Zeitung Heute : Das Phantom des Bösen

Frank Jansen

Der Jordanier Abu Mussab al Sarkawi, der als ebenso gefährlich gilt wie Osama bin Laden, hat einen Mega-Anschlag angekündigt. Was wären die besonders gefährdeten Orte, wenn er seine Drohung wahr machte?

Er hat nicht mit einem Inferno gedroht, er hat es angekündigt. Der jordanische Terroristenanführer Abu Mussab al Sarkawi sprach, wie am Montag berichtet, im Irak gegenüber einem kurdischen Gefolgsmann von einem Mega-Anschlag, der den Angriff vom 11. September 2001 noch übertreffen werde. Der inzwischen verhaftete und an einem geheimen Ort festgehaltene Kurde hat über dieses Gespräch berichtet, auch einem Korrespondenten des Tagesspiegel. Sarkawi soll gesagt haben, „die Welt wird mehr darüber reden als über den 11. September“. Deutsche Sicherheitsexperten fühlen sich bestätigt: Alle westlichen Geheimdienste bescheinigten dem Irakstatthalter Al Qaidas einen mörderischen Ehrgeiz, sagt ein Fachmann.

Die im Irak verübten Anschläge, Geiselnahmen und per Video aufgezeichneten Enthauptungen genügten al Sarkawi nicht, glaubt der Experte. Der Jordanier wolle, dass sein Name genauso mit einem Mega-Anschlag in Verbindung gebracht wird, wie Osama bin Laden mit dem 11. September. Sarkawi plane, den Al-Qaida-Chef sogar zu übertreffen.

Ein mögliches Ziel ist Deutschland. Hier hat es Sarkawi schon einmal versucht. Im April 2002 hob das Bundeskriminalamt in Nordrhein-Westfalen eine Zelle der von dem Jordanier militärisch geführten terroristischen Vereinigung Al Tawhid aus. Die Anhänger Sarkawis wollten mit Handgranaten und Schusswaffen jüdische Einrichtungen attackieren.

Neben Europa, Israel und den von Sarkawi im Irak bekämpften USA sind auch arabische Länder bedroht, vor allem Jordanien. Sarkawi hasst das Königsregime seiner Heimat. Im April 2004 stellte die jordanische Polizei 20 Tonnen Chemikalien sicher und nahm Sarkawi-Anhänger fest. „Das war schon der Versuch eines Mega-Anschlags“, sagt ein Experte.

Auch zur Jahrtausendwende hatte Sarkawis Gruppe zuschlagen wollen. Eine Serie von „Millenniumsattentaten“ auf amerikanische und insbesondere jüdische Touristen in Jordanien wurde knapp verhindert. Etwa fünf Jahre hatten Sarkawis Leute die Anschläge geplant. Angesichts dieser Ausdauer fragen sich Experten, ob der Jordanier womöglich schon längere Zeit einen großen Anschlag vorbereitet.

Wenn der fanatisch ehrgeizige Sarkawi eine monströse Tat ankündigt, scheint kein Angriff gemeint zu sein, den Osama bin Laden oder sein Stellvertreter Aiman al Sawahiri in ihren Verstecken an der afghanisch-pakistanische Grenze mitplanen. Doch die Sorgen der Sicherheitsexperten nähmen keinesfalls ab, sollte Sarkawi trotz seiner Allianz mit Al Qaida auf eigene Faust einen großen Schlag inszenieren wollen. Die Fachleute wissen, dass ihm jedes Mittel recht ist. Als Sarkawi Ende der 90er Jahre in Afghanistan ein eigenes Terrorcamp leitete, wurde dort mit Giftstoffen experimentiert.

Um seinen Verfolgern zu entgehen, geht Sarkawi außerordentlich trickreich vor. Geheimdienste beobachten, dass sich seine Leute in Europa reichlich Kosmetika besorgen, die sonst nur in der Filmbranche verwendet werden. Dort dienen sie dazu, Gesichter optisch zu verändern. Sie ergeben eine Art falsche Haut. So sei zu erklären, sagt ein Experte, dass sich Sarkawi im Irak trotz intensiver Fahndung mit verschiedenen Fotos frei bewegen kann – „fast wie ein Phantom“.

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