Zeitung Heute : Das politische Dekolleté

Von Harald Martenstein

Seit Jahrzehnten werden in Deutschland große Debatten immer nur zu Nazithemen oder zum Thema „die Achtundsechziger“ geführt. Deswegen ist es großartig, dass in den vergangenen Tagen eine Debatte über das Dekolleté von Angela Merkel geführt wurde, dies ist als Abwechslung und kulturelle Innovation voll und ganz zu begrüßen und soll bitte nicht so schnell zu Ende sein. Margarethe Schreinemakers erklärt: „Frau Merkel hat viel mehr Gesichter als gedacht.“ Jürgen Drews hebt hervor: „Sie ist voll erblüht.“ Wolfgang Bosbach, CDU, ergänzend zum gleichen Thema: „Sie ist sehr pfiffig.“

Angela Merkel selbst sagt: „Bei einem Mann wären die Diskussionen nicht so.“ Das stimmt nicht. Über den männlichen Politikerkörper und seine Inszenierung wird seit Jahrzehnten geredet, ob es nun Reichspräsident Ebert in der Badehose ist, ob es Gerhard Schröders Haare sind, Joschka Fischers Bauch, Berlusconis Frisurverpflanzung, Putins Muskelpakete oder die wegretuschierten Speckröllchen von Nicolas Sarkozy. Das Merkeldekolleté hat zweifellos eine politische Bedeutung, weil mächtige Frauen ihr Frausein in der Vergangenheit eher hinter möglichst neutraler Garderobe zu verstecken suchten. Macht gilt bei Männern als sexy, bei den Frauen wusste die Öffentlichkeit es nicht so genau. Die herrschende Meinung lautete bisher, dass mächtige Frauen, die zusätzlich auch noch die Karte Attraktivität ausspielen, in ihrer mehrheitlich männlichen Umgebung zusätzliche Abstoßungsreaktionen hervorrufen, es sei besser, sich zu tarnen. Das Dekolleté zeigt also, neben dem, was es auf den ersten Blick zeigt, auch ein verändertes Kräfteverhältnis, es gibt allmählich immer mehr mächtige Frauen, der Anpassungsdruck an die Männerwelt wird geringer, sie können es lockerer angehen. Der mächtige Mann hat als Uniform den Anzug, für die mächtige Frau gibt es noch keine verbindlichen Codes, da sind Gestaltungsräume. Der Hosenanzug wird schon nicht das letzte Wort der Geschichte sein.

Erstaunlich ist nur, dass ausgerechnet Angela Merkel, die sich selbst als vorsichtig beschreibt, an ausgerechnet dieser Stelle auf einmal Mut zeigt. Sie operiert sonst meistens aus der sicheren Deckung heraus, sie wartet ab, sie riskiert wenig. Es gibt da eine Parallele zu den ersten Jahren von Gerhard Schröder, man wusste lange nicht, was Schröder eigentlich will, er stand hauptsächlich dafür, dass die Achtundsechziger-Generation endlich am Ziel ist. Er hatte zwar einen neuen Stil, er inszenierte seine Macht auf eine Art, die das Publikum interessant fand, außerdem wirkte er nett, die Probleme aber hat er vor sich hergeschoben. Das Dekolleté ist jetzt sozusagen der Brioni-Mantel von Angela Merkel. Frau zu sein ist aber auf die Dauer auch keine Lösung.

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