Zeitung Heute : Das Prinzip Bratwurst

Sie kommt auf leisen Sohlen, wird lauter, und irgendwann zwischen „Walküre“ und „Siegfried“ ergreift sie endgültig Besitz von den Menschen – so sehr, dass sie am Ende Überlebensstrategien austauschen müssen: die unaufhaltsame Verwagnerung. Wie ein Neu-Bayreuther 16 Stunden „Ring“ übersteht

Wolfgang Prosinger[Bayreuth]

Es gibt Drogen, die wie der Blitz einschlagen. Den Körper in jähen Aufruhr versetzen und die Sinne auch. Es gibt Drogen, die wirken langsam. Schleichen sich an. Ergreifen zögernd Besitz, fast unbemerkt. Und sind dann plötzlich da, schlagen zu, wie aus dem Hinterhalt. Tigerpranke. Die zweite Art von Drogen ist die gemeinere.

Bayreuther Festspiele, Sommer 2008, 32 Grad Celsius. Richard Wagners „Ring des Nibelungen“, vier Opern, zwei Ruhetage, knapp 16 Stunden Musik, mit Pausen 22. Eintauchen in jene Mord- und Totschlagsgeschichten aus frühgermanischen Götter-, Zwergen- und Heldenwelten, ins Zauberreich der splitternden Schwerter und Speere, der funkelnden Waldhörner und weinenden Bratschen.

Wohlmeinende hatten gewarnt. Ein verschlingender Schlund, ein Sog wie in düsteren Wassern, unberechenbare Strudel, voll rauschhafter Gefahren. Eine Droge eben.

Es beginnt auf leisen Sohlen. Brummt still und dumpf aus unsichtbaren Orchestertiefen, Es-Dur, „Rheingold“, eine leichte Aufwärmübung, zweieinhalb Stunden nur, und von Drogenrausch selbstredend keine Spur. Höchstens kleine Irritationen in der Rückenmuskulatur, die berüchtigten hölzernen Spartanersitze von Bayreuth. Es ist noch gar nicht lange her, da haben wenigstens die Sitzflächen eine Cordbespannung bekommen, aber die Rückenlehnen sind nach wie vor kahl und hart wie der Stamm der Weltesche, aus dem Wotans Speer geschnitzt ist. Dennoch, zweieinhalb Stunden „Rheingold“, ein Kinderspiel, da lacht der Wagnerianer. Es kommen härtere Zeiten.

Der Rausch ist fern, und das liegt wahrscheinlich auch daran, dass der Neu-Bayreuther, endlich angekommen auf dem mythischen Berg, dem Grünen Hügel, eine kleine Ernüchterung erfährt. Das sagen- und skandalumwobene Festspielhaus ist tatsächlich nicht mehr als jener nüchterne Zweckbau, wie er von Wagner gewünscht wurde, eine hohe Scheune, nichts möge ablenken vom Hochgenuss der Musik.

Auch die nähere Umgebung führt zunächst nicht zu Ekstasen. Eher kommen Erinnerungen auf an Lourdes, an Altötting, Wallfahrtsorte, und so einer ist ja zweifellos auch hier. Verkaufsbuden für Wagner-Devotionalien, Bücher, Platten, Poster, T-Shirts, Regenschirme, ein Postamt mit Festspielsonderstempel. Das Erhabene ist fern und die Kirmes nah, und das ändert sich auch nicht auf der anderen Seite des Hohen Hauses, wo die Abteilung Gastronomie untergebracht ist, ein barackenähnliches Ensemble frühsozialistischer Prägung, das ebenfalls weniger die Schönheit, sondern vielmehr die Funktion im Sinn hat: die Verköstigung der 2000 Besucher, die es – bei den großen Opern jedenfalls – ja in jeweils zwei langen, einstündigen Pausen zu bewerkstelligen gilt. Da gibt es (für wenige) den Speisesaal der gedeckten Tische, da gibt es (für die meisten) die langen Schlangen vor Kaffee, Bier, Sekt und Bratwurst.Ja, die Bayreuther Bratwurst ist hier an allererster Stelle zu nennen, und ihr wird in den weiteren Betrachtungen eine zentrale Rolle zukommen.

Auch am zweiten Abend will es mit dem Drogenerlebnis nichts Rechtes werden, obwohl gerade die „Walküre“ sich wie keine andere dieser vier Opern im Delirium aus Lust und Liebe verliert, im Sinnenrausch des wallenden Wälsungenbluts, im Entsagungsschmerz von Wotans Abschied. Aber, ach, die Glückshormone wollen einfach nicht aus dem Häuschen geraten. Auch wenn Christian Thielemann an seinem unterirdischen Dirigentenpult manch Wundersames aus dem Festspielorchester herauszaubert, kammermusikalische Überraschungen, kaum gehörte Klangfarben. Aber es macht das Einerlei nicht wett, das sich auf der Bühne begibt, Tankred Dorsts hilf- und harmloser Inszenierung, die nun in ihrer dritten Saison dahindämmert. Und auch nicht die Tatsache, dass das Bayreuther Fest bei diesem „Ring“ ein Sängerfest ganz gewiss nicht ist.

Doch dann beginnt es. Ganz unversehens. Es ist der dritte Tag und eigentlich ein ganz unschuldiger, ein Ruhetag nämlich. Aber offenbar ist mittlerweile schon so viel Musik in einen hineingeflossen, dass sie dringend wieder hinaus will. Also fängt auf einmal ein Summen und Brummen und Pfeifen an auf den Lippen und im Kopf, ein Rauschen unter der Schädeldecke, ein Vibrieren an den Magenwänden, und es will einfach nicht enden. Es beginnt die unaufhaltsame Verwagnerung von allem und jedem, kaum ein Gedanke, der sich nicht irgendwie um diese Musik drehen und wenden will, ein Besetzt-, ja Besessensein, gegen das kein Mittel hilft.

Auch die Stadt Bayreuth selbst scheint ganz und gar von diesem Fieber befallen, kaum ein Schritt durch die barocke Altstadt, bei dem man nicht den vielfältigsten Wagneriana begegnete. Bei der Confiserie Klein wird ein Getränk namens „Walküre“ serviert, vermutlich weil es so stark ist: Espresso mit Kirschwasser; nebenan verkauft ein Laden „Meistersinger“-Tee. Die Gaststätte Oberes Tor preist „Fränkische Küche mit besonderer Note“ an, und neben diese Verheißung haben sie einen Violinschlüssel gemalt, damit auch jeder verstehe: Note! Musik! Es gibt kein Entkommen. Selbst das Schwimmbad heißt „Lohengrin-Therme“, und man weiß nicht, ob die Dame auf der Liege nebenan nicht vielleicht die Göttin Erda ist, „der Welt weisestes Weib“, und ob in der Sauna nicht neben einem bärtig der grimme Hagen hockt. Oder wenigstens einer von den zweiten Geigen. So klein ist die Welt hier. Bayreuth hat nicht mehr als 73 000 Einwohner.

Die Hitze brütet, die Luft im Festspielhaus steht (während der Aufführungen muss die Klimaanlage abgeschaltet bleiben). Und dann zeigt die Natur plötzlich ihre ganze Grausamkeit. Gerade als am dritten Tag die fromme Pilgerschar der Wagnergemeinde den Weg zum Grünen Hügel emporschreitet, zu „Siegfried“, schickt der Himmel mit Donner und Blitz eine Sintflut, es prasselt, es schüttet, es hagelt, es mehren sich Szenen der Panik. Pudelnasse Gestalten tropfen ins Festspielhaus, platschen in die Sitzreihen, und von Erfrischung von oben kann keine Rede sein, es ist schlimmer als zuvor. Nässe dampft nun im aufgeheizten Saal, ein einziges Feuchtgebiet, schon schmiedet Siegfried sein Schwert, bald röchelt Fafner, der Drache.

Überlebensstrategien werden ausgetauscht. Man müsse, sagt einer in der Pause, den Körper ganz tief in den harten Sitz hineinkauern, ja, hineinfläzen, möglichst viele Kontaktstellen mit dem Sessel herstellen, so sei das Gewicht am besten verteilt und die Lage am leichtesten zu ertragen. Im Gegenteil, widerspricht einer, kerzengerade habe man zu sitzen, stocksteif am besten. Das sei zwar zu Beginn etwas mühsam, auf Dauer jedoch die probateste Methode.

Für viele ist die eine Haltung so schlecht wie die andere. Weil ihnen die dürftigen Holzsitze ohnehin viel zu schmal sind. Zumal der berühmten Frage „Macht Volksmusik dick?“, abgewandelt auf Richard Wagner, eine gewisse Zustimmung nicht verweigert werden kann.

Die Droge ist mittlerweile tief hineingezogen in Körper und Geist, „Siegfried“ geht in die vierte Stunde, und der Sauerstoff im Festspielhaus ist so knapp wie auf dem Mount Everest. Lediglich die Temperatur ist entschieden höher, weshalb so manches Deodorant, das bis dahin heldenhaft kämpfte, das Weiterkämpfen einstellt. Alles andere ist dann eine Frage der Atemtechnik.

Brünnhilde besingt inbrünstig Sonne und Licht, der dritte Akt ist besonders lang. Und nach und nach bekommt die bisher bewiesene Contenance, diese geradezu japanische Duldsamkeit erste Sprünge. Warum atmet der Nachbar zur Linken plötzlich so laut? Warum raschelt da drüben ein Kleid ganz unverschämt? Warum wird die Dame auf dem Vordersitz auf einmal von einer eigenartigen Pendelkrankheit geschüttelt? Wippt auf ihrem Sitz vor und zurück. Und immer wenn sie sich nach vorne beugt, verdeckt ihr prächtiger schwarzer Haarschopf den Blick auf die Bühne. Vor und zurück. Obsessiv. Siegfried küsst Brünnhilde. Vor und zurück. Auf dem Stuhl des Dahintersitzers wächst die Gewaltbereitschaft. Sauerstoffmangel verändert den Menschen. Der Vorhang fällt, und in die Nacht taumeln schwankende Gestalten.

Wer solche Exerzitien durchgemacht und solche Prüfungen bestanden hat, was sollte den noch schrecken? Die nun zuletzt noch anstehende „Götterdämmerung“ ganz gewiss nicht, obwohl sie von allen vier Opern die größten Konditionsanforderungen stellt, bringt sie es doch auf eine Nettospielzeit von 275 Minuten, mit den Pausen sind das knapp sieben Stunden. Aber nun gibt es kein Halten mehr, die Leiden sind gelitten, die Höhen erklommen, per aspera ad astra. Da mögen die drei Nornen den schwurbeligsten Unsinn raunen und die Rheintöchter nicht minder („Weialala leia“), da darf sich Brünnhilde in den Feuertod jubilieren, so lange sie will: Jetzt ist alles ein Singen und Klingen, diese Bühne und dieses Haus sind plötzlich die ganze Welt. Und die andere Welt, die da draußen, ist fern und klein und unerheblich, als gäbe es sie nicht. Die Initiation ist geglückt, der Ritus vollzogen: Aufnahme in die Wagner-Gemeinde, in den Gralsorden der Richardianer. Bayreuth ist eine Messe wert.

Denn was sich hier begibt, ist ja keineswegs ein Opern-Festival wie anderswo. Ist ja nicht im Mindesten das Schickimickerige von Salzburg oder das Feinkost-Käferige von München. Bayreuth ist kein Festspiel, Bayreuth ist Festernst. Ist ja kein Sehen und Gesehenwerden. Daran ändert auch der 25. Juli nichts, der alljährliche Auftrieb am Eröffnungstag, an dem die Sakkos von Thomas Gottschalk und Roberto Blanco um die Krone der Geschmacklosigkeit wetteifern. So etwas ist der Wagner-Gemeinde in ihrem Herzensgrunde wesensfremd. Da ist ihnen Angela Merkel tausendmal lieber, die auch außerhalb der Premiere-Zeiten und ganz ohne Federboa als normale Besucherin hier auftaucht und – wie jetzt bei diesem „Ring“ – in der achten Reihe Platz nimmt und keinerlei Aufsehen erregt.

Keine Sperenzchen. Der Musik gilt es und dem holden Gesang. Und dafür gibt es gewisse Regeln. Der Mann hat im Smoking zu erscheinen, das ist so, weil es immer so war, mag sich auch bei den Journalisten in den hinteren Reihen manche Nachlässigkeit, ja Fliegen- und Krawattenfreiheit eingeschlichen haben. Und die Dame ist eine Dame und hat deshalb ein Abendkleid an. Diese Abendkleider aber sind ein Inbild der Beständigkeit. Selten wohl neu gekauft für den Bayreuther Event, sondern fester Grundvorrat fürs Feierliche. Volantkaskaden, Paillettenorgien, Seidentaft und Organza. Innereien der Schrankwände aus den 60ern, den 70ern, den 80ern. Ist doch noch gut.

Talmi hat hier kein Glück. Das ist die Botschaft des Grünen Hügels. Wer hierher kommt, hat in der Regel zehn Jahre auf seine Karte gewartet. Wer solche Steherqualitäten besitzt, der meint es ernst. Er ist schließlich nicht zu seinem Vergnügen hier.

Deshalb lässt er zumeist auch den Gourmetteller mit dem Scampischwanz, den die Verköstigungsstätte für 14 Euro 50 anbietet, links liegen und greift zu besagter Bratwurst, der artgerechteren Festspielnahrung. Was einerseits seine Regionalverbundenheit bezeugt: „Nicht vergessen/Täglich ein Paar Würstchen essen“, steht auf einem roten Schild in der Richard-Wagner-Straße. Und tatsächlich ist die Bratwurst so etwas wie ein Wahrzeichen der Stadt Bayreuth. Man kann kaum ein paar Schritte tun, ohne auf Wurststände zu treffen.

Andererseits ist die Pausenwurst auch der Inbegriff Bayreuther Biedersinns und Beharrungsvermögens. Der Wertegewissheit, die alle eint. Was stört da schon das rätselhafte Treiben manch wild gewordenen Regisseurs, spätestens, wenn der erste Ton erklingt, ist die Welt wieder in der alten Ordnung. Weil an den Tönen nicht zu rütteln ist. Den unvergänglichen. Den unverrückbaren. Weshalb auch niemandem bange sein muss, wenn nun, im letzten Jahr der Ägide Wolfgang Wagners, alles von Aufbruch und Neuanfang spricht. Mögen die Wagner-Töchter Eva und Katharina Unerhörtes sinnen, hier in Bayreuth gehen die Uhren, wie sie immer gingen. Im ewig fränkischen Takt.

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