Zeitung Heute : Das pralle Berliner Leben

Allen Sparzwängen zum Trotz präsentiert sich die Opernszene der Stadt üppig und quietschlebendig.

Messerscharf. „Carmen“ von George Bizet in der Inszenierung von Sebastian Baumgarten an der Komischen Oper Berlin. Foto: Iko Freesedrama-berlin.de
Messerscharf. „Carmen“ von George Bizet in der Inszenierung von Sebastian Baumgarten an der Komischen Oper Berlin. Foto: Iko...Foto: Freese/drama-berlin.de

Sieht es so aus, das Ende der Oper, dieser aufwändigsten und teuersten aller Kunstformen? In Peter Eötvös' bitterbösem Einakter „Radames“ von 1975 ist kein Geld mehr da, ein ganzer Verdi ist zusammengeschnurrt auf einen Sänger, der als Countertenor praktischerweise Aida und Radames zugleich singen kann. Nichts ist mehr übrig von dem großen Apparat, der die Gattung sonst am Leben erhält, bis auf gleich drei (!) Regisseure, die dem armen Sänger das Leben zur Hölle machen, bis er tot zusammenbricht. Die Berliner Kammeroper hat das satirische Stück im März im Konzerthaus am Gendarmenmarkt aufgeführt, zusammen mit einem weiteren Werk von Eötvös, und den Doppelabend „Die letzte Oper“ genannt. Jetzt kann man es im Rahmen der „Langen Nacht der Opern und Theater“ wieder sehen (Route 1).

Mit dem Titel „Die letzte Oper“ wollte Kammeroper-Regisseur Kay Kuntze auch die Lage seiner eigenen Truppe kommentieren. Der wurde nämlich nach 30 Jahren die Basisförderung des Berliner Senats entzogen, jetzt kann sie sich nur noch mit Projektmitteln über Wasser halten – mit dem Geld also, das übrig bleibt, wenn sich alle anderen bereits aus dem Berliner Kulturhaushalt bedient haben. Das ewige Thema „Subventionen und ihre gerechte Verteilung“ ist auch dieses Jahr wieder die Folie, vor der sich diese Lange Nacht und ihr reichhaltiges Opernprogramm entfalten. Es erhält zusätzliche Brisanz durch das kürzlich erschienen Buch „Der Kulturinfarkt“, dessen Autoren behaupten, es gäbe in Deutschland zu viel öffentlich geförderte Kultur, für die sich zu wenige Menschen interessieren würden. Tenor: „Die Hälfte reicht auch.“ Zusätzlich hat ein Antrag, den die Piratenpartei mal eben im Berliner Abgeordnetenhaus gestellt hat – 39 Millionen Euro Zuschüsse für die Deutsche Oper zu streichen und stattdessen der freien Szene zugute kommen zu lassen – für Wirbel gesorgt. Ja, es gibt Unmut, die freie Szene merkt, dass sie Erfolg hat und dass viele Besucher auch wegen ihr nach Berlin kommen, dass sie aber von der Stadt nicht in gleichem Maße Anerkennung und Unterstützung zurückerhält. Aber einmal im Jahr, in der Langen Nacht, raufen sich alle zusammen, die Etablierten und die Freien, und zeigen, was sie haben: nämlich ein spannendes und wunderbares Opernangebot.

Geboten werden rund halbstündige Ausschnitte aus dem Repertoire, damit die Besucher möglichst viel an einem Abend sehen können. Zwei der drei großen Häuser sind mit an Bord. Die Komische Oper (Route 1) wirft Auszüge aus „Carmen“ in der Regie von Sebastian Baumgarten in den Ring. Die Staatsoper (Route 5 und 6) zeigt gar keine Inszenierung, sondern verlegt sich ganz auf die Musik. Sänger des Ensembles präsentieren Arien und Duette aus „Zauberflöte“, „La Traviata“, „Candide“ oder der Offenbach-Operette „Orpheus in der Unterwelt“. Mit einem anderen Offenbach-Stück, nämlich „Pariser Leben“, hat die Neuköllner Oper (Route 7) jüngst einen Erfolg gelandet. Kriss Rudolph, der die Texte zu der in „Berliner Leben“ umgetauften Produktion geschrieben hat, scheint jetzt Blut geleckt zu haben. Er überarbeitet bis zum Sommer mit „Ba-Ta-Clan“ eine weitere Offenbach-Operette, Ausschnitte davon präsentiert er mit Co-Autor Andrew Hannan.

Musiktheater kann man heutzutage auch da hören, wo man es nicht unbedingt erwartet. In den vergangenen Jahren haben auch Berlins Sprechtheater ihre Lust und ihr Interesse an Oper entdeckt, und die Lange Nacht ist ein Abbild dieser Entwicklung. Im HAU 1 (Route 4) zeigt Regisseur Daniel Cremer Ausschnitte aus seiner für den 1. Mai geplanten Premiere von Monteverdis „L'Orfeo“. Das Stück gilt als erste Oper der Musikgeschichte überhaupt, es entstand 1607. In der Hauptrolle: Peaches, die sich mit Hilfe von Orfeo auf die Suche nach sich selbst und nach der Oper an sich machen will. Das Solistenensemble Kaleidoskop unter Olof Boman ist Monteverdi-erprobt, es hat das Stück unter anderem schon in den Herrenhauser Gärten in Hannover aufgeführt. Die Schaubühne (Route 5, 6 und 8) zeigt drei Mal Regisseur David Martons gewagten Versuch, aus Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ – dem Inbegriff formal durchkonstruierter absoluter Musik – eine inszenierbare Geschichte zu extrahieren.

Auch die vermeintlich Kleinen sind an diesem Abend ganz groß: Die Hauptstadtoper (Route 3), eine engagierte Off-Spieltruppe um die Sopranistin Kirstin Hasselmann, präsentiert jede Stunde eine andere Arbeit, darunter „Leporellos Wahrheit“, in dem Don Giovannis Diener in Opern Mozarts einführt, oder den Einakter „Witwe Grabin“ von Friedrich von Flotow, dessen Geburtstag sich dieses Jahr zum 200. Mal jährt.

Und was ist mit dem größten Haus überhaupt, der Deutschen Oper? Deren Marketingabteilung war, so heißt es bei den Lange Nacht-Veranstaltern, vergangenes Jahr ziemlich unzufrieden, weil sie wegen einer Vorstellung auf der großen Bühne nur die Werkstatt zur Verfügung stellen konnte. Dieses Jahr bleibt das Haus ganz außen vor.

Ein schlechtes Omen ist das aber nicht, 2013 will man wieder mit dabei sein – allen Plänen und Anträgen der Piratenpartei zum Trotz.

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