dass das Kind praktisch einäugig wird. Ein dramatischer Sehverlust, der sich oft im Stillen vollzieht, ohne dass die Erwachsenen etwas bemerken.

Die Augenärzte setzen deshalb auf Früherkennung und auf Reihenuntersuchungen. Schon im sechsten Lebensmonat lässt sich Schwachsichtigkeit feststellen. „Leider werden längst nicht alle Sehschwächen bei den Vorsorgeuntersuchungen der Kinderärzte erkannt“, klagt die Charité-Augenärztin Schwarz. „Und selbst wenn die Störung erkannt wird, heißt das noch lange nicht, dass sie auch behandelt wird.“ Ebba Schwarz plädiert deshalb dafür, dass alle Kinder bis zum zweiten Lebensjahr vom Augenarzt untersucht werden sollten. Allerdings zahlen die Krankenkassen diese Untersuchung meist nicht.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: Sonntag@Tagesspiegel.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!