Zeitung Heute : Das Praktikum als Enttäuschung

Der Tagesspiegel

Von Helene Renger

Zu Recht gelten Praktika als das Ah und Oh für den Berufseinstieg. Das trifft besonders für die Medien zu: Es gibt kaum einen Redakteur, der nicht als Praktikant angefangen hat. Dass dazu auch Kaffeekochen gehören kann und nur wenig zu verdienen ist, macht nichts: Immerhin bietet das Praktikum eine gute Chance, Kontakt zu einer Redaktion zu knüpfen und unter Aufsicht erste Schritte im Journalismus zu wagen.

Manchmal kann das Praktikum in den Medien aber auch zu einer Enttäuschung werden: etwa, wenn kein Redakteur Zeit für die Ausbildung der Einsteiger findet. Oder, wenn die Praktikanten bereits gute journalistische Erfahrungen mitbringen und sich wünschen, auch eigene Beiträge produzieren zu können, sie im Alltag aber nur Hilfsarbeiten leisten. Das trifft besonders für Hochschulabsolventen zu, die schon viele Praktika gemacht haben - in der Hoffnung auf eine feste Stelle. Wegen der schwierigen Lage auf dem Arbeitsmarkt tummeln sich immer mehr solcher Anwärter auf Volontariate und feste freie Mitarbeiterstellen in den Medien, die nicht schnell zum Erfolg kommen. Und manche werden das Gefühl nicht los, dass sie - obschon qualifiziert - als billige Lückenbüßer Redakteursarbeit leisten.

So geht es etwa Andreas mit seinem Praktikum bei einer TV-Produktionsfirma. Der 28jährige Hochschulabsolvent, der sich momentan mit Sozialhilfe über Wasser hält, hat bereits Erfahrungen aus zwei Fernseh- und zahlreichen anderen Praktika. Deshalb kann die von chronischem Personalmangel geplagte Firma auf seine Kenntnisse bauen, und setzt ihn für alle Redakteurstätigkeiten ein - allerdings ohne Konsequenzen für sein berufliches Fortkommen. Weder kümmern sich die überlasteten Redakteure um seine weitere Ausbildung, noch winkt eine Position als „fester Freier“: „Es geht nicht darum, die Leute zu fördern, sondern sie auszubeuten. Man nimmt sich hier Praktikanten, wenn man viel zu tun hat", meint Andreas.

Karl-Heinz Kaschel-Arnold vom Bundesverband der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi schätzt, dass deutschlandweit etwa 10 000 Uniabgänger in privaten Rundfunkfirmen und zunehmend auch in Multi-Media-, PR- und Werbeunternehmen unentgeltlich oder gering bezahlt arbeiten. Zugleich würden aber reguläre Kräfte eingespart. „Der Arbeitsmarkt ist eng, und für viele junge Leute ist es schick, in den Medien zu arbeiten. Also nützen manche Unternehmen die Hoffnungen aus, durch ein Praktikum ins Geschäft zu kommen."

Wille Bartz von Connexx.av, dem eigens für den privaten Medienbereich ins Leben gerufenen Verdi-Projekt, sagt über das Gebahren solcher schwarzer Schafe: „Die Praktikanten werden mit der Aussicht auf Einstellung regelrecht geködert. Doch angesichts der Masse von Praktikanten geht die Rechnung nur für die wenigsten auf." So fänden sich viele Praktikanten schließlich als Teil der „preislichen Unterbietungspolitik“ dieser Unternehmen wieder. Fatalerweise bleibe auch der Lerneffekt oft genug auf der Strecke. Denn die erfahreneren Mitarbeiter interessierten sich nur insoweit für ihre Schützlinge, als diese verwertbare Arbeit abliefern. „Förderung gibt es kaum", sagt Wille Bartz. Die Unternehmen sehen das jedoch anders. Andreas’ Chef betrachtet die Beschäftigung von Praktikanten als „soziale Verpflichtung eines Unternehmens. Die Leute können etwas lernen und sich orientieren." Auf Praktikanten angewiesen sei die Firma - in der auf 13 Redakteure und sieben Volontäre immerhin etwa acht Praktikanten kommen - nicht. Er bestreitet, dass seine Praktikanten bereits besonders qualifiziert seien.

Katja, eine 29jährige Praktikantin in der Firma, widerspricht ihm. Sie hat schon über ein Jahr als freie Reporterin beim MDR-Hörfunk ihr Brot verdient. Sie glaubt, die Leistung einer vollen Arbeitskraft zu bringen und ein wichtiges Mitglied der Redaktion zu sein. Während der zweieinhalb Monate, die ihr Praktikum dauert, wird Katja finanziell von ihren Eltern unterstützt. „Natürlich ist das hier Ausbeutung", findet sie. Wie so viele sieht sie ihr Praktikum aber als Möglichkeit, Kontakte zum Fernsehen zu bekommen: „Ich hoffe, dass ich mich hier irgendwie einfädeln kann." Doch bislang sieht es danach nicht aus: Es herrscht „Einstellungsstopp".

Connexx.av fordert, dass dem „Praktikantenmissbrauch" Einhalt geboten wird. Die Betriebsräte sollten dezidierte Ausbildungspläne für Praktikanten einfordern, sagt Wille Bartz. Angehenden Praktikanten rät er, sich im Vorfeld gründlich nach Ausbildungsqualität und Einstellungschancen zu erkundigen: „Angesichts eines Betriebes, in dem auf 20 reguläre Kräfte acht Praktikanten kommen, sollte ich mir die Frage stellen, ob sich dieses Praktikum wirklich für mich lohnt." So liegt es in der Hand des Praktikanten, im Vorfeld die Bedingungen zu klären. Damit das Praktikum doch noch zum Job führt.

Für einige Privatfunkunternehmen kann Connexx.av Informationen zu Ausbildungsqualität und Karrierechancen liefern: www.connexx.av.de oder Connexx-av, Berlin, Telefon: 030/788 00 944

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