Zeitung Heute : Das Porsche-Proletariat

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Von Josef-Otto Freudenreich, Stuttgart

Jürgen Stamm hat ein Problem. Es gibt keine gelben Regenjacken mehr. 8000 Stück hätte er gebraucht. „Wir wollten wenigstens auf dieser Ebene die Konjunktur ankurbeln“, sagt der Stuttgarter Bevollmächtigte der IG Metall (IGM) und grinst, „aber wir haben sie nirgendwo gekriegt.“ Das ist schlecht für ihn, weil es im Schwäbischen regnet, ohne Aussicht auf Besserung. Und dann gucken die Porsche-Malocher morgens aus dem Fenster und bleiben womöglich im Bett, anstatt IGM-Boss Klaus Zwickel zuzuhören, der heute vor dem Zuffenhausener Werkstor wahr machen will, was er allerorten angekündigt hat: „Wir streiken da, wo es richtig wehtut.“

Immerhin – auf dem Kopf werden sie nicht nass. Es gibt Helme. Dafür hat Sanne gesorgt, die Seele der Stuttgarter Verwaltungsstelle. Jeder, der ein Flugblatt, einen Bleistift oder eine Telefonnummer will, ruft nach der Sanne, die korrekt Susanne Thomas heißt. Die 29-jährige Jugendsekretärin hat den Heizungskeller ihrer Gewerkschaft geräumt, wo 18 Jahre lang die roten Helme geschlummert haben. Unter millimeterdickem Staub und dick überzogen mit Spinnweben. Der letzte Streik in Baden-Württemberg war 1984, seitdem hat diesen Raum niemand mehr betreten. Sanne hat sie alle poliert für die Kollegen von Porsche und Daimler. An den roten Helmen erkennt man die harte Truppe.

Die Urabstimmung haben sie auch sauber hingelegt. 90,04 Prozent für den Streik, darüber hat sich keiner gewundert, weil sie gut vorbereitet war. Zum Beispiel von Stadtbezirkssekretär Benno Eberl, der den Gewerkschaftern genau erklärt hat, wie man das anstellt mit dem Gang zur Urne. „Net z’ammscheißen, die Kollegen“, hat der Bayer gemahnt, „mit Argumenten g’winnen, damit sie ihr Kreuzl an der richtigen Stelle machen.“ Und die „Feiglinge“ könnten im Betriebsratszimmer abstimmen. Völlig incognito.

Hat alles prima geklappt, zumal die Hasenfüße derzeit eher selten sind. „Die Jungs“, so polterte ein Eberl-Schüler, „haben den Kanal bis zum Anschlag voll. Da wackelt keiner.“ Er schafft bei der Dürr AG, dem Technologiekonzern des früheren Bahnchefs Heinz Dürr.

Der Frontmann der baden-württembergischen Metaller, Berthold Huber, staunt am wenigsten. Der 52-jährige Ulmer hat so ziemlich alles erlebt, was man überleben muss, bis man zum Bezirksleiter, also zum Boss der Elitetruppe unter den Metallern, taugt. Mit 27 war er Betriebsratsvorsitzender bei Kässbohrer, mit 32 besetzte er die Nachbarfirma Videocolor, um sie (erfolglos) vor der Schließung zu bewahren, mit 40 ging er in die darniedersinkende DDR, um dort die Organisation aufzubauen. Später wurde er von Franz Steinkühler gequält, der einen Schreianfall bekommen konnte, wenn sein Adlatus um acht Uhr nicht auf der Matte stand. Huber, der noch ein Philosophie- und Politikstudium dazwischen geschoben hatte, dementiert, dass er wegen seiner Arbeitswut und Rastlosigkeit abgemagert sei. Ein Hemd sei er schon immer gewesen (68 Kilo bei fast ein Meter achtzig), sagt er. Und zäh.

Nur die dunklen Schatten unter den Augen, der melancholische Blick, das war nicht immer so. Auf alten Bildern kann man ihn sogar lachen sehen. Er würde es gerne zurückholen, gesteht er, weil es ihm eigentlich widerstrebe, auszusehen, als trage er die Last der Welt auf seinen schmalen Schultern. Aber er kriegt es nicht hin, auch wenn ihn sein Sprecher Frank Stroh vor jedem TV-Auftritt auffordert: „Berthold lääääächeln“. Dieser Mensch leidet einfach. Unter den Verhältnissen, grob gesprochen.

Kammertöne statt Trillerpfeifen

Otmar Zwiebelhofer geht es verhältnismäßig gut. Der 67-jährige Gaggenauer ist Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall und damit Hubers Gegenspieler. Ihm gehört die Firma König Metall, die 280 Mitarbeiter hat und knapp 50 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet. Schlecht geht es ihm nur, wenn die Metaller mit ihren Trillerpfeifen und „Kostümen“ in den Verhandlungsraum stürmen. Das ist verständlich, weil der freundliche Herr leidenschaftlicher Cellospieler ist, der sogar schon im Radio gesendet wurde. Um so mehr hat er sich gefreut, als jüngst eine junge rumänische Cellistin aufgetreten ist. „Mich laust der Affe“, hat er bei sich gedacht, als Huber die Arme ausgebreitet hat, die Pfeifen verstummt sind, und die Musikerin eine Sonate von Ligeti gespielt hat. Acht Minuten lang. Das sei eine „tolle Idee“ gewesen, erzählt Zwiebelhofer, der solche Kammertöne gerne öfters hätte.

Hat er aber nicht, weil die Verhältnisse nicht harmonisch sind. Erwartbarer ist, dass der Chefmetaller eine Zeitung aus der Tasche zieht und referiert, was die Manager verdienen: Breuer (Deutsche Bank) 12 Millionen Euro; Schrempp (Daimler-Chrysler) 6,2; Wiedeking (Porsche) 6,0 und so weiter. Dem silberhaarigen Kapitalvertreter Zwiebelhofer gefällt das nicht. Zum einen, weil er diese „exorbitanten Gehälter nicht verstehen kann“, zum andern, weil sie „mit unserer Realität nichts zu tun haben“. Mit seiner Wirklichkeit meint er den Tarifstreit, der zum Streik geworden ist. Warum?

Tage und Nächte haben sie verhandelt, wobei man es sich nicht so vorstellen darf, dass Zwiebelhofer immer das Täfelchen 3,3 und Huber jenes mit 6,5 Prozent hochgehalten hat. Die Materie ist komplizierter. Da ist zunächst die Arbeitgeberseite, die keineswegs ein monolithischer Block ist. Wenn Porsche-Wiedeking seinem Unterhändler in der Südwestmetallkommission, dem Vorstandskollegen Harro Harmel, sagt: „Zieh’ das durch, ich brauche Autos“, dann signalisiert er nur, dass ihn die „Vier“ nicht umbringt, und er richtig ahnt, dass bei ihm die Räder als Erstes stillstehen. Dasselbe gilt für die anderen Großen, Daimler und Bosch. Was aber ist mit den Mittelständlern, die 90 Prozent von Südwestmetall stellen? Was ist mit den Kleinunternehmen auf der Alb?

Zwiebelhofer stöhnt, er könne den n Porsche nicht mehr hören, auch wenn er gern einen fahre. „Hier oben steht mir das Argument“, sagt er und hebt die Hand bis zur Nasenspitze. Er wolle einen Flächentarifvertrag und keinen Porscheabschluss. Er ist so frei zu bekennen, dass ihm das in den eigenen Reihen Probleme bereitet.

Der Moralist und der Musiker

Wie Berthold Huber. Die Zuffenhausener Autobauer wollten mit einer zweistelligen Forderung in die Tarifgespräche einsteigen, der mächtige Daimler-Betriebsratschef Erich Klemm wäre bei unter „Vier“ ausgestiegen, und alle anderen halten ihrem Bezirksleiter die zwei Prozent der vergangenen beiden Jahre vor, die selbst Zwiebelhofer für „nicht üppig“ und Huber für ein Versagen der Gewerkschaft hält. Damals hat Nordrhein-Westfalen verhandelt, und nicht die schwäbische Truppe. „Es war ein Fehler, nach Düsseldorf zu gehen“, gesteht Huber. In solchen Augenblicken wandert er im Zimmer auf und ab, eine Marlboro nach der anderen qualmend. Er weiß um die Begehrlichkeiten, die solche Niedrigabschlüsse auf der Kapitalseite wecken, und um den Zorn, den sie bei seinen Mitgliedern auslösen. Und er will auch mal Nachfolger von Kurt Zwickel werden.

Zu Tausenden sind sie in den vergangenen Tagen durch die Straßen gezogen. Echt sauer, wie der 59-jährige Monteur Helmut Wronka, der vergangene Woche zum letzten Mal in seine Firma LTG gegangen ist, die ihre lufttechnischen Systeme bis nach Moskau ins Bolschoi-Theater verschickt. Die Geschäftsleitung hat ihm mitgeteilt, dass sie 40 Mitarbeiter entlassen müsse. Er und 39 andere in seinem Alter haben eingewilligt auszuscheiden, damit die Jungen bleiben können. Die Familie des Firmeninhabers, erzählt er, gehöre zu den reichsten der Stadt.

Natürlich skandiert Wronka die „6,5“ mit und schüttelt nur den Kopf über den Kollegen, der vor die „6,5“ eine Eins gemalt hat. Die Ziffer ist eine trotzige Chiffre für ein Lebensgefühl, das mit dem Begriff des Verlierers nur unzureichend beschrieben ist. Er habe das zerstörte Stuttgart doch auch mit aufgebaut, sagt der gelernte Werkzeugmacher, zahle seine Steuern, im Gegensatz zu dem „Raffzahn“ Mayer-Vorfelder. Für die Krankenkasse habe er 500 Euro aufzubringen, entrichte aber zusätzlich noch 38, wenn er die Medikamente für seine kranke Frau in der Apotheke hole. Für die Zähne hat er bis jetzt noch eine Beihilfe aus der Betriebsstiftung erhalten, die der Vater des Chefs eingerichtet hat. Seine bittere Bemerkung, es gebe keinen „gerechten Gott“, mag theologisch nicht haltbar sein, kennzeichnet aber die Lebensbilanz, immer zu kurz gekommen zu sein.

Der Katholik Huber ist weltlicher. „Der Typus Leibinger stirbt aus“, sagt er und meint damit den Patriarchen der Ditzinger Maschinenfabrik Trumpf, der als ehemaliger Berater Helmut Kohls für die soziale Marktwirtschaft gestritten hat. In der Welt des Shareholdervalue, in der nur noch der Profit des Aktionärs gelte, entwickelten viele Unternehmer einen „falschen Blick auf den Menschen“, sagt Huber. Zwiebelhofer zählt er im Übrigen nicht dazu. Der Badener begreift die Kollegen nicht, die Millionen in Bildern anlegen. Er stattet lieber junge Streicher mit Celli aus.

Man könnte also annehmen, dass sich die beiden Verhandlungsführer, der Moralist und der Musiker, doch einigen können müssten. Doch das ist leichter gesagt als getan. Die Zeiten, in denen die Herren Bleicher und Schleyer, Steinkühler und Stihl, Riester und Hundt, auf ihren Waldspaziergängen zu Potte gekommen sind, sind Vergangenheit. Heute sitzt der Dachverband mit am Tisch und diktiert Zwiebelhofer die Preise.

Er tut es in Gestalt von Ulrich Brocker, des Hauptgeschäftsführers von Südwestmetall. Der 59-jährige Jurist ist ein ausgebuffter Tarifexperte, der sein Handwerk seit 1974 ausübt. Zuerst zehn Jahre lang bei Gesamtmetall, dann in der Keramikindustrie und seit 1996 in Stuttgart, wo er etwas steuert, was nicht Zwiebelhofers Primärpassion ist: die Rechenmaschine. Sein letztes Wort ist „3,3“ und damit basta. Bei ihm lösen die Trillerpfeifen „null Bewegung“ aus, die Managergehälter lediglich den Reflex, dass dies eine Frage des Marktes ist.

Berthold Huber wiederum hat Jürgen Stamm im Kreuz. Der Alt-68er, Ex-SDSler und Marx-Kenner macht keinen Hehl daraus, dass er sich gerne einen Bezirksleiter backen würde. Eine „Symbiose aus dem Kopf von Huber und dem Arsch von Jürgen Peters“. Sprich die Verknüpfung von Strategie und Muskeln, mit denen der Frankfurter IGM-Vize gerne spielt. Stamm ist einer, der am Verhandlungstisch sitzt, im Glauben, dass er die andere Seite mit Worten nicht überzeugen kann. Letztlich laufe es immer auf das gleiche Ungleiche hinaus: den Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit.

Einer wie Stamm hört dann auch die Nachtigallen trapsen, wenn er mitbekommt, dass Zwickel und Huber am Wochenende beim Kanzler waren. Wurde da etwa ein weicher Kurs ausbaldowert? Acht Tage lang ein Streikle und dann wieder für den Aufschwung klotzen? Stamm ist misstrauisch. „Wenn sie uns an die Wäsche gehen“, warnt er, „werden die Kollegen richtig böse.“ Zumal sie keine Regenjacken haben.

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